Bonn (KNA) In Deutschland lebte Ende 2023 rund 7,9 Millionen Menschen mit Schwerbehinderung. Das entspricht einem Anteil von 9,3 Prozent an der Gesamtbevölkerung. In Redaktionen sind Menschen mit einer sichtbaren Behinderung heute aber oft noch eine Ausnahme. Viele Arbeitgeber im Medienbereich zögern, Menschen mit Behinderungen einzustellen, berichtet Ernst Tradinik. Der österreichische Sozialpädagoge arbeitet an der Schnittstelle zwischen sozialer Arbeit und Journalismus und realisiert selbst Medienprojekte gemeinsam mit Menschen mit Behinderung. Über diese Arbeit hat er nun das Buch "Inklusive Medienarbeit" herausgegeben, in dem er gemeinsam mit weiteren Autorinnen und Autoren - mit und ohne Behinderung - über ihre Erfahrungen im Mediensystem berichtet. KNA-Mediendienst: Herr Tradinik, Ihr Buch heißt "Inklusive Medienarbeit". Was ist das genau? Ernst Tradinik: Inklusive Medienarbeit ist für mich die Arbeit mit elektronischen Medien, also Fernsehen, Radio, Podcast, Social Media, die von Menschen mit Behinderung oder mit psychischer Erkrankung gestaltet oder mitbestimmt werden. MD: Warum nur elektronische Medien? Tradinik: Das kommt aus meiner Praxis heraus, weil ich ständig mit Ton und Video zu tun hatte. Ich arbeite schon seit sehr vielen Jahren mit Menschen mit Lernbehinderung oder Lernschwierigkeiten. Sie bekommen nicht nur wegen ihrer kognitiven Möglichkeiten selten die Gelegenheit, mitzubestimmen, sondern auch wegen ihres Lebensumfeldes. Mich interessiert, wie man diese Menschen bei einem Medienprojekt begleiten kann, so dass sie vieles selbst bestimmen können. MD: Woher kam Ihr Interesse, die Bereiche Arbeit mit Menschen mit Behinderung und die Medienarbeit miteinander zu verbinden? Tradinik: Ich habe Publizistik, Pädagogik und Psychologie studiert und parallel zum Studium in einer Wohngemeinschaft mit sechs geistig behinderten Menschen gearbeitet. Dort hatte ich mit hochtraumatisierten Personen zu tun und drüben an der Uni etwas von Massenkommunikation und Zeitungswissenschaft erfahren. In der Praxis habe ich selbst begonnen, Videos und Radio zu machen. Eine Weile lief das parallel und irgendwann bin ich mit Erschrecken darauf gekommen, warum noch niemand die beiden Bereiche miteinander verbunden hat. Warum ich selbst noch nie auf die Idee gekommen war, die Menschen, mit denen ich gearbeitet habe, mit Journalismus in Verbindung zu bringen. MD: Beim Lesen Ihres Buches bekommt man den Eindruck, dass inklusive Medienarbeit nicht nur auf das Medienprodukt abzielt, das dabei herauskommt, sondern dass sie auch therapeutische Wirkung haben und die Selbstermächtigung fördern kann. Tradinik: Diesen Prozess muss man sich gut anschauen. Wenn man bei einem Projekt keinen Druck hat, am Ende ein Produkt zu haben, kann man unter Umständen einer Person einfach die Zeit und den Raum lassen. Wenn man ein Produkt haben muss, ist es wichtig, die Notbremse zu ziehen, wenn man den Eindruck hat, dass eine Person gerade aus einem anderen Grund spricht und das gar nicht veröffentlicht sehen will. MD: Wie kann sich die Arbeit mit Medien denn konkret positiv auf Menschen mit Behinderungen oder psychischen Erkrankungen auswirken? Wie profitiert ein Mensch mit Sprachbehinderung vom Radiomachen? Tradinik: Erfahrungen zeigen, dass Menschen, die Radio machen, parallel auch im Alltag anfangen, mehr zu sprechen. Psychoanalytiker sind von dieser Erfahrung zum Beispiel gar nicht überrascht und sehen da einen möglichen Effekt. Das ist aber ein Feld, das ich mir unbedingt noch genauer anschauen möchte, genau kann man das noch nicht beschreiben. MD: In Ihrem Buch schreiben Sie auch über Macht und über das Abhängigkeitsverhältnis, in dem Menschen mit Behinderung und ihre Begleiterinnen und Begleiter auch in der Medienarbeit stehen. Wie kann man diesen Herausforderungen begegnen? Tradinik: Aus der Arbeit als Sozialpädagoge kann ich sagen: mit Supervision. Man müsste sich regelmäßig die Frage stellen, welche Ziele man als Begleiter selbst mit der Arbeit verfolgt und wie man Menschen mit Behinderung sieht. MD: Findet diese Supervision denn in inklusiven Medienprojekten schon statt? Tradinik: Ich fürchte nicht. Es gibt ja immer mehr Projekte, einfach, weil es durch das Internet technisch viel einfacher ist. Und die finden alle in verschiedenen Settings statt. Es ist ein Unterschied, ob ich eine Person mit einer körperlichen oder eine kognitiven Behinderung begleite. Aber man müsste das sicherstellen, wenn man ein Projekt startet. MD: Inwieweit sind Projekte zur inklusiven Medienarbeit denn in die Mediensysteme integrierbar? Welche Erkenntnisse kann man aus diesen Projekten ziehen, von denen auch der professionelle Journalismus profitieren könnte? Tradinik: Im Grunde ist das ganz leicht - wenn man es zulässt. Ich habe schon vor zehn Jahren über inklusive Medienprojekte gehört, dass sie eigentlich ins Hauptabendprogramm des Fernsehens gehören. Man muss einfach den Mut haben, dass die Zuschauer das dann schon verstehen und zur Kenntnis nehmen. Beim Arbeiten im Team muss man sich einfach aneinander gewöhnen und sich kennenlernen. MD: Im Buch beschreiben Sie eine Situation, in der ein Mann, der nur über Laute kommuniziert, seine Stimme aufnimmt und sie sich wieder und wieder anhört. Welche Rolle könnte er im professionellen Mediensystem spielen? Tradinik: Ich träume davon, dass man mit einer Person, die in Lautsprache kommuniziert, eine Musiksendung macht. Es ist nur eine Entscheidungsfrage: Diese Person interessiert sich schon lange für Musik und drückt sich eben so aus. Das kann man senden und zulassen. Natürlich gibt es Grenzen, wenn es um Schnelligkeit geht. Im tagesaktuellen Geschäft, im Nachrichtengeschäft, würden Personen mit kognitiver Beeinträchtigung nicht mitkommen. Da müsste man die Formate schon ein wenig anpassen. MD: Das heißt aber, die Begrenzung ist im System angelegt, nicht in den Menschen? Tradinik: Ja. MD: Welche Rolle spielt der technische Fortschritt für die inklusive Medienarbeit? Tradinik: Ich bin jetzt 55 Jahre alt. Ich habe das in jungen Jahren selbst noch erlebt, dass der Wunsch, ein eigenes Videoprojekt zu machen, eigentlich unmöglich war, weil eine Kamera eine Million Schilling gekostet hat, also Summen, die man nie hätte aufbringen können. Dann kamen die freie Radios, Handys, mit denen man filmen konnte, YouTube. Das hat sowohl Menschen mit als auch Menschen ohne Behinderung viel ermöglicht. Dass du etwas umsetzen kannst, ohne dass du jemanden brauchst. Dass du einen Kanal bespielen und bekannt und erfolgreich werden kannst, auch wenn ein Sender Nein sagt. MD: Sind Menschen mit Behinderung auch eine wichtige Zielgruppe für die Produkte inklusiver Medienarbeit? Tradinik: Bei meinen Projekten kommen immer wieder Personen mit Behinderung, die sagen, dass sie die Sendung und den Moderator mit Behinderung super finden. Die finden da wichtige Role Models. MD: Welche Hindernisse sehen Sie im Mediensystem, die Inklusion verhindern? Tradinik: Viele Menschen haben Ängste. In Zeiten von politisch korrektem Verhalten dauert es länger, dass jemand sagt: "Ich fürchte mich davor." Man darf Angst haben, wenn man eine blinde Person oder eine Person im Rollstuhl oder eine Person mit kognitiver Beeinträchtigung als Kollegen oder Kollegin bekommen würde, wenn man das noch nicht kennt. Ich glaube aber - also, eigentlich weiß ich es aus Erfahrung, dass es funktioniert. Man muss einfach die Berührungsängste in den Redaktionen abbauen. Viele Firmen sagen, dass sich ihre Firmenkultur zum Positiven verändert hat, wenn Personen da sind, denen man ansieht oder anhört, dass sie anders sind als andere. MD: Im Zusammenhang von Beschäftigung von Menschen mit Behinderung gibt es ja immer mal wieder Vorwürfe der Ausbeutung, weil beispielsweise in Werkstätten Löhne sehr niedrig sind. Ist das ein Problem, das Sie auch im Medienbereich beobachten? Vor allem weil Medienprodukte wie Podcasts oder soziale Medien ja ohnehin schwer zu monetarisieren sind? Tradinik: In Österreich habe ich bei vielen Medienprojekten das Problem, dass ich den Personen, mit denen ich arbeite, gar nicht viel zahlen kann, weil zusätzliches Geld oder Honorare relativ schnell die sonstigen Förderungen kippen würden, die wichtig sind. Das habe ich selbst noch nicht ganz durchschaut, aber da fließt eben Geld in Strukturen, wo es auch nötig ist. Von Werkstätten habe ich schon gehört, das dort Personen wirklich für Industriearbeit ausgenutzt werden. Das darf natürlich nicht sein. MD: Also auch ein Fehler im System? Tradinik: Ja, grundsätzlich würde ich sofort Gehalt bezahlen, wenn das nicht von Nachteil wäre oder die Personen das gar nicht behalten dürften.