Likes sind mehr als Spielerei - Reaktionen im Netz verändern den ganzen Alltag

Von Paula Konersmann (KNA)

SOCIAL MEDIA - Vom harmlosen Klick bis zum handfesten Shitstorm: Im Social Web haben selbst kleinste Handlungen einen Einfluss auf die Wahrnehmung. Eine Expertin erklärt die Folgen dieser "hyperreaktiven" Kultur.

| KNA Mediendienst

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Social Media

Foto: weedezign/Imago/KNA

Berlin (KNA) "Man kann nicht nicht kommunizieren", diese Weisheit prägte der Philosoph Paul Watzlawick. Im Social Web gilt sie um so mehr - schon die Information, wie lange eine Website geöffnet bleibt, werten Algorithmen aus. Wie das Kommunikation und Gesellschaft prägt, hat Annekathrin Kohout untersucht. Im Interview mit dem KNA-Mediendienst spricht die Kulturwissenschaftlerin über Reizfiguren, cleveres Marketing und schreiende Emojis. KNA-Mediendienst: Frau Kohout, mit dem Begriff "Feedback" verbinden wir oft etwas Positives. Sie sehen das etwas anders... Annekathrin Kohout: Als Soziale Medien aufkamen, sprach man von Likes und Kommentaren oft als "Feedback". Das war ein sehr technischer Begriff. Wie im analogen Alltag ging und geht es darum, dass ein System dazulernt. Aber dieser Begriff greift heute zu kurz. Es geht längst nicht mehr nur um technisches Lernen, sondern um eine Kultur, in der jede Handlung als "Reaction" zählt. MD: Inwiefern? Kohout: Jeder Like, jeder Kommentar, jede Share-Aktion im Netz wird gemessen. Das beginnt bei der Verweildauer. Schon allein das längere Anschauen entscheidet mit darüber, welche Inhalte besonders viel Aufmerksamkeit bekommen und welche in der Unsichtbarkeit verschwinden. Die Plattformbetreiber setzen zwar die Algorithmen für diese Entscheidungsprozesse auf, aber auch sie entscheiden nicht persönlich darüber. Nutzerinnen und Nutzer haben eine größere Verantwortung, als den meisten bewusst ist. Reactions sind aus meiner Sicht die Hauptwährung im Netz. MD: Und das wirkt sich auch offline verstärkt aus? Kohout: Genau. Wir haben uns neue Gewohnheiten angeeignet - wie wir reagieren, bewerten oder etwas weitergeben -, und daraus ist eine Reaktionskultur entstanden, die unser Verhalten online wie offline prägt. MD: Etwa, wenn uns im Alltag sofort ein passendes Meme einfällt oder wir Emojis nachahmen. Ist das auch ein Generationenthema? Kohout: Nicht nur. Auf die grundlegenden Mechanismen müssen eigentlich alle Bezug nehmen. Beispielsweise kalkulieren auch Kulturinstitutionen Reaktionen inzwischen selbstverständlich ein - das zeigt sich, wenn Kunstausstellungen möglichst instagramable sein sollen oder wenn Clickbaiting betrieben wird. Jüngere Menschen sind geübter darin, sich in der Reaktionskultur zu bewegen, weil sie damit aufgewachsen sind. Aber auch Ältere kommen nicht drumherum, wenn sie wahrgenommen werden wollen. Selbst wenn man sie kritisch betrachtet, ist man diesen Mechanismen ausgesetzt. MD: Dieses Einkalkulieren von Reaktionen ist vielen kaum bewusst. Gehen wir mit dem Social Web naiv um? Kohout: Wenn man über Internetkultur schreibt, stellt man fest, wie riesig die Kluft in der Gesellschaft ist. Es gibt diejenigen, die diese Mechanismen genau durchschauen und sie bewusst nutzen, etwa in Musikvideos oder Serien, in denen "Easter Eggs" für die Fans versteckt werden. Natürlich ist das auch ein Marketingtool - das aber in der Tat vielen anderen nicht bewusst ist. Viele Menschen bewegen sich eher intuitiv durch das Netz. Einige haben ein Gespür für die Mechanismen, ohne sie wirklich zu reflektieren. Und wieder andere wissen gar nicht so richtig, was da in diesen Sozialen Medien alles passiert. MD: Sie beschreiben Reactions-Videos - in denen Menschen ihre eigene Reaktion etwa auf einen neuen Song dokumentieren oder inszenieren - als kleine Performances. Löst sich die Unterscheidung zwischen Hoch- und Unterhaltungskultur damit endgültig auf? Kohout: Darüber diskutiert man seit Jahrzehnten, und offenbar halten wir als Gesellschaft weiterhin daran fest, weil uns gewisse Unterscheidungen wichtig sind - nicht zuletzt, um die eigene Identität zu finden. Doch so durchlässig wie heute war die Grenze wohl noch nie. Durch die Sozialen Medien ist eine neue Art von Kulturindustrie entstanden - Begriffe wie "Massenkultur" oder "Megatrend" passen mitunter kaum noch. Und es gibt nicht mehr die großen Gatekeeper, die bestimmen, was hochwertig ist und was nicht. Vielmehr wird dies in der Breite ausgehandelt - eben durch Reactions. MD: Viele vermissen jedoch das "Lagerfeuer", das früher TV-Sendungen wie "Wetten, dass..?!" geschaffen haben. Können Memes und Co. solche verbindenden Momente schaffen? Kohout: Im Netz gibt es eine starke kulturelle Fragmentierung, und gerade Memes leben oft von ihrem Insider-Charakter. Bestimmte Meme-Vorlagen kennt jeder - etwa das vom "distracted boyfriend" -, aber ihre Verwendung ist fast schon mikrokulturell. Wenn sich eine Meme-Variante an eine Community richtet, zu der ich nicht gehöre, dann verstehe ich sie vermutlich nicht. Die eigene Community kann man genau auf diese Art stärken, aber das ist nicht das Lagerfeuer, das alle verbindet. MD: Auf "Hyperinterpretation" sämtlicher Details im Netz folgt häufig öffentliche Kritik. Sehen Sie darin Chancen oder eher Risiken? Kohout: Diesen Begriff habe ich als kritischen eingeführt. Ich meine damit eine instrumentelle, meist destruktive Auseinandersetzung mit Inhalten. Das Ideal wäre die Interpretation, also das Bemühen um Verständnis, bestenfalls mit einer positiven Grundhaltung. Bei der Überinterpretation kann es darum gehen, Machtverhältnisse zu hinterfragen, aufzuzeigen, wie Bedeutung entsteht und instrumentalisiert werden kann - das kann durchaus für bestimmte Zusammenhänge sensibilisieren. MD: Und darum geht es der Hyperinterpretation nicht mehr? Kohout: Richtig. Mein Beispiel für Hyperinterpretation ist ein Bild von Greta Thunberg mit einem Oktopus, das als antisemitisch bezeichnet wurde. Diese Interpretation ist grundsätzlich möglich - aber viele Kommentare zeigen, dass es eigentlich nicht um antisemitische Darstellungen geht, sondern um eine Diskreditierung von Thunberg und der Klimabewegung. Das ist typisch für Hyperinterpretationen. MD: Solche Beispiele finden sich zuhauf. Ist in öffentlichen Debatten noch Platz fürs Nachdenken - oder nur für reflexhafte Reaktionen? Kohout: Im Bezug auf die Debattenkultur in Sozialen Netzwerken bin ich skeptisch. Viele Menschen kennen das Gefühl von Wildem Westen: Nominell gibt es vielleicht Sheriffs, aber letztlich gewinnt dort derjenige, der zuerst den Colt zieht. Immerhin wächst das Bewusstsein dafür. Viele Menschen merken, dass Doomscrolling, also übermäßiges Konsumieren von Bad News, oder auch Brainrot - eher minderwertige Inhalte - ihnen emotional schaden. Häufiger innezuhalten, eigene Reaktionen zu hinterfragen und Beiträge im Kontext zu betrachten - das wäre ein Zivilisationsprozess, zu dem jede und jeder Einzelne beitragen könnte. Verantwortung hatten früher eher Promis oder Politiker, die stark in der Öffentlichkeit standen. Heute betrifft sie auch Menschen, die vielleicht "nur" 1.000 Follower haben. Damit muss man umgehen lernen. MD: Wie wird sich Künstliche Intelligenz (KI) auf diese Prozesse auswirken? Kohout: KI wirkt wie ein Beschleuniger für genau die Dynamiken, die ich in "Hyperreaktiv" beschreibe. Reaktionen entstehen schneller, werden stärker ausgewertet und gezielter angesteuert. Schon jetzt sehen wir, dass KI-Content - etwa automatisch erzeugte ASMR-Clips mit beruhigenden sensorischen Reizen - enorm viele Reaktionen hervorruft. Auch Hyperinterpretationen lassen sich mit KI schneller und wirkmächtiger gestalten. KI macht sichtbar, dass im Netz vor allem zählt, was Resonanz erzeugt. Und genau darin sehe ich eine große gesellschaftliche Herausforderung - weil unsere Debattenkultur dadurch noch reaktiver, aber nicht unbedingt dialogischer wird.

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