Im Streit um Werte und Meinung - Jessy Wellmer fühlt der deutschen Gesellschaft den Puls

Von Joachim Huber (KNA)

REPORTAGE - Jessy Wellmer reist durchs Land und spürt dem neuen Konflikt zwischen progressiven Werten und konservativen Gegenbewegungen nach. Prominente Stimmen und exklusive Umfragen zeigen, wie gespalten Deutschland sich fühlt.

| KNA Mediendienst

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"Wie zerrissen ist Deutschland?"

Foto: beckground TV/rbb/KNA

Berlin (KNA) Einmal im Jahr verlässt Moderatorin Jessy Wellner die "Tagesthemen"-Redaktion, um persönlich die Themen in Deutschland zu recherchieren, über die ansonsten das ARD-Nachrichtenjournal berichtet. 2022 hieß die Reportage "Hört uns zu! Wir Ostdeutsche und der Westen", ein Jahr darauf "Machen wir unsere Demokratie kaputt?", am kommenden Montag lautet die Fragestellung "Wie zerrissen ist Deutschland? Der Streit um Werte, Meinung und Macht". Die Dramaturgie der Reihe ist bewährt: Gemeinsam mit Regisseur Dominic Egizzi fährt Wellmer landauf und landab, um im Gespräch mit Prominenten und anderen Menschen Antworten auf die Eingangsfrage zu finden. Wie gewohnt werden die Gespräche durch exklusive Umfragen von infratest dimap ergänzt, die das individuelle Meinungsbild mit einer repräsentativen Perspektive hinterfragen. Was denkt der Einzelne, was denken die Deutschen? In der Reportage am Montag geht Jessy Wellmer von der Grundthese aus, dass es eine veritable Gegenbewegung zu bisher bevorzugten Werten und Haltungen gibt, dass neuer Konservatismus die progressive Strömung in der deutschen Gesellschaft ablöst. Waren Wokeness, Klimaprotest, Gendern und Diversität in jüngerer Zeit noch die Trendsetter, so heißt es jetzt: Keine CSD-Fahne auf dem Reichstag, keine Diversitätsprogramme mehr in den Wirtschaftsunternehmen, Schluss mit der Bevormundung aus der woken Ecke. Es kommt zu Reibungen, zu Spannungen. Um Antworten auf die Eingangsfrage "Wie zerrissen ist Deutschland?" zu finden, wurde selbige zerlegt in "Was zerreißt Deutschland?" Der queere Entertainer Riccardo Simonetti berichtet, dass ihm "die unmenschlichsten Dinge" geschrieben würden. Beleidigungen seien salonfähig geworden, die Angst vor Queer-Feindlichkeit gewachsen. Simon Usifo, Geschäftsführer des deutschen Ablegers der Werbeagentur BBDO, sagte, dass Unternehmen weniger auf das Thema Diversität setzen: "Dieses Bekenntnis zur Vielfalt und Stärke wird zurückgedreht. Das ist jetzt schon ein kritischer Moment, ein Scheideweg." Weitere Gesprächspartner sind die Chefin des Balletts der Arbeiterwohlfahrt in Mannheim, dem auf der Buga der Auftritt mit Sombrero, Kimono- und Flamenco-Kostümen mit dem Argument verboten worden war, hier würde kulturelle Aneignung betrieben. Dazu kommen der frühere "Tageschau"-Sprecher und heutige Springer-Mitarbeiter Constantin Schreiber und der parteilose Kultur- und Medienstaatsminister Wolfram Weimer, der davor warnt, dass die Demokratie in Deutschland vor allem von rechts unter Druck gerate: "Wir haben eine fundamentale Verschiebung, wir haben einen Achsbruch unserer Gesellschaften. Autoritarismus ist die neue Bedrohung unserer Generation", so Weimer. Schließlich berichtet die Vorsitzende eines Vereins in Bautzen, der demokratiefördernde Projekte oder schlichte Kinderbetreuung betreibt und erleben musste, wie der Kreistag mit der AfD als größter Fraktion und der CDU-Landrat die Fördergelder zusammenstrich. Bei all den Aussagen und Berichten sticht heraus, wie offen die Prominenten und Menschen aus dem Alltag sich der Reporterin gegenüber zeigten. Erkennbar wird Jessy Wellmer als unvoreingenommene Gesprächspartnerin wahr- und ernstgenommen. Die Journalistin hört zu, sie will wissen. Das stärkt die Glaubwürdigkeit der 45 Minuten. Erschrecken oder erfreuen können - je nach eigener Position - die Umfrageergebnisse. "Nimmt unsere Gesellschaft zu viel Rücksicht auf Minderheiten?" Bei "zu viel" stimmen 45 Prozent zu, zu wenig sagten 26 Prozent, der Rest gab "gerade richtig" zur Antwort. 50 Prozent stimmten der Aussage zu, man könne in Deutschland seine Meinung äußern, ohne dadurch ernsthafte Nachteile zu haben, 46 Prozent sahen das anders. Führt man sich die Aussagen der Befragten und die Ergebnisse der Umfragen vor Augen, dann kann man feststellen, dass die Deutschen keine homogene Meinungs-Masse sind, sondern natürlich verschiedene Ansichten, Überzeugungen und Haltungen haben. Sie sind aktuell aber konservativer als noch vor einigen Jahren, und je nach Parteipräferenz auch radikaler. So behaupten AfD-Anhänger zu 85 Prozent, es gebe eine zu große Rücksichtnahme auf Minderheiten, bei den Grünen sind es nur acht Prozent. Vielleicht lässt sich aus der Reportage der Schluss ziehen, dass die Vokabel "zerrissen" die Realität dann doch nicht so genau abbildet. In dem gezeigten Panorama aus individuellen und repräsentativen Meinungen stellt sich die deutsche Gesellschaft zunächst als durchaus plural dar. Überzeugungen stehen nebeneinander und sich gegenüber. Und selbst wenn sie unversöhnbar sind und als unangenehm erlebt werden - eine Mehrheit von 58 Prozent sieht den gesellschaftlichen Zusammenhalt als "eher schlecht" -, so muss das noch kein Alarmzeichen sein - es denn, diese Gegensätze steigern sich zum Krisenfall, zur Gewalt. Von realer oder direkter Gewalt berichten die Gesprächspartner zwar nicht, wohl aber von verbaler oder indirekter Gewalt. Zerrissenheit wird mehr gefühlt als faktisch wahrgenommen. Der Streit um die Meinungen wird dabei oft hinterrücks oder mit Macht und mit Geld ausgetragen. Die Streitkultur hat erkennbar gelitten, das wird in dem Film mehr als deutlich. Die Reportage bleibt im Rahmen des Sagbaren wie des Fassbaren, weder sollen Emotionen geschürt noch Wertungen platziert werden. Zeigen, was ist, das ist die kluge Prämisse für den 45-Minuten-Film. Jessy Wellmer und Dominic Egizzi können gerne öfter als nur einmal im Jahr den Deutschen den Puls fühlen.

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