Bonn (KNA) "Das Internet vergisst nie." Dieser Satz hat sich ins kollektive Bewusstsein gebrannt, vor allem als Warnung, nicht alle privaten Inhalte unbedarft ins Netz zu stellen. Und doch, der Satz stimmt nicht. Auch im Internet gehen riesige Datenmengen verloren. Was im Einzelfall kein großes Problem sein mag, ist im großen Stil durchaus bedenklich. Seit dem erneuten Amtsantritt von US-Präsident Trump verschwinden in den USA regelmäßig staatliche Webseiten, Informationen von Ämtern und Kulturdaten in Archiven. Öffentliche Daten, zu denen jeder Zugang haben sollte, die Kulturgut sind. Das Datenrettungsprojekt "Safeguarding Research & Culture" - übersetzt: Forschung und Kultur beschützen - spricht sogar von einer "digitalen Bücherverbrennung". Auf Trumps Index stehen Daten zu unerwünschten Begriffen und Themen, die nicht zu seiner politischen Agenda passen, etwa Klima, Rassismus, Geschlechtsidentität oder Gleichberechtigung. Laut dem National Security Archive fing Donald Trump bereits in den ersten beiden Wochen seiner zweiten Amtszeit an, wichtige Umweltinformationen oder auch Datensätze von staatlichen Webseiten der Bundesbehörden zu entfernen. Besonders auffällig war dabei die Löschung von Webseiten des Rats für Umweltqualität (Council of Environmental Quality) und des Amts für Wissenschafts- und Technologiepolitik (Office of Science and Technology Policy) des Weißen Hauses, stellte das National Security Archive fest. Das Archiv in Washington D.C. hat eigentlich einen Fokus auf schwer zugängliche Informationen über US-Politik, dokumentiert aber auch den Schwund aller staatlichen Daten und setzt sich dafür ein, Daten zu sichern, bevor die Regierung und die Behörden sie ändern oder vernichten können. Die Gruppe an Forschern, Bibliothekaren und Aktivisten, die gegen das Verschwinden der Daten ankämpfen, werde stetig größer, sagt Lynda Kellam vom Data Rescue Project. Eigentlich arbeitet sie als Datenexpertin für die Bibliothek der University of Pennsylvania. Parallel gehört sie als Mitinitiatorin zum Kernteam des Data Rescue Project. Die Gruppe sammelt Daten, kopiert und katalogisiert sie, betreibt Datenpflege und -bereinigung und sorgt dafür, dass Informationen dauerhaft zugänglich sind. Das geschieht in der Regel unbezahlt neben dem regulären Job und immer mit der tickenden Uhr im Nacken. Denn niemand kann sagen, welche Datenschätze angezählt sind und als Nächstes von der Bildfläche verschwinden. "Wir hatten in unserer Bibliothek Nutzende, die uns fragten, was sie tun sollen, wenn Daten nicht mehr verfügbar sind", sagt Kellam dem KNA-Mediendienst. So habe alles angefangen: mit der Sorge vieler Menschen um Datensätze. Forschende, Menschen von Nichtregierungsorganisationen, sogar Hedgefonds-Manager hätten bei ihr und ihren Team-Kollegen nach Hilfe gesucht. Informationen zur Verfügung zu stellen, die Menschen helfen, Dinge zu finden, genau das sei ihr Beruf und zugleich ihre Motivation. Gerade Menschen an staatlichen Schulen könnten es sich nicht leisten, Daten zu kaufen, wie es etwa Top-Universitäten, Stiftungen oder private Forschungseinrichtungen können. "Ich sehe das als echtes Problem, dass der Zugang zu Daten ungleich verteilt ist; jetzt noch mehr als ohnehin schon", so Kellam. Die Zugangsproblematik sei noch nie fair gewesen und verschärfe sich zunehmend. Dabei seien diese Daten ein öffentliches Gut, für das die Menschen im Land bezahlt hätten und zu dem sie einen Zugang beanspruchen könnten. Das Data Rescue Project sammelt in erster Linie Datensätze, die auf aggregierten Statistiken beruhen oder die von einer Behörde erstellt wurden. Auch Rohdaten sortieren sie aktiv. Sie finden oder bekommen sie häufig in Form von Excel-Dateien. Anfangs sei es darum gegangen, große Mengen an Datensätzen, später auch viele verschiedene Arten von Daten und Formaten zu bewahren. Inzwischen diene das Data Rescue Project als eine Art verbindende Stelle für alle, die technisches Know-how brauchen. Häufig würden sie Anfragen an entsprechende Experten vermitteln, so Kellam. Wenn es um Umweltdaten geht, stellen sie etwa einen Kontakt zu den Public Environmental Data Partners her, einer Organisation, die sich auf die Rettung von Umweltdaten spezialisiert hat. Eine große Herausforderung ist es, einen Platz zu finden, wo die Daten sicher liegen können und das auch dürfen. Der Fokus des Data Rescue Projects liege auf Sozialdaten, erklärt Kellam. Daher sei es naheliegend gewesen, in Michigan anzufragen. Dort war schon während Trumps erster Amtszeit beim Inter-University Consortium for Political and Social Research (ICPSR), einem der ältesten Archive der USA, ein gemeinschaftlich finanziertes Projekt zur Datenspeicherung entstanden. Zwar veranlasste Trump damals weniger Löschungen als erwartet, doch das Projekt blieb bestehen. Kellam wusste aus beruflichem Kontext davon und erhielt die Zusage dafür, die geretteten Daten aus ihrem eigenen Projekt dort unterzubringen. Ihre Arbeit habe inzwischen viele Verbündete gefunden, sagt Kellam - das Netzwerk an Datenrettern wächst stetig. Zu den bekanntesten gehört die Wayback Machine des US-amerikanischen Internet Archive. Das ist ein Instrument, mit dem sich Webseiten archivieren lassen. Dabei wird in der Regel ein Screenshot der einzelnen Seite erstellt. Das Internet Archive gibt es seit 1996 und ist eine gemeinnützige Organisation. Im Fokus der digitalen Bibliothek stehen Internetseiten und kulturelle Artefakte. Dazu gehören auch Milliarden Kopien von Regierungswebseiten und Nachrichtenartikeln. Die Wayback Machine ist der Zugangspunkt des Archivs zu fast drei Jahrzehnten Webgeschichte. Trumps Feldzug gegen die Informationsfreiheit geht aber noch weiter. Denn von den Löschungen sind nicht nur Behördendaten betroffen. Auch Forschungsergebnisse sind gefährdet. Deren Sicherung sei "hoch relevant, weil sie unsere Entscheidungsgrundlagen darstellen", sagt Claudia Frick, die an der Technischen Hochschule Köln zu Informationsdienstleistungen und Wissenschaftskommunikation forscht. Auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) macht sich auf den Weg, um gefährdete Datenbestände zu sichern. Dafür will sie Projekte fördern, die die Resilienz von Forschungsdaten steigern - sei es über die "Beschaffung von Speicherkapazitäten" oder die "Bereitstellung personeller Ressourcen", wie es im Ausschreibungstext heißt. Dabei geht es der DFG vor allem um Daten im Ausland, die für die deutsche Forschung wichtig sind. Die gezielten Löschungen unter Trump sind nicht der einzige Anlass für die Initiative. Denn auch hierzulande verwalten viele Forschungseinrichtungen die Infrastruktur, mit der Forschungsdaten gespeichert und ausgetauscht werden, nicht selbst. Vielmehr verlassen sie sich weiter auf große Tech-Unternehmen aus den USA. In Europa gibt es deshalb die Initiative European Open Science Cloud (EOSC), um unabhängiges Forschen zu fördern. Ziel von Open Science ist, Wissenschaft und Forschung sowie die Prozesse dahinter für alle transparenter und zugänglicher zu machen. Forschungsdaten mehrfach und resilient zu sichern, funktioniere am besten, wenn die Daten frei verfügbar sind und unter einer freien Lizenz stehen, erklärt Datenexpertin Frick. Das fördere dann wiederum auch die Zusammenarbeit der Datenretter aus verschiedenen Ländern weltweit - die sich immer mehr vernetzen, um gemeinsam Daten vor dem Verschwinden und damit dem Vergessen zu schützen.