Leipzig (KNA) Sergiy Tomilenko hat eine Mission, auch an diesem Morgen, in einem Leipziger Café nahe des Hauptbahnhofs. Der Präsident der ukrainischen Journalistengewerkschaft ist zu Gesprächen mit dem European Center for Press and Media Freedom (ECPMF) in der Stadt und schon länger in Deutschland unterwegs, um Gelder und Unterstützung zu sammeln für die "Frontzeitungen" in seinem Land. Frontzeitungen? "Nein, bitte nicht missverstehen", sagt Tomilenko, "das hat nichts mit Militär zu tun. Wir nennen so die Blätter, die in den Gebieten nahe der Front unter schwierigsten Bedingungen erscheinen". Und "Front", macht der 49-Jährige klar, ist angesichts des Drohnenkriegs in seinem Land ein ziemlich dehnbarer Begriff. "Früher galten als Frontgebiet vielleicht die letzten zwei, drei Kilometer bis zur Kampflinie", doch heute geht es bis zu 20, 30 Kilometer ins Landesinnere hinein. "Die letzten zwei Journalisten, die durch Drohnenangriffe ums Leben kamen, waren 26 Kilometer von der eigentlichen Front entfernt." Tomilenko kämpft an vielen Fronten, auch wenn er selbst nicht Soldat und für seine internationale Arbeit vom Militärdienst freigestellt ist - wie neben ihm sonst nur noch ein weiterer Gewerkschaftskollege. Seine Organisation gilt heute als Teil der kritischen Infrastruktur. "Unsere größte Herausforderung im Medienbereich ist die Sicherheit unserer Journalistinnen und Journalisten. Aber problematisch ist die wirtschaftliche Situation der Medien in der Ukraine, vor allem im Regionalen und Lokalen", sagt Tomilenko. Denn die Regierung konzentriere ihre Aufmerksamkeit auf das landesweite Fernsehen und andere nationale Medien. "Dabei sind gerade die Lokalzeitungen so wichtig, vor allem in Frontgebieten. "Natürlich haben alle Handys, aber was nützen die, wenn der Akku leer ist und es mal wieder keinen Strom gibt?", sagt Tomilenko. Viele dieser "Frontzeitungen" erscheinen mindestens wöchentlich und liefern dringend benötigte lokale Informationen und Hinweise zur Sicherheitslage, zu Versorgungsmöglichkeiten, "oder machen einfach Mut, weil sie zeigen, wie sich Menschen im Nahbereich unterstützen und helfen". Wirtschaftlich ist das alles nicht, doch bislang konnten viele dieser Blätter dank finanzieller Zuwendungen der Unesco erscheinen. Doch seitdem Donald Trump die Zuschüsse der USA für die UN-Organisation für Bildung, Wissenschaft und Kultur gekappt hat, sieht es düster aus. Tomilenko hofft, nun in Deutschland neue Geldquellen zu erschließen. "Denn wir brauchen diese Zeitungen, meine Gewerkschaft will das Sprachrohr für regionale und lokale Medien sein". Rund 50 Prozent davon hätten seit der russischen Invasion 2022 dicht gemacht, darunter auch so ziemlich alle lokalen und regionalen Radio- und TV-Stationen. "Vor zehn Jahren war zum Beispiel Odessa ein Zentrum für regionales Fernsehen, es gab 27 lizenzierte Sender. 2024 hat der letzte von ihnen zugemacht", so Tomilenko. 32 "Frontzeitungen" gibt es aktuell, die meisten sind Zwei-, bestenfalls Drei-Personenbetriebe. "Fast alle werden von Frauen geleitet, oder Männern über 60, die nicht mehr militärdienstpflichtig sind". Wie Natalia und Oleski Pasiuha, die in Welyka Pyssariwka nahe der russischen Grenze leben. Da die Post ihre Wochenzeitung "Vorskla" nicht mehr zustellt, weil es zu gefährlich ist, tragen die Chefredakteurin und ihr Ehemann das Blatt jetzt selbst aus. Die Redaktionsbüros und Druckereien vor Ort sind fast alle zerstört, gedruckt wird jetzt an ein paar zentralen Orten weit hinter der Front. Dann folgt der beschwerliche Weg zurück. "Doch die Zeitungen sind immens wichtig, um russischen Fake News und Propaganda gerade in den Frontgebieten etwas entgegenzusetzen". Die Debatte um Desinformation werde generell ja eher auf der Meta-Ebene geführt. "Aber hier ist das ganz real, down to earth, ganz nah." Tomilenko erzählt das nüchtern, fast zurückhaltend. Wie es unter der professionellen Oberfläche des Gewerkschaftschefs aussieht, kann man erahnen, wenn er auf Wladimir Putin zu sprechen kommt. "Putin setzt nicht nur auf Panzer und Drohnen, sondern vor allem auf Propaganda - unsere Regierung müsste hier viel mehr entgegensetzen", natürlich nicht im Sinne von eigener Staatspropaganda. "Wenn Putin in Propaganda investiert, sollten wir in Journalismus investieren", sagt Tomilenko dann plötzlich sehr energisch: "Jedes kleine Waffensystem kostet mehr als ein ganzes Medienunternehmen; und für Waffen ist Geld da, da kommt auch viel aus Deutschland." Wenn es aber mehr Unterstützung im Medienbereich gäbe, könne man Putins Propaganda ganz anders begegnen. Seine Gewerkschaft fordert, zwei Prozent der Militärausgaben in den Aufbau der medialen Infrastruktur umzulenken: "Medien brauche Millionen, keine Milliarden." Und auch Deutschland sollte endlich merken: "Die größte Gefahr, auch für Euch, ist Putin!" Doch der verzeichne immer mehr Erfolge, wie jetzt wieder mit der von Russland lancierten Debatte, ob der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj nicht viel zu lange schon im Amt sei, ohne dass Wahlen stattgefunden hätten. "Unsere Bedrohung heißt nicht Selenskyj", sagt Tomilenko, der wolle vielleicht auch mehr Macht ausüben - "die eigentlich Gefahr ist Putin, der will uns töten". Denn gezielte Angriffe auf Medienvertreter gehörten auch in der Ukraine mittlerweile zu Alltag. "Deswegen sind Schutzwesten und Helme, auf denen groß "Presse" steht, zwar gut gemeint, aber leider gefährlich", beschreibt Tomilenko das Dilemma. "Wir nehmen die Schilder wo immer möglich ab, wir brauchen neutrale Schutzausrüstung, die einen nicht sofort als Journalisten ausweist." Tomilenkos Gewerkschaft hat seit Beginn des russischen Angriffskriegs sechs "Journalists' Solidarity Center" aufgebaut, die ukrainische und internationale Medienvertreter bei ihrer Arbeit unterstützen. Hier gibt es Schutzausrüstungen, technische Hilfe, und vor allem Informationen zur aktuellen Sicherheitslage auch über die jeweilige Region hinaus. Wer Geld braucht, bekommt unkompliziert 100 Euro Soforthilfe. "Das ist nicht viel", sagt Tomilenko; Geld wird auch hier knapp, "aber wir können die Läden doch nicht einfach wieder dicht machen", auch wenn seine Organisation den Mitarbeitern dort ebenfalls nur noch ein Mini-Gehalt zahlen kann. Neben den "Journalists' Solidarity Centern" ist die Unterstützung von in Russland inhaftierten oder hinter die Front verschleppten Journalistinnen und Journalisten die andere ganz große Aufgabe seiner Gewerkschaft, sagt Tomilenko. "Bei Soldaten gibt es in der Regel irgendwann einen Gefangenenaustausch, da gibt es klare Regularien". Bei Medienvertretern ist das dagegen nicht der Fall. Sie genießen zwar offiziell sogar einen besonderen Schutz, "aber Russland hält sich nicht daran beziehungsweise behauptet, es handle sich um Spione, für die das alles nicht gilt", so Tomilenko. Erst diesen Sommer wurde in Kiew Viktoriia Roshchyna beigesetzt, eine ukrainische Journalistin, die im August 2023 im von Russland besetzten Teil der Ukraine festgenommen und verschleppt wurde. Nach einem Jahr in russischen Lagern starb sie dort unter bis heute nicht vollständig aufgeklärten Umständen. "Jeder Tag in russischem Gewahrsam ist gefährlich, das ist nicht so, wie wenn man in Deutschland festgenommen wird." "Unser größtes Problem ist die Angst, die jeden Tag da ist", sagt Tomilenko, der eigentlich mal Mathematik studiert hat, dann aber in den Journalismus wechselte und seit Ende der 1990er Jahre als Reporter und später Chefredakteur für Regionalzeitungen und Nachrichtenagenturen aktiv war. Seit 2017 ist er Vorsitzender der ukrainischen Journalistengewerkschaft NUJU. Deshalb will seine Gewerkschaft auch "Zeichen der Hoffnung setzen", auch wenn sie klein seien. Dazu gehören Postkarten mit Zeichnungen von Kindern ukrainischer Medienschaffender, die diese bei der Arbeit zeigen, in einer friedlichen, besseren Welt. Oder kleine Stofffiguren, die Journalistinnen und Journalisten basteln, die wegen Kriegstraumata in Behandlung sind und derzeit nicht arbeiten können. Tomilenkos Mission wird weitergehen, erste Erfolge kann er schon verbuchen. Der schwedische Verlegerverband, wo er im März zum Kongressbesuch war, hat jetzt umgerechnet 186.000 Euro zur Unterstützung von 25 "Frontzeitungen" zugesagt. Ein wichtiges Signal, sagt Tomilenko. "Denn wenn wir nicht mehr da sind, füllt Putin die Lücke."