"So wie im TV sieht Deutschland auf der Straße nicht aus" - Headautor Lamin Leroy Gibba über die ARD-Serie "Schwarze Früchte"

Von Clara Engelien (KNA)

DIVERSITÄT - Zwei queere, schwarze Hauptfiguren in einer öffentlich-rechtlichen Fernsehserie sind in Deutschland eine absolute Ausnahme. Hauptdarsteller und Headautor Lamin Leroy Gibba weiß aus eigener Erfahrung, woran das liegt und wie Abhilfe zu schaffen wäre.

| KNA Mediendienst

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"Schwarze Früchte"

Foto: David Uzochukwu/ARD Degeto/Jünglinge Film/Studio Zentral/KNA

Berlin (KNA) Die achtteilige Dramedy-Serie "Schwarze Früchte" in der ARD-Mediathek erzählt von zwei jungen Freunden in Hamburg, die ihren Platz in der Welt suchen. Lalo und Karla sehen sich mit Konflikten in der Familie, bei der Arbeit und in Freundschaften konfrontiert - und als schwarze, queere Menschen auch mit gesellschaftlichen Vorurteilen und Diskriminierung. Im Interview mit dem KNA-Mediendienst spricht Schöpfer Lamin Leroy Gibba (30) über die Hürden, die dem Projekt entgegenstanden, das Potenzial von "Cringe Comedy" und Diversität hinter der Kamera. KNA-Mediendienst: Herr Gibba, Sie sind nicht nur Hauptdarsteller der Serie "Schwarze Früchte", sondern auch ihr Schöpfer und Headautor. Was hat Sie dazu veranlasst, genau diese Geschichte zu erzählen? Lamin Leroy Gibba: Ich habe Schauspiel studiert und schon währenddessen Drehbücher und Theaterstücke geschrieben. Nach meinem Abschluss war ich voll motiviert, viel zu spielen. Wurde dann aber schnell mit der Realität konfrontiert, dass es sehr wenig Rollen für Schwarze und sichtbar queere Schauspieler*innen gibt. Deshalb wollte ich meine eigenen Projekte starten. Es hat sich gut angefühlt, zu sagen: Ich entwickle jetzt einfach selber die Serie, die ich gerne sehen würde, in der ich selbst entscheiden kann, wie komplex die Figuren sind, in welcher Tonalität ich die Geschichte erzähle und mit was für einem Team ich zusammenarbeite. Mir war wichtig, dass die Perspektiven, die vor der Kamera sind, auch hinter der Kamera maßgeblich die Entscheidungen treffen. MD: Im Zentrum der Coming-of-Age-Serie stehen zwei Mittzwanziger, die seit der Kindheit befreundet sind. Sie sind beide schwarz und queer, und das spielt natürlich eine Rolle. Aber es sind zwei Eigenschaften unter vielen, abgesehen davon könnten die beiden verschiedener nicht sein. Braucht es die persönliche Erfahrung, um Charaktere so facettenreich zu entwickeln? Gibba: Ich denke, jede*r Autor*in kann komplexe Figuren schreiben, unabhängig davon, ob sie die konkreten Erfahrungen der Figur persönlich erlebt haben. Grundsätzlich ist es aber extrem wichtig, dass Autor*innen, mit Perspektiven, die strukturell marginalisiert sind, die Möglichkeit haben, ihre eigenen Geschichten zu erzählen. Das heißt nicht, dass die Figuren ein Abbild von einem selbst sein müssen. "Schwarze Früchte" zentriert zwar Schwarze und queere Figuren, ist aber kein autobiografisches Projekt. Mit der Figur Lalo hatte ich die Möglichkeit jemanden zu spielen, der ganz anders ist als ich. Auch im Writers Room kamen viele unterschiedliche Perspektiven zusammen. Jede Person, die Teil des künstlerischen Teams ist, prägt letztendlich die Figuren. MD: Apropos: Nicht nur die beiden Hauptfiguren haben eine schwarze, queere Perspektive. Die Serie hat insofern einen gewissen Pioniercharakter, als sie auch von einer fast ausschließlich queeren, BIPOC Filmcrew produziert und einem schwarzen Writers Room entwickelt wurde. Wie kann man sich diesen Arbeitsprozess vorstellen? Gibba: Nachdem ich das Konzept und die erste Staffel entworfen hatte, haben wir im Writers Room drei Wochen lang zu fünft die Szenen, den dramaturgischen Bogen und die Figuren überprüft, besprochen und weiterentwickelt. Warum verhält sich diese oder jene Figur jetzt so oder so? Das war auch deshalb bereichernd, weil alle vier Autor*innen neben dem Filmschaffen auch in anderen Bereichen arbeiten: Journalismus, Lyrik, Prosa und Theater. Dieser Prozess war die Vorbereitung für den eigentlichen Schreibprozess an den acht Drehbüchern, von denen ich vier mit jeweils einer anderen Autor*in zusammengeschrieben habe, vier alleine. MD: Wie leicht war es überhaupt, vorher Menschen von dem Stoff zu überzeugen? Gibba: Ein Jahr lang habe ich allein im stillen Kämmerchen dran gearbeitet, bin dann an Produktionsfirmen herangetreten. Die Resonanz war am Anfang nicht gut. Es hieß, dass die Serie nicht umsetzbar ist. Dass es kein Publikum gibt für zwei Schwarze Hauptfiguren, noch weniger für zwei Schwarze, queere Hauptfiguren. Was natürlich nicht stimmt. Mir wurde letztendlich davon abgeraten, mit dem Projekt weiterzumachen. Es wurde auch gesagt, dass die Tonalität noch nicht verständlich ist. Das konnte ich am ehesten nachvollziehen, denn auch ich hatte die Tonalität in der Form noch nicht im deutschen Fernsehen gesehen. Das war eine meiner größten Aufgaben in den darauffolgenden Jahren, Worte für diese spezifische Tonalität zu finden und diese dann immer wieder zu kommunizieren. MD: Offensichtlich haben Sie sich davon nicht entmutigen lassen. Wie kam es dann doch zur Umsetzung? Gibba: Ich habe Jünglinge Film getroffen. Mit denen war es vom ersten Augenblick an anders. Die meinten direkt zu mir: Du weißt, was du erzählen willst, wir sehen das. Schon beim ersten Gespräch haben wir über mögliche Förderung gesprochen. In Koproduktion mit Studio Zentral und der ARD Degeto, zog sich das über die Jahre so durch, dass mir als Showrunner extrem viel Vertrauen entgegengebracht wurde. Als Showrunner begleite ich den gesamten Prozess und bin mit jedem Department im Austausch. Insgesamt hat der Arbeitsprozess fünf Jahre gedauert, von der ersten Idee bis zur Ausstrahlung. MD: Stichwort Tonalität: Was die Serie auszeichnet, ist eine fast permanente Anspannung in den Dialogen und Interaktionen. Redepausen oder Reibungen, die manchmal schwer zu ertragen sind, aber oft auch eine Komik mit sich bringen. Gibba: Genau, das Genre kann man als "Cringe Comedy" bezeichnen... MD: ...auf Deutsch also etwa "Fremdscham-Komik... Gibba: Wir lassen Längen und Stille zu. Das geht gegen Sehgewohnheiten, obwohl es sich eigentlich näher an der gelebten Realität anfühlt. Wir haben auch keine Musik. Die Serie lebt davon, dass das Publikum selbst entscheidet, was es gerade lustig oder traurig oder zum Fremdschämen findet. Ein wichtiger Teil der Tonalität ist auch, dass viele Figuren sich sehr widersprüchlich verhalten, man sich darin aber auch wiedererkennen kann. MD: Produziert wurde die Serie neben Jünglinge Film auch von Studio Zentral, unter dem Dach von ARD Degeto. Alle drei haben sich einen Namen gemacht mit mutigeren Stoffen, die man im deutschen Fernsehen noch nicht gesehen hat. Zuletzt etwa mit den Serien "Made in Germany" oder "Die Zweiflers". Findet in der deutschen Film- und Fernsehlandschaft gerade ein Wandel statt, in dem vormals unterrepräsentierte Stimmen mehr Platz bekommen? Gibba: Dass ein Projekt wie "Schwarze Früchte" realisiert werden konnte, ist der unermüdliche Arbeit von Organisationen wie "Schwarze Filmschaffende e.V.", "Label Noir" und vielen anderen Vereinen und Personen aus der Filmbranche zu verdanken, die sich jahrzehntelang dafür eingesetzt haben, dass die Vielfalt unserer Gesellschaft im Film und Fernsehen abgebildet wird. Ein Wandel muss vor allem in den Strukturen stattfinden und ist erst dann vollzogen, wenn es nicht mehr einzelne "Highlights" mit mehr Perspektivenvielfalt gibt. Sondern wenn das zur Norm wird, wenn man den Fernseher anschaltet oder ins Kino geht. Noch ist das ein Paralleluniversum. Damit meine ich, so, wie Deutschland im Fernsehen abgebildet ist, sieht es auf unseren Straßen einfach nicht aus. MD: Welche Strukturen meinen Sie? Gibba: Vor allem in der Filmförderung. Wie Gelder verteilt werden. In anderen Ländern gibt es bereits Kriterien und Diversitätsrichtlinien, wie zum Beispiel die Crew und die Besetzung vor der Kamera zusammengestellt sein muss, damit Projekte öffentlich-rechtliche Förderung bekommen können. In Deutschland sind auch die Fernsehredaktionen zentral: Wie sind diese aufgestellt? Wer entscheidet, welche Projekte umgesetzt werden und welche nicht? Letztendlich hat aber jede Person in dieser Branche die Macht und eine Verantwortung, etwas zu verändern und Projekte von Filmschaffenden mit marginalisierten Perspektiven nachhaltig zu unterstützen. MD: In der Serie ist subtiler und weniger subtiler Alltagsrassismus sehr präsent. Szenen, in denen klar wird: Die diskriminierenden Figuren meinen es ja "nicht böse". In der ersten Folge zum Beispiel sind Hauptfigur Lalo und sein Noch-Freund zum Abendessen bei dessen Eltern in einem bildungsbürgerlichen Einfamilienhaus eingeladen. Die Mutter gibt sich progressiv und rassismuskritisch, verhält sich aber übergriffig und reduziert Lalo letztlich doch nur auf sein Schwarzsein. Gibba: Rassismus und auch der Sexismus, den beispielsweise Lalos beste Freundin Karla in ihrem Job erfährt, sind eine strukturelle Realität unserer Gesellschaft und deshalb auch Teil der Realität der Serie. Insofern gehören sie zum Fundament, auf dem sich die Geschichte abspielt. Lalo und Karla bewegen sich häufig auf Minenfeldern von Grenzüberschreitungen und Diskriminierungen, aber unser Ziel war es nicht, Zuschauer*innen zu erklären, was Rassismus ist oder wie bestimmte Strukturen funktionieren, sondern wir erzählen einfach diese Figuren aus spezifischen Communitys, die dabei im Zentrum ihrer Geschichten stehen. MD: Premiere hat "Schwarze Früchte" schon im Juni gefeiert, auf dem renommierten Tribeca Festival in New York. Wie war es, ausgerechnet dort zum ersten Mal die Folgen einem Publikum zu zeigen? Gibba: Ich war sehr gespannt, wie sich die Handlung für ein anderes Publikum als das deutsche übersetzt. "Schwarze Früchte" ist eine spezifisch deutsche Serie, insofern als dass die Serie innerhalb des jetzigen Stands der kulturellen Debatten in Deutschland verortet ist, was zum Beispiel Rassismus angeht. Aber das Publikum in New York ist total drauf angesprungen, einige Zuschauer*innen haben während der Vorführung sogar mit der Leinwand gesprochen. MD: Wie? Gibba: Sie haben direkt auf die Handlungen der Figuren reagiert, also zum Beispiel gefragt "Was machst du da? oder "Nein, mach das nicht". MD: Wie ist die Resonanz seit der Veröffentlichung? Gibba: Es ist voll toll. Uns schreiben so viele Leute ihre Gedanken und was die Figuren ihnen bedeuten. Viele Schwarze und queere Leute schreiben, dass sie sich von der Serie gesehen fühlen. Aber auch Menschen, die ganz andere Lebensrealitäten haben als unsere Hauptfiguren, sagen, dass sie sich auch selbst in ihnen sehen. Es schreiben uns auch einige, die zum Beispiel über 60 sind und die ihre wertschätzenden Nachrichten oft mit "Ich bin wahrscheinlich gar nicht die Zielgruppe" beginnen. Aber über ihre Nachrichten freuen wir uns natürlich genauso, und es zeigt auch nochmal, wie universell spezifisch erzählte Geschichten sind.

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