"Breaking Bad" auf finnisch - ZDF-Serie über eine erfolgreiche Frau auf Abwegen

Von Jan Freitag (KNA)

SERIE - Die finnische ZDF-Serie "Queen of fucking everything" ist trotz brutaler Kriminalität etwas zu heiter für Skandi Noir und gerade deshalb eine echte Überraschung im deutschen Fernsehen.

| KNA Mediendienst

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"Queen of fucking everything"

Foto: Rabbit Films Oy/Jaakko Kahilanie/Tuuli Grohn/ZDF/KNA

Mainz (KNA) Was Menschen in Not zum Leben brauchen, hängt sehr von deren Standards ab. Für die einen sind es drei kalte Mahlzeiten am Tag, für andere vier kostenpflichtige Streamingdienste im Abo. Linda Saarniluoto benötigt zunächst mal zwei Arbeitsschuhe. Aus Sicht des Sozialamts kein Problem. "Aber Highheels für 1000 Euro?", fragt ihre Sachbearbeiterin einigermaßen entgeistert. "Ich verkaufe Wohnungen an reiche Leute", entgegnet die hochpreisig gekleidete Immobilienmaklerin tonlos, als beantrage sie billige Gummistiefel. "Da brauche ich einen gewissen Look." Schon, um den schönen Schein zu wahren. Und um den geht es der mittellosen Endvierzigerin, nachdem sie zwar nicht ihren Stil, aber ansonsten nahezu alles verloren hat. Das zeigt sich gleich zu Beginn der finnischen ZDF-Serie "Queen of fucking everything". Denn keine der goldenen drei Kreditkarten, die sie aus ihrem Louis-Vuitton-Portemonnaiezieht, funktionieren noch. Weil Linda fürs insolvente Unternehmen ihres spurlos verschwundenen Mannes bürgen muss, wurden ihr nicht nur sämtliche Konten gesperrt. Bis auf einen Mixer räumt der Gerichtsvollzieher kurze Zeit später auch noch ihr Luxusappartement leer. Eben noch eine glücklich verheiratete Frau im kapitalistischen Überfluss, sammelt Linda plötzlich Pfandflaschen. Unterm Ballast siebenstelliger Schulden erlebt sie einen Abstieg in Echtzeit. Er ist so radikal, dass die halsbrecherischen Absätze ihrer 1000-Euro-Highheels auf dem Kirschholzparkett daheim klingen wie ein Countdown zum Sturz ins Bodenlose. Aber nicht mit Linda! Als resolute Geschäftsfrau im Millionenbusiness sündhaft teurer Domizile weiß sie sich nämlich zu wehren. Und das tut sie. Wenngleich ein bisschen anders als erwartet. Im Auftrag des öffentlich-rechtlichen Senders Yle hat Regisseurin Tiina Lymi hier eine Art weibliches "Breaking Bad" gedreht. Während der Chemielehrer Walter White einst wegen seiner Krebsdiagnose kriminell wurde, ist es bei Linda Saarniluoto zwar nur die Schuldenlast. Da der Insolvenzverwalter aber den Großteil ihrer Bezüge pfändet, lässt sich die Fassade der alten Existenz nur auf ähnlich schiefer Bahn finanzieren. Nachdem sie bereits diverse Endgeräte ahnungsloser Kollegen verkauft hat, scheint ein zufälliger Drogenfund alle Sorgen zu lösen - wäre die Bekanntschaft mit dem charismatischen Berufsverbrecher Börje (Kristo Salminen) nicht der Beginn einer endlosen Eskalationsspirale abwärts. Mit einer Prise "Ocean's Eleven" und der Hilfe von Lindas unverhofft aufgetauchter Jugendfreundin Marke (Katja Küttner) sorgt Tiina Lymi jedoch dafür, dass sie glimpflich zu enden scheint. Obwohl die materiell (nicht sozial) schwache Frau aus Helsinkis Prekariat wenig mit ihrer neofeudalen Schulkameradin gemeinsam hat, bilden sie ein weibliches Duo, das der männlichen Übermacht Paroli bietet. Und das wirft Fragen weit jenseits der Gangsterkomödie im Stile Ken Loachs auf. Nach dem richtigen Leben im Falschen zum Beispiel. Oder ob sich das Recht auf Mitleid nur am objektiven oder auch subjektiven Status messen lässt. "Also ich finde, dir steht diese Opferrolle nicht besonders gut", meint Marke scheinbar herzlos, als Linda der lebensklugen Plattenbaubewohnerin lauthals die Risse in der eigenen Komfortzone beklagt. Über sechsmal 50 höchst unterhaltsame Minuten hinweg gibt die Serie allerdings keine Antworten, wessen Leid bemitleidenswerter ist. Stattdessen präsentiert sie eine stetig wachsende Zahl an Filmfiguren, die durch ihre Existenz allein Interpretationsspielräume öffnen. Ein Obdachloser zum Beispiel, mit dem sich Linda erst ums Dosenpfand streitet, um sich irgendwann dann aber fast tiefenphilosophisch auszutauschen. Oder ihr Zweitlover Heikki (Tommi Eronen). Der grundsolide Fels in Finnlands sozialer Brandung, mit Kind, Netz und doppeltem Boden, bietet Linda oberflächlich betrachtet zwar einen Ruhepol. Er hat allerdings nicht mal annähernd Börjes vulgäre Anziehungskraft. Dass der Gangsterboss dennoch sanfte Seiten hat, während vermeintlich seriöse Protagonisten in Lindas chaotischem Spiel um die Immobilienprojekte ihrer Tarnfirma "Queen of Homes" unerwartet falsch spielen, sorgt obendrein für Vielschichtigkeit. Kein Wunder also, dass Linda und Marke zwar nicht so böse ausbrechen wie Walther White, aber auch alles andere als moralisch einwandfrei agieren. Erst das macht diese Gangsterkomödie am Ende aber auch soziokulturell relevant. Wie zuletzt das norwegische Arte-Experiment "Toxic Tom" zeigen nordeuropäische Länder in Polarkreisnähe damit aufs Neue, wie fabelhaft dortige Fiktionen fernab des dystopischen Skandi Noirs übellauniger Kommissare sein können. Was vor allem bleibt, ist die anrührende Lakonie handelnder Akteure. "Ziehen Sie in einen Vorort, essen Sie Würstchen, kaufen Sie sich Crocs", empfiehlt die Sozialamtsbeauftragte noch lachend, als Linda auf ihre 1000-Euro-Highheels besteht, "das schafft neue Perspektiven". So wie dieser sehenswerte Sechsteiler in der ZDF-Mediathek.

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