Signale aus dem Weltraum - Satellitenbetreiber SES setzt auf TV, Internet und Militär

Von Wilfried Urbe (KNA)

INFRASTRUKTUR - Der luxemburgische Satellitenbetreiber SES erreicht über eine Milliarde TV-Zuschauer weltweit. Nun soll er ein eigenes europäisches Satellitensystem mit aufbauen. Denn das scheint in der derzeitigen Weltlage mehr als nötig.

| KNA Mediendienst

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Der Sitz von SES in Betzdorf

Foto: SES/KNA

Betzdorf (KNA) Der Weg ins luxemburgische Betzdorf führt durch eine geradezu idyllische Hügellandschaft. Über kleine Straßen schlängelt sich der Weg hin zu dem 4000-Seelen-Dorf im Großherzogtum. Und wer es nicht weiß, würde es wohl auch niemals vermuten: Am Ortsrand ist der weltgrößte Satellitenbetreiber der Welt außerhalb der USA zuhause: SES. Die Société Européenne des Satellites beschäftigt rund um den Globus etwa 4.000 Mitarbeiter, die von hier aus dirigiert werden. Aktuell wird im luxemburgischen Unternehmen an einem neuen Übertragungsstandard gearbeitet, vom Management als "Quantensprung" gepriesen: DVB NIP. "Es ermöglicht ein Rundfunksystem der nächsten Generation, das von Grund auf IP-basiert und die gleichen Internet-Technologien nutzt, die heute in allen IP-Mediengeräten für Verbraucher verfügbar sind", erklärt Andreas Breuer. Der "Senior Solutions Engineer" bei SES kündigt an, dass DVB NIP Satellitenfernsehen nicht nur auf die TV-Geräte im Wohn- und Schlafzimmer, sondern auch auf alle Tablets, Smartphones oder Laptops im Haushalt bringen wird. An einem weiteren "Vorzeigeprojekte" - O-Ton Adel Al-Saleh, Vorstandschef von SES - ist der Konzern bereits seit letztem Jahr federführend beteiligt: IRIS 2. Das Projekt soll Europas digitale Souveränität gewährleisten und schnelles, sicheres Internet selbst in entlegenste Regionen bringen. Die EU als Auftraggeberin möchte sich so auch unabhängig von Anbietern wie Elon Musks Starlink machen und für den Ernstfall vorsorgen, etwa wenn gegnerische Mächte die Kommunikation in Europa mittels Cyberangriffen lahmlegen wollen. Laut EU ist IRIS 2 als Multi-Orbit-System geplant: Die meisten der geplanten 282 Satelliten - genau 264 - werden in einer niedrigen Erdumlaufbahn (LEO) platziert. Sie umkreisen die Erde in wenigen hundert Kilometern Höhe und ermöglichen sehr kurze Signalwege, was die Verzögerung bei der Datenübertragung minimiert - vorteilhaft also für alle Echtzeitanwendungen. Zusätzlich sollen 18 Satelliten in mittlerer Erdumlaufbahn (MEO) zum Einsatz gebracht werden, die großflächiger ausstrahlen und so mehr Menschen erreichen können. Zugleich können sie bei Bedarf auch Funktionen der niedrigeren Satelliten übernehmen. Sämtliche Standorte der Infrastruktur werden sich in Europa befinden, einer davon in Köln. "Der Beitrag von SES zu IRIS 2 besteht in der Entwicklung, Beschaffung und dem Betrieb von 18 neuen MEO-Satelliten, die eine 100-prozentige Abdeckung von Pol zu Pol bieten", heißt es in einer Pressemitteilung. IRIS 2 werde für die EU und ihre Bürger ein neues Maß an Konnektivität schaffen, "in einer öffentlich-privaten Partnerschaftsstruktur, die alle Interessen in Einklang bringt und die Entwicklungsphase durch öffentliche Vorabinvestitionen risikofrei gestaltet", kündigt Al-Saleh an. In den Anfängen von SES in den 80er Jahren ging es ausschließlich um Rundfunkübertragung. Der erste Satellit Astra 1A, der 1988 in die Erdumlaufbahn geschossen wurde, hatte eine Startmasse von 1.800 Kilogramm und bot über 16 Transponder Platz für 16 Kanäle. Zum Vergleich: Der aktuelle Astra 1P-Satellit etwa wiegt 5.000 Kilogramm und kann mit 80 Transpondern bis zu 500 Kanäle in HD-Qualität ausstrahlen. Erster Kunde war übrigens ein gewisser Rupert Murdoch mit seinem Bezahlsender Sky Television. Als erste deutsche Programme starteten Ende 1989 RTL, ProSieben und Sat.1. Das war der Beginn für einen Verbreitungsweg, der massentauglich wurde und den Erfolg von SES begründete. Heute betreibt SES 120 Satelliten, erreicht eine Milliarde TV-Zuschauer weltweit und liefert allein in deutscher Sprache 300 Programme aus. Aber das Geschäft mit der Übertragung von Unterhaltungsinhalten macht nur noch knapp die Hälfte des Umsatzes aus, der sich 2024 auf ungefähr zwei Milliarden Euro belief und nach der Übernahme des Konkurrenten Intelsat in diesem Jahr auf 3,7 Milliarden steigen soll. Der Rest kommt inzwischen von Staats- und Militäraufträgen. So hat der Konzern Ende letzten Jahres mit der NATO einen Vertrag im Wert von 180 Millionen Euro abgeschlossen, um eine schnelle Kommunikationsverbindung für Kampftruppen am Boden oder auf See bereitzustellen. "Die sicheren Kanäle werden es den Militäreinheiten der Nato ermöglichen, Marine-, Luft- und Bodenkommunikationsmissionen rund um den Globus durchzuführen", so das Sicherheitsbündnis in einer Erklärung. Die US-Regierung ist ebenfalls zu einem wichtigen Auftraggeber geworden. Laut der Tageszeitung "Luxemburger Wort" erbrachten Geschäfte mit den Vereinigten Staaten im Jahr 2023 etwa die Hälfte der 800 Millionen Euro, die SES mit Regierungskunden aus aller Welt einnahm. Dass das Unternehmen auch dadurch zur kritischen Infrastruktur zählt, sieht man in Betzdorf sofort. An den hohen mit Stacheldraht gesäumten Umzäunungen inklusive Überwachungskameras sowie Bewegungsmeldern patrouilliert regelmäßig Polizei. Und selbst im inneren Bereich schränken Personenschleusen den Zugang zu den verschiedenen Arealen immer wieder ein.

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