Bonn (KNA) Wer Menschen, die auf der Suche nach Frieden, Obhut, Glück und Freiheit ihre Heimatländer verlassen, mit Naturkatastrophen vergleicht, führt selten Gutes im Schilde. Mitte des 19. Jahrhunderts jedoch, da sind sich die geladenen Wissenschaftler gleich zweier Dokumentationen des History Channels einig, wurde ein ganzer Kontinent vom größten, schnellsten, invasivsten Flüchtlingsstrom der Zivilisationsgeschichte förmlich geflutet. Es war Nordamerika. Genauer: sein Westen. Weil sich 1845 gut 17 Millionen ausgewanderte Europäer nebst Nachkommen im Ostteil der jungen Nation ballten, verfügte ihr frisch gewählter Präsident James K. Polk ein folgenschweres "Schicksalsmanifest". Um Platz für (natürlich weiße) Amerikaner zu schaffen, ließ er sein Land "von Küste zu Küste besiedeln". Ein paar Tausend Unerschrockene waren damals zwar bereits Richtung Pazifik gezogen. Befeuert vom kalifornischen Goldrausch allerdings, lockten anschließend unendliche Weiten fruchtbaren Landes in nur drei Jahrzehnten bis zu 1,5 Millionen Farmer, Trapper, Desperados westwärts - bald darauf beschleunigt vom stetig wachsenden Eisenbahnnetz. Sie selbst sahen sich als "Pioniere, die jungfräuliches Land eroberten", wie es Edward O'Donnell ausdrückt. Doch für Eingeborene der Great Plains genannten Prärie zwischen Mississippi und Rocky Mountains, fügt der Historiker hinzu, "waren es einfach Invasoren". Und das spürte auch ein Junge vom Stamme der Hunkpapa Lakota, dank seiner Agilität "Springender Dachs" genannt, dessen späterer Name bis heute einen Klang wie Donnerhall hat: Sitting Bull. Drei Stunden lang skizziert der Zweiteiler "einen der größten Führer der Menschheitsgeschichte" (Edward O'Donnell). Sitting Bulls Heldenreise vom jungen Sioux-Häuptling ins Verderben amerikanischer Ureinwohner böte dabei allein schon ausreichend Dokumentarfilmstoff. Mithilfe sachkundiger Fachleute und aufwendigen Reenactments kreieren Phillip Montgomery und Christopher Nataanii Cegielski jedoch nebenbei ein bedeutendes Fanal. Für Optimisten kommt es fast 150 Jahre nach Sitting Bulls berühmter Schlacht am Little Bighorn zur rechten Zeit, für Pessimisten dagegen bestenfalls gerade noch rechtzeitig. Denn Donald Trumps Feldzug gegen historische Realitäten dürfte demnächst auch die reflektierte Sicht auf Native Americans zum Opfer fallen. James K. Polks ideologischer Epigone versucht die Vergangenheit schließlich im Sinne seiner Rassenlehre der White Supremacy umzudichten. Da ist ein historisches Porträt entlang gut belegter Tatsachen nicht nur, aber auch deshalb bedeutsam, weil es mithilfe zahlloser Nachfahren der Lakota und anderer Stämme entstanden ist. Ein Urahn des Erzählers Mo Brinks Plenty zum Beispiel stammt von Kriegern ab, die 1876 General Custer besiegt und doch alles verloren haben. Welche Abkommen und Verträge die US-Regierung davor gebrochen hat, wie viele Ureinwohner danach Opfer eines schleichenden Genozids waren und warum auf dem Weg dorthin auch noch 35 Millionen Bisons abgeschlachtet wurden - über all das gibt der Zweiteiler ästhetisch mitunter kitschig, aber stichhaltig Auskunft. Die Tatsache allein aber, dass der Trump-Gegner Leonardo DiCaprio als Produzent fungiert, zeugt vom politischen Aspekt der Dokumentation. Und nicht nur dieser. Wenn "The West" am Tag nach "Sitting Bull" auf gleichem Kanal dreimal 45 Minuten die US-Expansion von Küste zu Küste nachzeichnet, wird sie von Kevin Costner präsentiert. "Diese Story wird uns fesseln, inspirieren - und schockieren", sagt der liberale Hollywood-Star auch an reaktionäre Geschichtsklitterer gerichtet, die er zuletzt in "Yellowstone" verkörpern durfte. Während Trump nur noch "anständige", also "positive", von Sklaverei, Rassismus, Völkermord bereinigte Seiten der amerikanischen Geschichte zeigen will, beleuchtet Kostners Doku all ihre Aspekte gleichberechtigt nebeneinander. Wie in "Sitting Bull" sind die Spielszenen von Regisseur Austin Peters trotz aller historischen Akkuratesse bisweilen zwar ein bisschen zu sauber, zu bunt, zu folkloristisch. Indigene Krieger müssen demnach notorisch böse gucken, dazu ständig kriegerisch schreien. Und beim Winnetou-geschulten Narrativ vom "Edlen Wilden" überlagert das Wilde etwas oft alles Edle. Dennoch machen beide Serien unmissverständlich klar: Geschichte ist immer mehrdimensional, also das exakte Gegenteil von dem, was Donald Trump darunter versteht. Deshalb liefert Kevin Costners Beitrag nicht nur ein vergleichsweise differenzierteres Bild amerikanischer Kolonisten, die der vorherigen Kolonie monarchistischer Briten selbstlos zu Demokratie und Pluralismus verhalfen. Er zeichnet auch ein vielschichtiges Porträt englischer Kolonialherren, die mitnichten allesamt Gegenpole amerikanischer Modernisierung waren. Denn eines vereint sie alle. Der Historiker und CNN-Experte Douglas Brinkley bringt es auf den Punkt: "Nichts konnte die Expansion des Kapitalismus der USA stoppen." Nicht mal der edle Wilde Sitting Bull.