Berlin (KNA) Laut und sehr deutlich spricht Hubertus Meyer-Burckhardt, als er im neuen "ARD History"-90-Minüter erstmals auftritt. Das ist auch nötig, weil das Talkshow- und Fernsehproduktions-Urgestein da gerade auf einer Brücke die Autobahn überquert. Um das mit mehr als 13.000 km Länge "mit Abstand größte Bauwerk im Lande", das ja in der Tat jeden Menschen, der in Deutschland lebt, mehr oder weniger berührt, geht es in "Lebensader Autobahn". Dass gerne am Rande der echten Autobahn gefilmt wird, verhilft dem Film sozusagen automatisch zu Tempo und PS. In der mit ein paar inszenierten Spielszenen versetzten Doku geht es lauter und etwas schneller zu als sonst in den oft redundanten Alltags-Dokus. Visuell profitiert der Film von drohnengefilmten Luftaufnahmen des gewaltigen Bauwerks, seinen imposanten geschwungenen Zufahrten und von den Landschaften drumrum, die beim Durchbrausen schön aussehen. Insbesondere möchte Meyer-Burckhardt mit dem zwar schon häufig widerlegten, aber auch immer wieder aufploppenden Mythos aufräumen, die Autobahn sei eine Errungenschaft Hitlers oder eine Erfindung der Nazis. Schließlich steht "Avus", wie ein wichtiges Westberliner Teilstück der Autobahn heißt, für eine anno 1921 eröffnete "Autoversuchsstrecke", die fast sogar noch auf Kaiser Wilhelms II. Image eingezahlt hätte. Denn die Bauarbeiten begannen schon 1913, eröffnet wurde die AVUS aber erst nach dem Ersten Weltkrieg 1921 - und damit ganz klar vor der Nazizeit. Schon 1928 hatte auch der viel spätere Bundeskanzler Konrad Adenauer die "Kraftwagenstraße" zwischen Köln und Bonn initiiert, die zwar in der Nazizeit zur Landstraße degradiert wurde, aber alle Autobahn-Kriterien erfüllte. Hitler übernahm nach seinem Machtantritt zudem schlicht die Pläne des Vereins namens Hafraba, der Hamburg, Frankfurt und Basel mit Autostraßen verbinden wollte. Insofern wurde damals ein Schnellstraßen-Netz übers Land gelegt, das es bis heute prägt. Dass davon nicht etwa die zugleich massiv ausgebaute Wehrmacht profitierte (die schließlich sofort im Ausland angriff), sondern eher die US-Army, als sie im Krieg Deutschland erreichte, wie der Historiker Conrad Kunze sagt, zählt zu den Ironien der Geschichte. Der Wissenschaftler nennt dann noch Hitlers Generalinspektor fürs Straßenwesen, Fritz Todt, einen "guten Organisator". Seine Andeutung, der Flugzeugabsturz, durch den Todt starb, habe mit dessen Hitler-Kritik zu tun gehabt, steht allerdings etwas verloren im Film. Viel gut nachvertonbares Bildmaterial gibt es zu all diesen Themen. Schon daher bietet "Lebensader Autobahn" einen flotten Mix aus vielerlei Geschichten. Außer um schwarzweiße Vergangenheit geht es etwa auch um die seit 2020 umkämpfte Rodung des Dannenröder Forsts in Hessen für den weiteren Ausbau der A9. Heutige Experten berichten von ihrer Arbeit, so die Leiterin der ältesten von 180 deutschen Autobahnmeistereien aus Bad Segeberg. Wir treffen einen "Extrembotaniker", den Pflanzen am Rande der Autobahn faszinieren, und einen griechischer LKW-Fernfahrer, der einerseits das Problem überlasteter Übernachtungsparkplätze anschneidet, andererseits aber die deutsche Autobahn im europäischen Vergleich lobt. Und dann kommt der Stau. In den frühen 1960ern tauchte das Problem erstmals richtig auf, weil sich die Zahl der westdeutschen Pkws im Wirtschaftswunder verfünffacht hatte. Ungefähr zur gleichen Zeit entstanden die ersten Autobahnkirchen. "Tankstellen der Seele werden sie genannt", sagt Meyer-Burckhardt. Der katholische Autobahn-Pfarrer aus dem bayerischen Adelsried liest aus dem gut gefüllten Gästebuch vor (und berichtet, wie der erste dort tätige Pfarrer einst, wenige hundert Meter entfernt, beim Aufstellen eines Warndreiecks überfahren wurde ...). Um den Kraftwerk-Song "Autobahn" geht es leider nur in einer eher nichtssagenden Einlassung des Schlager-Experten Peter Urban. Aber ingesamt kommt allerhand teils Wissenswertes, teils Unterhaltsames aus unterschiedlichen Autobahn-Bereichen zusammen, "Wildbrücken"für den gefahrlosen Transfer von Fuchs und Hase inklusive. Weder dieses Für-jeden-etwas-Prinzip verdient grundsätzliche Kritik, noch, dass das Ganze ostentativ unchronologisch daherkommt. Bloß das Hin- und Herspringen zwischen den vielen Themen erweist sich irgendwann als Problem. Kaum zwei Minuten bleibt "Lebensader Autobahn" bei einem Thema. Der Hitler- und auch der Dannenröder-Forst-Strang werden so ineinander montiert, als wolle der Film Zusammenhänge herstellen, was er zweifellos nicht möchte (auch wenn sich an wieder anderer Stelle kurz zeigt, dass Nazi-Propaganda tatsächlich betonte, dass beim Autobahnbau schöne Bäume, wenn möglich, stehen gelassen wurden). Kaum dass der Lkw-Fahrer Probleme und Leistungen der europäischen Gegenwart benennt, geht es, schnell und kurz, um Geschwindigkeitsrekorde bei Avus-Autorennen der 1930er Jahre, die von den Nazis inszeniert und instrumentalisiert wurden. Die naheliegende Frage, ob nicht diese Rekorde den weltweiten Ruf der deutschen Automobilindustrie mit begründeten, der die Nazizeit problemlos überstand (und womöglich erst 2024 entscheidend zu verblassen begann), stellt Meyer-Burckhardt aber nicht. Der Running-Gag, dass in nachgestellten Interviewszenen Helmut Zierl in den Rollen von Bundesverkehrsministern unterschiedlicher Jahrzehnte die Frage nach Tempolimits mit stets anderen Argumenten vom Tisch wischt, mag gewissen Witz besitzen. Völlig unlustig ist dagegen die überdies eingestreute, kurze Spielhandlung um ein sonnenbebrilltes Pärchen aus Bochum (Anna Thalbach, Enrique Fiß), das in den 1960er Jahren ein Autobahn-Wettrennen mit seinen lieben Nachbarn an die See veranstaltet. Das kostet nur Zeit, die an anderer Stelle besser eingesetzt wäre. Das von Presenter Meyer-Burckhardt gern mit "zurück zu"-Überleitungen moderierte Hin- und Herspringen zwischen den Zeitebenen verschenkt so viel Potenzial. Die vielfältigen Ambivalenzen, die mit der Autobahn verbunden waren und sind, werden kaum deutlich, bestehende Probleme werden verdeckt - wie die 2024 vieldiskutierten maroden Autobahnbrücken. Hier liegt die Problematik ja nicht an einer schlechten Bauweise. Vielmehr wurden Ausmaß und Gewicht des künftigen Fahrzeugaufkommens vor wenigen Jahrzehnten völlig falsch eingeschätzt oder schlicht für unvorstellbar gehalten worden. Wird das so weitergehen oder sind gegenwärtige Zukunftsberechnungen zukunftsfester? Mit ein bisschen mehr Konzentration und ein bisschen mehr Fokus auf Kontinuitäten, die das größte Bauwerk im Lande notwendigerweise prägen, wäre für "Lebensader Autobahn" bei ähnlich flotter Unterhaltsamkeit deutlich mehr Tiefgang drin gewesen.