Wie sehr vertraut der Mensch sich selbst? - Medienpädagoge: Erfahrung mit Technik wichtiger als das Geburtsjahr

Von Paula Konersmann (KNA)

MEDIENBILDUNG - Diagnosen oder "Deepfakes": Laut einer Studie fühlen sich viele Menschen im Umgang mit KI nicht immer sicher. Ein Experte erklärt, warum Medienbildung mehr bedeutet als Technikunterricht - und wo sie ansetzen sollte.

| KNA Mediendienst

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Kind mit Smartphone

Foto: Harald Oppitz/KNA

München (KNA) Verbesserungen in der Medizin trauen viele Menschen der Künstlichen Intelligenz (KI) zu. Wenn es darum geht, die Systeme langfristig zu kontrollieren, zeigt sich eine Mehrheit dafür aber deutlich skeptischer. Der "Kompass: Künstliche Intelligenz und Kompetenz", der am Dienstag vorgestellt wird und dem KNA-Mediendienst vorab vorliegt, zeigt eine gespaltene Haltung zur Technologie. Alle zwei Jahre erhebt ihn das JFF - Institut für Medienpädagogik zusammen mit Wissenschaftsteams der Universitäten Ludwigsburg und Siegen; gefördert wird das Projekt "Digitales Deutschland" vom Bundesfamilienministerium. Im Interview erklärt Studienleiter Niels Brüggen, was die Ergebnisse für Alltag, Bildung und auch Pflege bedeuten. KNA-Mediendienst: Herr Brüggen, ist Künstliche Intelligenz nun Chance, Risiko - oder beides? Niels Brüggen: Letztlich geht es bei dieser Frage darum, inwieweit wir Menschen uns selbst vertrauen, dass wir die Technologie so einsetzen oder einhegen, dass ein Nutzen entsteht. In der Technologie ist beides angelegt. Diese Einschätzung zeichnet sich auch in der Befragung ab: So stimmen 69 Prozent der Aussage zu, dass KI helfen kann, zum Beispiel medizinische Diagnosen zu verbessern. Aber nur 30 Prozent sind davon überzeugt, dass Menschen immer die Kontrolle über KI haben werden. Das ist eine Herausforderung. MD: Diese zweischneidige Wahrnehmung betrifft auch die persönliche Lebensführung. Brüggen: Am größten ist hier die Gruppe, die auf die Frage nach Chancen und Risiken mit "teils, teils" antwortet. Zugleich spricht nur ein Fünftel von einer eindeutigen Bedrohung, was das Privatleben angeht - im Unterschied zur gesellschaftlichen Lage. Im Vergleich zur Befragung vor zwei Jahren ist die Gruppe gewachsen, die KI für die Gesellschaft als gefährlich einschätzt. Das ist wohl ein Effekt der Debatte über generative KI und die Möglichkeit von "Fake News" und "Deepfakes", die viele mit ihr verbinden. MD: Der Kompass offenbart, dass die meisten bei KI eben an generative KI denken, Stichwort ChatGPT. Geraten andere Anwendungsfelder aus dem Blick? Brüggen: Auch das hat sich seit 2023 verändert. Damals wurde die Robotik häufig genannt, heute kommen KI-generierte Bilder oder Filme. Weniger als einem Drittel der Bevölkerung ist aber bewusst, wo sonst überall KI im Einsatz ist. MD: Das ist nicht nur bei Älteren eine Leerstelle, oder? Brüggen: Als wie kompetent sich Menschen im Umgang mit KI einschätzen, hängt laut unseren Erkenntnissen vor allem von ihrer Nutzungserfahrung ab. Es geht also weniger um das Alter und mehr um die Möglichkeit, Erfahrungen mit KI und digitalen Medien zu machen - auf diesem Weg erwirbt man schließlich Kompetenzen. Die Zuschreibung "du bist eben älter, also kannst du das nicht" - die widerlegen unsere Daten. MD: Wo verläuft die digitale Kluft dann? Brüggen: Wenig überraschend ist, dass IT-Fachkräfte sich im Umgang mit KI als sehr kompetent einschätzen. Im Kontrast dazu fanden wir interessant, dass Pflegekräfte sehr viel zurückhaltender sind, sich weniger auf diesem Feld zutrauen. Perspektivisch sollen sie aber pflegebedürftige Menschen und Angehörige im Umgang mit digitalen Tools unterstützen, diese auch selbst im Berufsalltag nutzen. Diese Selbsteinschätzung zeigt einen strukturellen Mangel, bei dem man nachsteuern müsste. MD: Könnten Medienkompetenzzentren stärker genutzt werden? Der Befragung zufolge sind diese Anlaufstellen, die etwa mit Workshops bei einer kritischen Mediennutzung unterstützen, bislang eher eine Randerscheinung. Brüggen: Häufig haben sie eine spezifische Zielgruppe, etwa Jugendliche. Daher ist es nicht überraschend, dass in einer repräsentativen Befragung nur ein kleiner Anteil angibt, mit Medienkompetenzzentren schon in Kontakt gekommen zu sein. Allerdings: In der öffentlichen Debatte wird stets die Schule genannt, wenn es um Medienbildung geht. In der Lehramtsausbildung spielen medienpädagogische Kompetenzen aber eine untergeordnete Rolle oder beruhen auf freiwilligen Fortbildungen - etwa, was den Umgang mit "Deepfakes" oder "Fake News" angeht oder die Dynamik von Sozialen Medien. Wer darin ausgebildet ist, ist eher in Jugendzentren oder bei außerschulischen Bildungsträgern tätig. Diese Fachkräfte sollten ihr Wissen an junge Menschen und andere Bevölkerungsgruppen weitergeben können. MD: Um welche Kompetenzen sollte es konkret gehen? Brüggen: Auch danach haben wir gefragt. Als sehr wichtig wird es angesehen, technische Probleme lösen oder die Glaubwürdigkeit von Quellen beurteilen zu können. Dagegen finden es die Befragten weniger wichtig, kreativ mit digitalen Medien zu arbeiten. Dabei ist diese Kompetenz unverzichtbar, wenn man mit eigenen Inhalten eine Öffentlichkeit finden will. Das müsste sich in der Medienbildung spiegeln - unabhängig von der Altersgruppe. MD: Sehen Sie auch Grenzen der Medienbildung, etwa beim Suchtpotenzial von Sozialen Medien? Brüggen: Diejenigen, die digitale Medien intensiv nutzen, beschreiben es oft als Herausforderung, sich selbst Grenzen zu setzen. Das betrifft übrigens auch Erwachsene. Aber gerade Jugendliche befürworten automatische Unterbrechungen, die zum Beispiel nach 20 Minuten fragen, ob man das Angebot wirklich noch weiter nutzen möchte. Diese Zäsur lässt einmal innehalten und gibt der Frage Raum, ob man noch dabei ist, weil man sich informiert oder sich gut unterhalten fühlt - oder ob man langsam etwas anderes machen sollte. Da ist bei den Plattformen noch Luft nach oben, denn da stößt die individuelle Kompetenz in der Tat an Grenzen. MD: Welche Rolle könnte KI in diesem Zusammenhang spielen? Brüggen: Weniger als ein Drittel fühlt sich in der Lage einzuschätzen, ob ein KI-System vertrauenswürdig mit Daten umgeht. Vor zwei Jahren haben sich das noch deutlich mehr Befragte zugetraut. Zugleich suchen Menschen bei den Sprachassistenten mitunter Hilfe zu sehr persönlichen Themen - das wissen wir aus anderen Studien. Das ist ein Spannungsfeld. MD: Die Hälfte der Jüngeren sagt sogar, sich mit bestimmten Themen eher einer KI anzuvertrauen als Menschen aus dem Umfeld. Brüggen: Generative Bots legen eine äußerst freundliche, unterstützende Kommunikation an den Tag. Ich kann mir gut vorstellen, dass viele Menschen das als angenehm wahrnehmen. Ein Beispiel: Viele Chatbots fragen in jeder Antwort noch einmal nach, was sie weiter für einen tun können. Sie vergessen nichts, was Freunden womöglich doch mal passiert - und eine gute Freundin will man vielleicht nicht zum wiederholten Mal mit einem Problem belasten, das man immer noch nicht gelöst hat. Darin steckt durchaus das Potenzial, dass sich Freundschaften verändern. MD: Die Schweizer KI-Expertin Lisa CatenaGyger warnt vor einem neuen Gender-Gap durch KI - und fordert technische Kompetenzen vor allem für Frauen. Wie sehen Sie das? Brüggen: Die Frage ist, wer welche Kompetenz braucht. Der Vergleich mit dem Auto hinkt ein wenig, aber man kann sich gut damit fortbewegen, ohne wissen zu müssen, wie man einen Motor baut. Tatsächlich gibt es in der Technologie-Entwicklung bereits einen Gender Gap. Wenn die Teams, die die ersten Sprachassistenten entwickelt haben, diverser gewesen wären, dann wäre sicher früher aufgefallen, dass KI starke Geschlechter-Stereotype reproduziert. Insofern braucht es in der Tat technische Kompetenzen bei Frauen - aber weder alle Frauen noch alle Männer müssen zu KI-Fachleuten werden. MD: Sondern? Brüggen: Wir müssen die Anwendungsperspektive einnehmen: Menschen brauchen für den Alltag ein breiteres Set an Kompetenzen. Informatische Bildung löst das Problem nicht für alle. Allerdings belegen unsere Daten, dass Frauen ihre KI-Kompetenzen zurückhaltender einschätzen, wohingegen Männer eher sagen: Klar, ich kann das. Diese Unterschiede wahrzunehmen und zu berücksichtigen, ist durchaus relevant, wenn es etwa im Job darum geht, wer bestimmte Aufgaben in einer Gruppe übernimmt - oder eben nicht.

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