Aufbruch Ost - Gelungener Auftakt der TeleVisonale in Weimar

Von Jan Freitag und Steffen Grimberg (KNA)

FESTIVAL - Die TeleVisionale ist von Baden-Baden nach Weimar gezogen – und bringt große Debatten, neue Perspektiven und mutige Filmkunst in die Klassikerstadt. Ein Festival zwischen Geschichte, Gegenwart und kreativem Aufbruch.

| KNA Mediendienst

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Preisverleihung bei der TeleVisionale 2025

Foto: Sophie Schüler/TeleVisionale/KNA

Weimar (KNA) In Zeiten hochtouriger Geschichtsschreibung sind 36 Jahre geradezu episch. Ende 1989 war die Mauer gefallen, Steffi Graf Weltranglisten-Erste und "Lambada" auf Platz 1 der Hitparaden. Und der traditionsreiche Preis fürs beste Fernsehspiel, der schon seit 1964 vergeben wird, nach zielloser Suche da angekommen, wo er seither gar nicht mehr wegzuwollen schien: in Baden-Baden. Fast vier Jahrzehnte bot ihm das Kurhaus zu Beginn jeder Adventszeit ein feudales Heim, als öffentliches Publikumsfestival, das sich von den "Baden-Badener Tagen des Fernsehspiels" zum "Fernsehfilmfestival Baden-Baden" häutete. Weil der Anspruch, die Fernsehfiktion als Ganzes zu behandeln, schon immer mit der Konzentration auf die "verflixten 90 Minuten" - so der Titel eines Baden-Badener Panels vor einigen Jahren - im Konflikt stand, öffnete sich das Festival unter der neuen Leitung von Daniela Ginten und Urs Spörri 2022 dann auch für Serien. Und benannte sich konsequenterweise in "TeleVisionale" um. Doch da gingen die Interessen von Stadt, Land und Festival schon auseinander und die TeleVisonale zog dorthin, wo sie in diesem Jahr vom 1. bis 5. Dezember erstmals stattfand: nach Weimar. Dessen Weimarhalle ist zwar kaum halb so prächtig wie das Baden-Badener Kurhaus. Dafür aber doppelt so groß und als Kongresszentrum dreimal passender für ein Festival mit angeschlossenem Branchentreff. Der wurde für die Premiere in der Klassikerstadt nochmal weiter ausgebaut und lief durchgehend parallel und genauso öffentlich wie das klassische Festivalgeschehen. Vom in Baden-Baden etablierten Standard, der das Festival ziemlich einzigartig macht, wurde auch in Weimar nicht abgewichen: Alle Fernsehfilme werden in voller Länge vor Publikum gezeigt (bei den Serien sind es je nach Länge ein bis zwei Folgen) und dann von einer Fachjury vor demselben Publikum seziert und diskutiert. Dazu kommt noch der 3sat-Publikumspreis. Denn auch dieser langjährige Partner war mit nach Weimar umgezogen und brachte wie immer alle zehn nominierten Filme - auch die der Privaten - rund um den Festivaltermin nochmal in seinem Hauptabendprogramm und der Mediathek. Während am alten Standort bei populären Filme mit vielen prominenten Gästen aus der Produktion die Plätze gerne mal knapp wurden und die Leinwand im Ausweich-Saal Schrumpfformat hatte, war allein die Leinwand vor den rund 600 Stühlen im Hauptsaal der Weimarhalle jetzt "höher als vorher breit", wie Festival-Leiter Urs Spörri über das acht Mal sechzehn Meter messende LED-Ungetüm meinte. Die Fernsehfilm-Jury wurde bei der Premiere in Thüringen von Andreas Dresen geleitet, die Serien-Sektion von Désirée Nosbusch, der Nachwuchs-Bereich von Karoline Schuch. Alle nur bedingt divers, aber unbedingt namhaft und überaus kompetent, stehen sie stellvertretend für das Festival an einem ambivalenten Ort. "Nichts gegen Baden-Baden, schönes Städtchen", hatte Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) zur Begrüßung im vollbesetzten Saal zum Start augenzwinkernd gemeint. An neuer Festivalstätte aber würden sich "Geschichte, Gegenwart und Zukunft" begegnen. Wie dicht, konnte man bereits am Sonntag vor dem offiziellen Festivalstart erleben. Da wurden die letztjährigen Preisträger nochmals angemessen gewürdigt - darunter der 3sat-Publikumssieger "Ich bin! Margot Friedländer". Zwischen Bauhaus und Buchenwald, Kunsthochschule und Konzentrationslager Mittelbau Dora, durfte das Biopic der Holocaust-Überlebenden seine Wucht voll entfalten. Dann aber begann das Premierenjahr in der Mitte Deutschlands, wo sich laut Urs Spörris Co-Leiterin Daniela Ginten "hervorragende Infrastruktur und ostdeutsche Perspektiven" verbinden. Eine davon bot der MDR-Film "Bach - ein Weihnachtswunder", nach dem Nischendrama "No Dogs Allowed" der erste Mainstream-Beitrag. Auch dank des jüngsten Jury-Mitglieds Elsa van Damke, deren RTL-Groteske "Angemessen Angry" voriges Jahr den Serienpreis gewann, wurde darüber genauso hitzig diskutiert, wie es sich Oberbürgermeister Peter Kleine vor der Weltpremiere des neuen Hallenser "Polizeiruf" vom Podium wünschte: "Im kreativen Streit." Kontrovers, nicht konfrontativ. Vehement statt wütend. Eher zugewandt als abgeneigt. Das gilt besonders für drei neue Preiskategorien: Kinderfilme und -serien sowie - endlich, endlich - die Gewerke hinter der Kamera. Aufnahmeleitung zum Beispiel, Kostümbild oder Casting. Damit wird die TeleVisionale ihrem Anspruch noch etwas gerechter, der gesamten Branche ein unterhaltsames Debattenforum zu bieten. Im ersten Jahr der Wanderung von West nach Ost ging es beim Branchenforum dann vor allem auch darum. Zukunftsgewandt, etwa mit dem Panel "Ost und West war gestern", aber ohne Beschönigungen. Dass Ostdeutschland, seine Kreativen und seine TV- und Filmbranche im Gesamtkonzert bislang eher die zweite Geige spielen, wurde nicht ausgespart. Aber ganz im Zeichen des Festivalmottos "Ankommen in Mitteldeutschland" konstruktiv und ohne billiges Gejammer nach vorne diskutiert. Im 36. Einheitsjahr voll wegweisender Wahlen westlich und östlich der Elbe womöglich ein Meilenstein des Fernsehens. Was auch am Festivalort Weimar liegt. "Man muss einen Fehler mit Anmut rügen und mit Würde bekennen" zitierte Jurypräsident Andreas Dresen am dritten Festivaltag Friedrich Schiller. Womit ausdrücklich nicht der RTL-Wettbewerbsbeitrag "Morden auf Öd - Tag der Abrechnung" gemeint war. Doch an diesem einzigen 2025 nominierten Film mit privatem Absender entzündete sich das zweite große Thema der Televisionale: Die eher pflichtgemäß abgelieferte Diversität im Fernsehfilm. Dass in dem Inselkrimi ein Polizeibeamter auf dem Festland ausdrücklich als Person of Color und lustig gemeinter Sidekick besetzt war, stieß schal auf. "Wir werden da als Zielgruppe nicht abgeholt", sagte auch Elsa van Damke, die in der Hauptjury saß und diesen "großen Generationenkonflikt" auf den Punkt brachte. Und es ist vor allem der Fernsehfilm, der hier - egal ob privat oder öffentlich-rechtlich - Nachholbedarf hat. "Serien zeigen: Es geht anders, auf dem Bildschirm und im Team", meinte van Damke nüchtern, die mit "Angemessen Angry" ein Gegenbeispiel präsentiert und dafür einen Grimme-Preis bekommen hat. Im Rahmen der Diversitätsdebatte ging es auch um geschlechtsspezifische Gewalt im Fernsehen. Und die von Christine Linke von der Hochschule Wismar vorgetragene Bilanz war ernüchternd: So klar, wie die deutsche Fernseh-Fiktion vom Krimi dominiert wird, so wenig geht sie auf die Perspektive der Opfer und Geschädigten ein. Und mehr noch, die Fiktion schafft ein Zerrbild der Realität, weil sie Gefahr eher als "stranger danger" zeigt - obwohl häusliche Alltagsgewalt mit sehr eng bekannten Tätern das Gros der realen Fälle ausmacht. Oder, wie es im anschließenden Panel des Bundesverbands Regie die Regisseurin, Produzentin und Schauspielerin Saralisa Volm nüchtern formulierte: Bei der typischen TV-Vergewaltigungsszene sei da immer noch die "junge Frau mit kurzem Rock, und dann kommt das Monster aus dem Gebüsch." "Sichtbarkeit ist noch keine Perspektive", hatte Christine Linke generell in Sachen Diversität zu Bedenken gegeben, und wie es anders geht, zeigte in Weimar Lamin Leroy Gibba. Der schauspielende Showrunner verkörpert nach eigenem Drehbuch eine Art Alter Ego namens Lalo, das acht Folgen lang gegen jede nur erdenkliche Wand läuft. Sein Hauptcharakter ist demnach nicht nur schwul, schwarz und genderfluid, sondern rückgratlos, selbstsüchtig und sagenhaft nervig - was der ARD-Serie "Schwarze Früchte" dann auch den Serienpreis der TeleVisionale einbrachte. Für ein serielles Plädoyer dafür, migrantisch geprägte (nicht dominierte) Biografien in ihrer (also Gibbas) Komplexität zu zeigen. Der Hauptpreis in Sachen Fernsehfilm ging an die ZDF-Produktion "No Dogs Allowed".(Alle weiteren Preisträger hier.) Und natürlich lag noch ein Thema über dem an deutscher Geschichte so reichen wie widersprüchlichen Festivalort Weimar. Der erstarkende Rechtspopulismus und die Erfolge der AfD, die die kreative Freiheit bedrohen und das Bisschen an Diversität, das erreicht ist, gleich wieder einstampfen wollen. Dass sich diese Weimarer Widersprüchlichkeit dabei auch positiv wenden lässt, hatte sich am Abend vor der Preisverleihung gezeigt. Da feierte die TeleVisionale auf Einladung der Produktionsfirma Klingsor schon mal ein bisschen vor - in der "Sendehalle" Weimar, die eigentlich von den Nazis parallel zum Konzentrationslager Buchenwald als Nietzsche-Weihestätte und Symbol für den vermeintlichen "Übermenschen" gebaut war. Kriegsbedingt wurde nur der Rohbau fertig, später zog der Rundfunk der DDR ein, nach der Wende sorgte der MDR für freie, unabhängige Berichterstattung. Nach dessen Auszug stand das Gebäude unter einem dubiosen Investor lange leer. Im vergangenen Jahr hat es die eigens dafür gegründete Stiftung "Sendehalle Weimar" ersteigert und will es zum lebendigen Geschichts-, Bildungs- und Kreativcampus umgestalten, der die wechselvolle Geschichte der Sendehalle als Ort der Begegnung und des Dialogs erzählt. Als so ein Ort der Begegnung und des Dialogs war die erste TeleVisionale in Weimar ein voller Erfolg. Gerade weil die Herausforderungen, Widersprüche und Zumutungen nicht unter den Teppich gekehrt, sondern offen angesprochen wurden. Oder wie Jury-Präsident Andreas Dresen bei der Preisverleihung an noch so einer historisch aufgeladenen Stätte, im Deutschen Nationaltheater, meinte: "Weil doch jetzt so viele Verantwortliche hier im Saal sind: Schützt die Bedingungen, erweitert die Möglichkeiten. Ich weiß, wir sind alle in einer sehr schwierigen Situation. Es ist vielleicht die schwerste Krise der Film- und Medienlandschaft der letzten Jahrzehnte. Lasst uns zusammenhalten, lasst uns die Räume freihalten für künstlerische Freiheit, für gedankliche Freiheit und für die Freiheit zur Gestaltung."

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