Köln (KNA) "Guten Abend meine Damen und Herren" - es klingt so seriös wie früher, als Linda Zervakis acht Jahre lang die Nachrichten in der 20-Uhr-"Tagesschau" verlas. Nur gilt die vertraute Begrüßungsformel diesmal nicht einem Millionenpublikum im Ersten, sondern einigen Dutzend Vergnügungssüchtigen, die sich am vergangenen Freitag zur Aufzeichnung einer neuen Zervakis-Show in Köln eingefunden haben. Dort, wo sonst Sebastian Pufpaff für "TV Total" übers Fernsehen witzelt, sieht es aus wie in einem richtigen Nachrichtenstudio, mit Stehpult und Hintergrund in News-blau. Die Moderatorin, seit 2021 bei ProSieben unter Vertrag, trägt natürlich Nadelstreifen zum Nachrichtenton. Und doch ist unmissverständlich: Das ist alles nur eine Parodie. Die von Zervakis verlesenen "Nachrichten" sind alle falsch und irre komisch. Mit "Fake News - Alles erstunken und erlogen" gönnt sich jetzt also auch ProSieben eine Comedy-Show im Stil einer News-Sendung, was die "heute-show" im ZDF seit fünfzehn Jahren vormacht. Im Unterschied zur öffentlich-rechtlichen Variante werden die Nachrichten aber nicht einfach nur humorig aufbereitet bis satirisch zugespitzt. Bei "Fake News" sind sie tatsächlich frei erfunden - und das Bildmaterial täuschend echt manipuliert. Künstliche Intelligenz macht's möglich. Unter Zuhilfenahme von Deepfake-Technologie werden Politikerinnen und Politiker in den ungewöhnlichsten und kompromittierendsten Situationen gezeigt: Die Kanzlerin a.D., Angela Merkel, öffnet ihr vermeintliches Privatalbum, in dem sie als berauschte Party-Queen ihren Ruhestand von CDU und Kanzleramt feiert. Noch-Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) stolziert in Baggy-Pants über den Laufsteg. Gregor Gysi, Veteran der Linken, führt einen Pullover mit der Aufschrift "FCK BSW" aus, der trotz verschämter Kurzform einer wüsten Beschimpfung von Gysis Ex-Parteikollegin Sahra Wagenknecht gleichkommt. Die FDP-"Soldaten" Agnes Strack-Zimmermann und Christian Lindner spielen im Militärboot den "D-Day" anno 1944 nach. Kanzler Scholz rastet im Körper der cholerischen ProSieben-Fernsehfigur Bernd Stromberg mal so richtig sozialdemokratisch und ohne Teleprompter aus, CDU-Chef Friedrich Merz rappt "Alte weiße Männer an die Macht". Und sein Konkurrent von der CSU, Markus Söder, pieselt im Weihnachtsmannkostüm das Wort "Fake News" in den unschuldigen Schnee. Und wie im richtigen Nachrichtenfernsehen gibt es auch bei "Fake News" Live-Schalten. Der AfD-Politikerin Alice Weidel entlockt Linda Zervakis im Interview die Ansage, dass sie Essen mit "ü" und "ö" verbieten lassen wolle, auch Kölsch - das Kölner Studio-Publikum quittiert den Gag dennoch mit Applaus. Aus der Antarktis meldet sich der Außenreporter Ferdinand zur Lage der Eisbären, im Hintergrund chillt ein Exemplar im Sonnenstuhl. Dazu gibt es einen Sport- und einen Promi-News-Block. Für letzteren klaut ProSieben bei der RTL-Konkurrenz: In der Format-Adaption "RTL exzessiv" wird die Trash-TV-Berühmtheit Claudia Oberth von der Comedienne Tahnee lallend parodiert. Hauptverantwortlich ausgedacht hat sich den ProSieben-Quatsch Rainer Bender. Mit ihm hat sich die Brainpool-Produktion einen Comedy-Spezialisten mit mehr als 25 Jahren Erfahrung als Chef-Autor an Bord geholt. Neben der "Sat.1 Wochenshow" oder Kaya Yanars "Was guckst Du?!" schrieb und produzierte Bender auch die mehrfach ausgezeichnete Internet-Show "Ehrensenf", Hauptmoderatorin seinerzeit: Katrin Bauerfeind. In "Fake News" hat sie nun eine tragende Nebenrolle. Sie spricht den politischen Kommentar, "Die Analyse" genannt. Bauerfeinds Hauptthese: Bei der gescheiterten Ampel-Koalition handele es sich nicht um eine Regierung, sondern um eine Doku-Soap, die den Titel "Goodbye Deutschland" verdiene. Linda Zervakis' "Mann für die leichten Themen" ist Benni Stark, von Haus aus Stand-up-Comedian. Er verliest nicht nur die Meldungen aus der Sport- und Promi-Welt. Für einen Einspieler war er auch als Außenreporter unterwegs, um Skurrilitäten rund um die Verleihung des Fernsehpreises "Goldene Henne" einzusammeln. Live im Studio schlüpft Stark außerdem mit Lockenperücke und spanischem Akzent in die Figur von Spaniens Fußballnationalspieler Marc Cucurella, um zu erklären, wie es zu dem berühmten Handspiel im EM-Viertelfinale gegen Deutschland kam. Mit Namen spielen ist zwar selten lustig, erst recht nicht für die Betroffenen, aber im Fall ihres Co-Moderators hat Linda Zervakis völlig recht: Benni Starks Sketch ist wirklich "stark". Auch ihr selbst fliegt Anerkennung aus dem Publikum zu: "Das ist das Beste, was ich von Ihnen gesehen habe", ruft eine Frau ihr in einer Aufzeichnungspause zu. Zervakis bedankt sich mit Herzchen und sagt, dass "Fake News" definitiv "lustiger als die Tagesschau" sei. Bei allem Spaß an Nachrichtenspiel und KI-Spökes: Es ist natürlich ein schmaler medienethischer Grat, auf den sich ProSieben da begibt. Spontan hineinzappende Zuschauer könnten die Sendung im ersten Moment nicht als TV-Fälschung erkennen, zu sehr ist Linda Zervakis als seriöse Nachrichtenmoderatorin in den Köpfen abgespeichert. Und so täuschend echt legt die KI-Software Politikerinnen und Politikern falsche Worte in den Mund. Erst beim längeren Dranbleiben dürfte sich manch einem erschließen, dass es sich etwa bei Alice Weidels Gerede von der "Döner-Remigration" um Humbug handelt. Vielleicht aber auch nicht? Zweifel soll der in der rechten unteren Bildecke eingeblendete Hinweis "KI generiert" ausräumen. Der Kennzeichnungspflicht kommt ProSieben also nach. Ebenso der Pflicht, zu unterhalten, getreu dem Senderclaim "We love to entertain you". Mit der Erstausgabe von "Fake News - Alles erstunken und erlogen" ist ProSieben ein kurzweiliger, aber nicht einmaliger Fernsehspaß gelungen. Irgendwann im ersten Halbjahr 2025 soll es als wöchentliches Format weitergehen. Ob das auf dem Sendeplatz am Mittwochabend im Anschluss an "TV Total" stattfindet, steht laut Senderauskunft noch nicht fest. Das Ensemble aus Linda Zervakis, Benni Stark und Katrin Bauerfeind aber ist gesetzt und soll je nach Bedarf mit prominenten Gästen und Rollen ergänzt werden.