Weder schwarz noch weiß - Eindrucksvolle Momente in erster deutschen Disney-Serie "Sam - Ein Sachse"

Von Manfred Riepe (KNA)

STREAMING - "Sam - Ein Sachse" erzählt das bewegende Schicksal des afrodeutschen Polizisten Samuel Meffire, der wegen seiner Hautfarbe diskriminiert wird und nirgends eine Heimat findet. Die erste deutsche Disney-Serie hat starke Momente, erscheint aber zuweilen auch belehrend.

| KNA Mediendienst

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"Sam: Der Sachse"

Foto: 2023 Disney und seine verbundenen Unternehmen/KNA

Bonn (KNA) Als Schwarzer hat Samuel Meffire in der DDR nichts zu lachen. Nach der Wende wird er Kripo-Beamter und avanciert dank einer Image-Kampage zum Vorzeige-Sachsen. Doch rechte Netzwerke innerhalb der sächsischen Polizei machen ihm das Leben schwer. Enttäuscht kehrt er seinem Job als Gesetzeshüter den Rücken, wird kriminell und zu zehn Jahren Haft verurteilt. Die siebenteilige Disney-Serie zeichnet das Leben Samuel Meffires als großen emotionalen Bilderbogen nach. Die Geschichte ist verwickelt. Beim besten Willen hätte man sie sich nicht ausdenken können. Samuel Njankouo "Sam" Meffire kommt 1970 in einem Dorf nahe Leipzig zur Welt. Seine Mutter ist Ostdeutsche. Der aus dem Kamerun stammende Vater übersiedelte aus politischer Überzeugung in die DDR. Dort ist er nicht willkommen. Am Tag der Geburt seines Sohnes stirbt er unter ungeklärten Umständen. Seine Frau glaubt, man habe ihn vergiftete - damit er nicht noch weitere schwarze Kinder in die Welt setzt. Das rassistische Motiv zieht sich als roter Faden durch die siebenteilige Serie "Sam - Ein Sachse". Nach Branwen Okpakos Dokumentarfilm "Dreckfresser" aus dem Jahr 2000 und der Arte-Dokumentation "Black Deutschland" (2006) greift nun Disney+ dieses Thema auf. Die Wahl des Sujets überrascht. Der Mickey-Mouse-Konzern steht eigentlich für unterhaltungsorientierte Formate ohne Ecken und Kanten. Die beiden Hauptautoren Jörg Winger und Christoph Silber (die gemeinsam Malina Nnendi Nwabuonwor, Toks Körner, Tyron Ricketts, Soleen Yusef und Carolin Würfel die Drehbücher verfassten) legen in dem von der Ufa realisierten, actionbetonten Mehrteiler nicht zufällig den Akzent auf die emotionalen Momente der Thematik. Eine Szene zu Anfang verdeutlicht die Zuspitzung. Sam (Malick Bauer) wechselt sich beim Fußballspiel selbst ein. Er trägt maßgeblich dazu bei, dass sein Team gewinnt. Eigentlich ist er ein Held. Dennoch lauern Hooligans ihm auf und schlagen ihn erbarmungslos zusammen. In Sicherheit bringt er sich mit einem Kopfsprung in den Fluss, wo dem Ertrinkenden unter Wasser der Geist seines toten Vaters die rettende Hand reicht: Der wegen seiner Hautfarbe Verfolgte wird zu einer mythisch überhöhten Figur. Falsch ist diese Tonlage nicht. Aber es ist zuviel Zuckerguss auf der Torte. Vom erzählerischen Gestus ähnlich - aber subtiler beobachtet - erscheint die Episode vor dem Mauerfall. Sam hat ein Kind mit seiner Freundin Antje (Luise von Finckh). Sie lebt in einer WG mit regimekritischen Punkern und Künstlern. Das Schicksal des diskriminierten Afrodeutschen hat keiner von ihnen auf dem Schirm. Anders ergeht es Sam bei der VoPo-Bereitschaft, wo er nicht nach Hautfarbe, sondern nach Leistung beurteilt wird. Erstmals findet er eine Heimat. Moralisch gesehen steht er aber auf der falschen Seite: Diese tragische Wendung gibt seiner Figur Glaubwürdigkeit. Für Irritation hingegen sorgt eine Szene in den Wirren des Mauerfalls, bei der Sam als DDR-Polizist jenen Menschen gegenübersteht, die voller Euphorie erstmals in den Westen aufbrechen. Bilder dieser Art gingen seinerzeit um die Welt. In jeder Chronik werden sie wiederholt: Hat zur Zeit der Mauerfalls tatsächlich jemand die Parole gegröhlt: "Deutschland den Deutschen! Ausländer raus!" Mit dieser Klitterung der Geschichte irritiert die Serie. Zu den stärkeren Momenten zählt jene Episode, die Sams Aufstieg zum Medienstar nachzeichnet. Beim Shooting zur Kampagne "Ein Sachse" - der die Serie ihren Titel verdankt - wird das dunkelhäutige Model aufgefordert zu tanzen. Das läge doch in seinem Blut. Unausgesprochen macht man Sam zu Affen. Transportieren die Macher nicht genau jene Weltsicht, der ihre Kampagne entgegenwirken soll? Grimmige Pointen dieser Art bleiben leider rar. Denn viele der Nebenfiguren, die die Geschichte vorantreiben, bleiben defizitär. So ist Sam liiert mit der umtriebigen Yvonne (Svenja Jung). Dass zwischen beiden der Funke überspringt, ist allerdings nicht wirklich spürbar. Die wohlhabende junge Frau lebt in einer schicken Villa, die - und hier trägt die Serie zu dick auf - einst vertriebenen Juden gehörte. Zur Kompensation gründet sie eine WG mit zwei schwarzen Frauen, einer Künstlerin und einer Anwältin. Deren Figuren bleiben leider auch allzu schemenhaft. Sie stehen für die erkennbare Absicht, Aspekte von Diskriminierung durchzudeklinieren. Zu packen vermag die Serie jeweils dort, wo sie ihre Charaktere mit feinerem Pinselstrich zeichnet. Als Wendepunkt erweist sich somit Sams Freundschaft zum damaligen sächsischen Innenminister Heinz Eggert. Martin Brambach verkörpert den Politiker mit einer Mischung aus Leutseligkeit und Arglist. Sein Versprechen, Sam bei der Zerschlagung rechter Netzwerke innerhalb der Polizei zu unterstützen, kann Eggert nicht halten - aus Rücksicht auf seine Koalitionspartner. Sam, inzwischen ambitionierter Kripo-Beamter, erlebt dieses Ränkespiel hinter den Kulissen nicht nur als Verrat eines engen Freundes. Braune Netzwerke sitzen in Sachsens Polizeiapparat offenbar am längeren Hebel. Diese bittere Bilanz vermittelt die Serie durchaus glaubwürdig. Also schmeißt Sam den Polizeijob. Mit seiner privaten Sicherheitsfirma gleitet er bald in die Kriminalität ab. Bei seiner zwischenzeitlichen Flucht nach Zaire wird er von dortigen Verwandten als "weiß" bezeichnet: Er gehört praktisch nirgendwo hin. Unterkomplex ist dieses verzweigte Thema wirklich nicht. Malick Bauer, der eine gewisse Ähnlichkeit mit Samuel Meffire hat und dessen physische Präsenz überzeugend verkörpert, gibt der Figur Profil. Wenn er zurück in seine Kindheit schaut, in der gezeigt wird, wie er aus Verzweiflung aus dem Fenster springen will, geht dies unter die Haut. Nur ungenau beobachtet wird jedoch Sam Meffires jäher Wandel von einem kultivierten Literaten - der Kirkegaard und Kafka zitiert - zu einem tumben Inkasso-Schläger, der die schmutzige Arbeit verrichtet für einen zwielichtigen Immobilienhai. (Oder ist es ein Zuhälter? Klar wird das nicht). Gewiss, zu sehen ist schon, dass Sam auch zuschlägt. Für welches Vergehen wurde er jedoch zu zehn Jahren Haft verurteilt? Diese kriminelle Energie vermittelt sich nur ansatzweise. "Sam - Ein Sachse" hat eindrucksvolle Momente, die Serie gibt Schwarzen in Deutschland eine Stimme. Ein solches Projekt war überfällig. Die mit sichtbar großem Aufwand in Szene gesetzte Serie ist aber auch ein Prestigeprojekt. Als Zugeständnis an eine bestimmte Zielgruppe redet Sam zuweilen so als habe er die "Black Life Matters"-Bewegung miterlebt und die Critical-Race-Theory rezipiert. Durch diese Überbetonung des politisch Korrekten verschenkt die Serie einiges vom Potenzial dieser unglaublichen Geschichte. Schade eigentlich.

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