Hamburg (KNA) In seiner langen Schauspiel-Karriere war Denis Moschitto schon das eine oder andere Mal im "Tatort" zu sehen. Sechs Auftritte zählt seine Filmografie seit 1999. Und doch ist der Sonntagabend vor Weihnachten nun etwas ganz Besonderes. Denn zum ersten Mal spielt er als Computer-Experte Mario Schmitt nun aufseiten der Kommissare vor der "Tatort"-Kamera. Das war nicht unbedingt vorhersehbar, erzählt Moschitto im Interview des KNA-Mediendienstes. Denn einerseits habe er in seiner Anfangszeit wegen seines Migrationshintergrundes eher die Rollen der Loser und Gangster angeboten bekommen. Und auf der anderen Seite verrät er, dass er selbst gar kein allzu ausgeprägter Krimi-Fan ist. KNA-Mediendienst: Denis Moschitto, als wir uns 2012 über den Bremer "Tatort: Hochzeitsnacht" unterhalten haben, waren Sie ein paar Jahre zuvor gerade vom liebenswerten Loser in Richtung Gangster wie "Chiko" abgebogen. Was bedeutet es für Sie und Ihre Arbeit, dass Sie jetzt der Gendarm sind? Denis Moschitto: Zunächst mal nur, dass ich generell so viele unterschiedliche Figuren wie möglich spielen möchte. Und dazu gehören Gangster genauso wie Gendarmen. Früher hatten meine Rollen aber insgesamt wohl ein bisschen mehr mit meinem Migrationshintergrund zu tun. Mittlerweile hat die Branche aber verstanden, dass es mich auch ohne den gibt. MD: Damals hatten Schauspieler mit Migrationsgeschichte noch vor allem Kriminelle, Putzfrauen oder Flüchtlinge gespielt. Moschitto: Vielleicht war das bei mir auch deshalb anders, weil ich mich nie richtig mit meiner Herkunft identifiziert habe. Umso interessanter ist das, dass es der Generation Z gerade wieder wichtiger wird, ihre Migrationshintergründe explizit zu thematisieren und daraus Stärke zu gewinnen. Dieses Bedürfnis fehlte mir völlig. Ich erinnere mich an frühere Dreharbeiten, bei denen ich mir die Haare blond färben sollte, um einen Deutschen zu spielen. Das hab" ich damals überhaupt nicht verstanden. Doch die Zeiten haben sich geändert. Das spürt man auch im neuen "Tatort", wo viele der Schauspieler ihre Wurzeln im Ausland haben. Da bin ich in vielerlei Hinsicht sehr unauffällig. Und das ist auch gut so. MD: Wobei es gemeinhin als spannender gilt, Antagonisten zu spielen, also eher Kriminelle als Cops. Wie gewinnt man letzteren jene Kanten ab, die sie brauchen, um spannend zu sein? Moschitto: Es stimmt schon, positive Figuren sind in Deutschland auch heute noch ein wenig glatter als negative Figuren. Oftmals müssen sie parallel als Schwarm des anderen Geschlechts funktionieren, was oft wahnsinnig langweilig ist, in meiner Anfangszeit aber noch viel ausgeprägter war. Mittlerweile geben die Drehbücher auch Protagonisten viel mehr Konturen wie hier bei Alexander Adolph und Eva Wehrum. MD: Die Ihnen jetzt den Cyber-Experten Mario Schmitt auf den Leib geschrieben haben. Moschitto: Aber überhaupt nicht darauf eingehen, welche Art von Hintergrund er und all seine Marotten haben. Sehr clever. MD: Eine holländische Kollegin von Schmitt äußert im Film mal den Verdacht, er sei autistisch. Ist er das? Moschitto: Nicht, dass ich wüsste. Die Krankheit ist filmisch zu komplex, um daraus voreilige Schlüsse zu ziehen. Da stört es mich ohnehin sehr, dass viele Fiktionen dazu neigen, sie als Superkraft zu verkaufen. Mario Schmitt ist einfach ein nerdiger Typ. Mit diesem Comic Relief bin ich absolut fein. Aber wir müssen schon auch ein bisschen aufpassen, es damit nicht zu übertreiben und ihm seine Ernsthaftigkeit lassen. Albern soll die Figur auf keinen Fall werden. Es geht vor allem um seine Kompetenzen als Cyber-Experte. MD: Das wäre eine Analogie zu ihrer eigenen Biografie. Als junger Mann waren Sie selbst Hacker. Moschitto: Ich war eher ein Cracker, um genau zu sein. Während das Ziel von Hackern ist, in Systeme einzudringen und sie zu manipulieren, wollen Cracker einfach nur den Kopierschutz einer Software entfernen. Ich glaube zwar nicht, dass das irgendjemand beim Casting im Hinterkopf hatte, als ich in die Auswahl kam. Aber mich interessiert dieser Aspekt natürlich enorm. Da ist mir sehr daran gelegen, Hackern den Ruf der Magier zu nehmen, sie also ein bisschen zu versachlichen. MD: Vielleicht auch den Ruf der Schädlinge? Moschitto: Durchaus. Es gibt schließlich zwei Sorten Hacker. Die einen wollen Systeme knacken, um sie zu stören oder sich sogar daran zu bereichern. Andere wollen auf Fehler aufmerksam und damit oft sicherer machen. Aber obwohl es auch bei Crackern mitunter kriminelle Energien gibt, geht es denen oft eher darum, wer es als erster schafft, und nicht, Schaden anzurichten. Dieses weltweite Netzwerk fasziniert mich bis heute. MD: Was sagt diese Faszination über Sie als Mensch aus? Moschitto: Dass ich schon immer ein technik- und computerinteressierter Mensch war, den diese Hackerfilme der Achtziger wie "Wargames" fasziniert haben, mehr nicht. Ich bin sogar ein eher spiritueller als rationaler Mensch, aber mein Freundeskreis kam damals nun mal größtenteils aus der Computerszene, in der ich versucht habe, mir ein Ansehen zu verschaffen. MD: Hatten Sie diesen Geltungsdrang? Moschitto: Auf jeden Fall. MD: Hat er am Ende dazu geführt, Schauspieler zu werden? Moschitto: Mit Sicherheit, ja. Vermutlich sogar aus einem Minderwertigkeitskomplex heraus, das ist bei vielen in meinem Beruf womöglich nicht anders. Als ich in der Schule das erste Mal auf der Bühne stand, haben sich der Applaus, das Schulterklopfen einfach unheimlich gut angefühlt. Berühmt zu sein, wurde mit den Jahren zwar immer unwichtiger. Aber positives Feedback ist mir immer noch wichtig MD: Ist der "Tatort"-Kommissar da gewissermaßen das größtmögliche Feedback? Moschitto: Ach, so viele Gedanken habe ich mir darüber gar nicht gemacht. Und falls doch, hätte ich vermutlich eher gedacht, dass "Tatort" ein bisschen nach Rente klingt (lacht). Ich habe als Schauspieler auch so genug erreicht. Ich muss weder mir noch anderen etwas beweisen. Die Aufmerksamkeit für den "Tatort" ist zwar groß, aber deshalb habe ich die Rolle nicht angenommen. MD: Sondern? Moschitto: Weil ich sie interessant finde und gerne mit Wotan Wilke Möhring zusammenarbeiten wollte. MD: Schauen Sie selbst gern "Tatort"? Moschitto: Selten. Ich sehe überhaupt wenig fern, hole aber auch wegen dieser Rolle gerade ein bisschen auf und merke, wie unglaublich groß das Krimi-Angebot in den Mediatheken ist. Wer soll das alles bloß sehen?! Auch deshalb ist mir durchaus wichtig, dem Genre mit meiner Figur etwas Neues zu geben. Ich sehe das mal als Herausforderung. MD: Zumal Mario Schmitt zumindest in den ersten zwei Filmen eher der Zuspieler von Wotan WilkeMöhrings Kommissar Falke ist. Moschitto: Das dürfte sich vielleicht noch etwas ändern. Trotzdem bleiben Wotan und Falke im Mittelpunkt. Da gehören beide auch hin.