Bonn (KNA) 1981 ist sie in Jena geboren: Karoline Schuch kennt den Osten Deutschlands vor und nach der Wende. Während die Schauspielerin die filmische Aufarbeitung der Zeit vor dem Mauerfall für ausreichend hält, schlummert Schuch zufolge noch viel dramaturgisches Potenzial in der Gegenwart ihrer Generation. 2022 ging die erste Staffel der Serie "Oderbruch" im Ersten an den Start, die in einem fiktiven Dorf an der deutsch-polnischen Grenze spielt. Schuch spielt darin die Kommissarin Maggie Kring, die einen mysteriösen Fall aufklären soll und von ihrer Vergangenheit eingeholt wird. Nun startet die zweite Staffel - und Schuch ist wieder mit dabei. Im Interview des KNA-Mediendienstes spricht sie über ihr Psychologiestudium als Mystery-Training, den Geschmack von Kunstblut und verrät, was Vampire mit der Beziehung zwischen Ost- und Westdeutschland zu tun haben. KNA-Mediendienst: Frau Schuch, Sie drehen viele Krimis, darunter auch "Tatorte". Sie sind also blutige Filme gewohnt, aber so blutig wie in "Oderbruch" ging es wohl noch nie zu, oder? Karoline Schuch: Tatsächlich noch nie, stimmt. Und das finde ich, ehrlich gesagt, auch besonders cool an der Serie. MD: Wobei Sie das Kunstblut sogar trinken. Wie schmeckt das so? Schuch: Vom Aroma her ist es nicht besonders lecker, aber so ungefähr im Rote-Beete-Bereich - damit komme ich klar. Als ich am Ende einmal echt Unmengen trinken musste, war es zwar too much, aber "Oderbruch" ist eine Serie, bei der man seine Befindlichkeiten sowieso hintanstellen muss. Ich bin da von Anfang an, auch was mein Äußeres betrifft, extrem uneitel rangegangen. Schließlich ist es meine Aufgabe als Schauspielerin, deutlich zu machen, dass Blut für Maggie das Leckerste auf der Welt ist. MD: Wobei man darüber in der ersten Staffel bis zum Schluss nur spekulieren konnte. Erst jetzt wird "Oderbruch" richtig zur Vampir-Serie. Schuch: Während der ersten Staffel war es uns sogar förmlich verboten, das Wort "Vampir" überhaupt in den Mund zu nehmen. Auch dadurch sind allerdings viele Zuschauer:innen, die eher mit einem Mystery-Krimi als sozialkritischem Horror gerechnet hatten, bei unserem Experiment geblieben. Wobei wir schon eine sehr spezielle Definition des Vampirismus verarbeiten. MD: Worin zeigt sich das? Schuch: Dass unsere Vampire Tageslicht vertragen, zum Beispiel, überhaupt nicht privilegiert sind und sehr existenzielle menschliche Probleme haben. Außerdem wollen sie das eigene Geschlecht, also letztlich sich selbst, ausrotten. Sehr kontrainstinktiv. MD: Sie haben parallel zur Schauspielkarriere Psychologie studiert. Wie deuten Sie die Bedeutung des Vampirismus für Film und Fernsehen, wo er ja seit mehr als 100 Jahren zu einem der Kernthemen zählt? Schuch: Oh, das ist aber sehr komplex für meinen erkälteten Kopf. Als Zuschauerin bin ich ja gar kein so großer Horror-Fan. Aber als Ostdeutsche war mir beim Lesen der ersten Exposés aufgefallen, wie man das Aussaugen der Menschen als Aussaugen des Ostens durch den Westen lesen konnte. Das ist in den Drehbüchern zwar ein wenig verloren gegangen. Aber was der Serie erhalten blieb, ist unsere Faszination für die schrankenlose, unersättliche, häufig erotisierte Gier nach sinnlicher Befriedigung, die Vampire seit jeher gegen jede Konvention ausleben. Dracula hat immer schon das getan, was tief in uns schlummert, aber nicht raus darf. MD: Und im Fall Ihrer Figur ja auch nicht raus will. Schuch: Genau, meine Vampirin ist von Skrupeln geleitet. Das finde ich wirklich innovativ und hat mir auch als Psychologin die Möglichkeit gegeben, Maggie tiefer zu durchdringen. MD: Passiert es vielen Ihrer Rollen, dass die Psychologin Karoline Schuch der Schauspielerin Karoline Schuch Hinweise auf Seelentiefe gibt? Schuch: Kann schon sein. Das Interesse von Schauspieler:innen, ihre Rollen innerlich zu begreifen, ist allerdings eher berufs- als studienimmanent. Deshalb arbeiten viele von uns mit Coaches, die sie in die Lebenswelten der Charaktere hineingeleiten, um sie tief zu ergründen und nicht nur darzustellen. Aber wo mir mein Psychologie-Studium mehr hilft, ist hinter der Kamera. Schon im ersten Semester lernt man schließlich, dass andere Menschen anders ticken und man nie das Maß aller Dinge ist. Das hilft mir dabei, mich zurückzunehmen. MD: Und sich nicht allzu wichtig zu nehmen? Schuch: Ach, das in der Regel eher ein männliches als menschliches Phänomen (lacht). Interessant an "Oderbruch" ist aber auch, dass es nicht nur in Seelen, sondern Böden gräbt. MD: Es geht viel um die Hinterlassenschaften des Zweiten Weltkriegs. Schuch: Oder all der Fluten, die das Land an der früheren Grenze des Ostens zum Westen seit Jahrhunderten schon regelmäßig überschwemmen. Auch wenn wir in der zweiten Staffel gar nicht so wahnsinnig viel im Oderbruch gedreht haben, fand ich die Gegend aufs Neue sehr faszinierend. MD: Ist es wichtig, dem Osten Deutschlands Sichtbarkeit zu verleihen? Schuch: Das würde ich nicht überinterpretieren, aber mir als Thüringerin ist diese Sichtbarkeit wichtig. Ich spüre allerdings generell, dass sich Ostdeutsche, wo immer sie aufeinandertreffen, so eine Art mentales High Five geben. Auch, um sich ihrer Verbindlichkeit zu versichern. MD: Verbindlichkeit? Schuch: Ich bin drei Tage nach dem Abiball von Jena nach Köln gezogen, um Soaps zu drehen. MD: Immerhin 245 Folgen "Verbotene Liebe". Schuch: Dieser Umzug war allerdings nicht nur von einer Stadt in die andere, sondern auch von einer Mentalität in die andere. Im Rheinland musste ich erstmal lernen, dass die Frage "wie geht's dir?" gar keine ehrliche Antwort erfordert, sondern bloß Smalltalk ist, mit dem ich damals überhaupt noch nicht umgehen konnte. Demgegenüber habe ich auf der TeleVisionale Ende 2025 in Weimar... MD: ... wo Sie die Nachwuchspreis-Jury geleitet haben ... Schuch: ... eine Wärme gespürt, die im Westen seltener ist. Deshalb empfinde ich es als echten Aufbruch, dass solche Filmfestivals jetzt endlich mal im Osten stattfinden. Und ich versuche den Standort auch als Produzentin zu fördern, wann immer es geht. Als Jahrgang 1981 kenne ich zwar noch beide Systeme. Die Zeit vorm Mauerfall wurde aus meiner Sicht allerdings ausreichend erzählt. Das weitaus größere dramaturgische Potenzial liegt in der Gegenwart meiner Generationen. Und dass es bis heute weithin ungenutzt bleibt, ist ein strukturelles Problem unserer Branche, das ich offensiv angehe. MD: Welches Projekt liegt da gerade in Ihrer Schublade? Schuch: Vor allem Verena Keßlers Debütroman "Die Gespenster von Demmin", den ich während der Pandemie gelesen hatte. Es geht um ein 15-jähriges Mädchen in einer Kleinstadt in Mecklenburg-Vorpommern, wo ich mittlerweile auch selber lebe. Sie will Kriegsreporterin werden und verarbeitet gleichzeitig das kollektive Trauma eines Massensuizids, der dort nach 1945 tatsächlich stattgefunden hatte. Das Besondere daran: Es ist weder Krimi noch Heimatfilm oder Historytainment, sondern eine sehr realistische, aber humorvolle Milieustudie einer Region, aus der bis heute kaum Alltagsgeschichten erzählt werden. Frage: Wird es ein Film oder eine Serie? Schuch: Serie. Sie werden noch davon hören!