Wie die USA zum Techno-Staat werden - Digitaljournalist schreibt Warnung vor dem Ende der Demokratie

Von Vera Linß (KNA)

SACHBUCH - Für die Tech-Oligarchen aus dem Silicon Valley passen Demokratie und unternehmerische Freiheit nicht zusammen. Um sie zu stoppen, müssen wir digital souverän werden, schreibt Digitaljournalist Jannis Brühl in seinem Buch "Disruption".

| KNA Mediendienst

alt

"Disruption"

Foto: Gina M Randazzo/Imago/KNA

Berlin (KNA) Die Zweifel daran, dass die US-Demokratie zu retten ist, wachsen. Ob der Griff nach Grönland, ICE-Razzien gegen Migranten oder die Rücknahme von Bürgerrechten: Offenbar ist der Aufbau eines autoritären Staats durch Donald Trump nicht zu stoppen. Mittendrin: die großen Tech-Konzerne aus dem Silicon Valley, die sich als willige Helfer des US-Präsidenten andienen. Längst sind sie von einer Wirtschafts- zu einer politischen Macht mutiert. Ohne ihre Mitwirkung lasse sich der Epochenbruch der Trump-Regierung nicht begreifen, sagt der Digitaljournalist Jannis Brühl in seinem Buch "Disruption. Die Ideologie der Tech-Oligarchen und das Ende der Demokratie, wie wir sie kennen". Und mahnt: Wer sich diesem "Experiment" entgegenstellen will, muss die Ideologien und das strategische Vorgehen der Tech-Oligarchen verstehen. Denn tatsächlich ist die Rolle von Big Tech ohne Vorbild. Zwar hat auch schon früher das (digitale) Kapital autoritäre Systeme unterstützt, etwa IBM die Nationalsozialisten in Deutschland. Die deutsche Tochtergesellschaft des amerikanischen Unternehmens hatte das NS-Regime mit ihrer Lochkartentechnologie versorgt, die zur Erfassung der Bevölkerung genutzt wurde. Diese Technik ermöglichte es den Nazis auch, jüdische Bürger, Roma und andere Gruppen effizient zu identifizieren, zu katalogisieren und ihre Vernichtung zu organisieren. Doch dass ganze Teile eines Industriezweiges mafiaartig den Staat kapern, ist neu. So planvoll wie konsequent haben die Männer rund um die Libertären Peter Thiel und Elon Musk ihre Netzwerke in der Trump-Regierung installiert. In Trumps erster Präsidentschaft 2016 war ihr Versuch noch gescheitert, Mitarbeiter aus den eigenen Unternehmen auf staatliche Posten zu hieven, wie Jannis Brühl in seinem Rückblick zeigt. Mit Trumps zweiter Amtszeit aber hat sich das geduldige Strippenziehen ausgezahlt. Nicht nur Elon Musk fand (vorübergehend) einen Platz direkt an den Schalthebeln der Macht. Auch Peter Thiel konnte ehemalige Mitarbeiter aus seinen Investmentfirmen platzieren: Nicht nur bei DOGE, Trumps "Department of Government Efficiency", der Behörde für den Bürokratieabbau, sondern auch im Gesundheits- und Verteidigungsministerium sowie im Haushalts- und Verwaltungsamt. Doch was bringt es, Teil des "nationalen Projekts USA" zu sein? Was will Big Tech mit der staatlichen Macht? Diese sei schlicht Mittel zum Zweck, analysiert Brühl, der bei der "Süddeutschen Zeitung" das Digitalteam leitet. Angefangen bei den schier unendlichen Möglichkeiten, Geld zu verdienen, indem sie (auf kurzem Wege) Militär- und KI-Technologie an den Staat verkaufen. Aber auch ideologische Konzepte wie der Akzelerationismus sollen verwirklicht werden. Hier geht es darum, die Entwicklung von Technologien radikal zu beschleunigen. Vor allem aber wollen die Tech-Oligarchen ihre unternehmerische Freiheit maximieren. Der Staat soll sich auf Polizei, Militär und Justiz beschränken. "Disruption", kurz: "kreative Zerstörung", ist das Prinzip, das sie aus der Tech-Welt auf die Demokratie übertragen. Und genau hier stoßen die Tech-Milliardäre an ihre Grenzen. Wie brüchig ihr "techno-populistische" Bündnis ist, hat der Rauswurf Musks als Chefberater von Trump im Sommer letzten Jahres gezeigt. Und es gibt auch Stimmen aus dem MAGA-Lager - Trumps früheren Intimus Steve Bannon zum Beispiel - die gleich ganz die Zusammenarbeit mit dem Silicon Valley beenden wollen. Etwa, weil das Disruptive nicht zum konservativen Bild der christlichen Kleinfamilie passt. Aber auch das Bestreben einiger Tech-Milliardäre, Gehirne auszulagern, um auf diese Weise unsterblich zu werden, passt einigen im Trump-Lager nicht so recht zur Idee des Menschen als göttliche Schöpfung. Dennoch sollte man nicht davon ausgehen, dass solche Spannungen zu einem baldigen Ende dieser unheilvollen Allianz führen. Deshalb schlägt Jannis Brühl Maßnahmen vor, mit denen sich Europa vor den Eingriffen von Oligarchen schützen kann. Dazu gehört allem voran die Schaffung von digitaler Souveränität. Auch die Verwaltung müsse man "Oligarchen-sicher" machen. Denn ein funktionierender Staat und eine starke Demokratie, schreibt Brühl, hängen zusammen. Und schließlich fordert er, dem "technologischen Populismus" des Silicon Valley eigene Ideen entgegenzusetzen. Denn statt positiv besetzter gesellschaftlicher Visionen beschränkt sich bislang viel vor allem auf dystopische Warnungen vor Klimakollaps, Faschismus oder Krieg. Das Fazit: Von den Oligarchen lernen heißt auch, größer zu denken. Brühls lehrreiches Buch ist das beste Argument dafür, hier endlich an Tempo zuzulegen.

Lesen Sie weiter auf www.KNA-News.de