Berlin (KNA) "Die größten Naturwunder", "Die größten Rätsel der Geschichte", "Giganten der Kunst": Im Fernsehprogramm hagelt es Superlative. Schließlich müssen Sendungen und Videos im dichten Wettbewerb um Aufmerksamkeit buhlen. Da fällt der Titel "Die gefährlichsten Firmen der Welt" nicht aus dem Rahmen - bis sich zeigt, welche Firmen gemeint sind. Hier geht es um Google und Meta/Facebook, Amazon und Apple und weitere US-amerikanische Unternehmen, die eigentlich auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen als Inbegriffe der Digitalisierung im besten Ruf stehen. Auch das ZDF gestaltet für diese Plattformen eigene Angebote und bewirbt sie oft. Produktankündigungen von Apple & Co. wurden jahrelang durch PR-ähnliche Berichte unterstützt. Doch jetzt hat sich die Wahrnehmung gedreht. In alarmierendem Tonfall warnt der ZDF-Info-Zweiteiler vor der erschreckenden Macht der digitalen Plattformen. Dazu spricht die deutsche Produktion vor allem mit englischsprachigen Experten wie der Facebook-Aussteigerin Frances Haugen. Daten seien eben nicht wie Öl, das man einmal benutzt und das dann weg ist, sagt der Wettbewerbsrechtler Maurice Stucke von der Universität Tennessee. Das Problem, "dass man früher die Wahl hatte, wem man seine Daten preisgibt", benennt Michal Kosinski von der Uni Stanford, als es darum geht, wie gut Facebook-Likes die früher üblichen Fragebögen zum Ausfüllen ersetzen. Unter den deutschen Gesprächspartnern am präsentesten sind Markus Beckedahl, der die Digitalkonferenz "Republica" und das Medium netzpolitik.org begründete und sich nun mit dem "Zentrum für Digitalrechte und Demokratie" engagiert, und der Kölner Medienwissenschaftler Martin Andree, der die "Zerstörung des demokratischen Diskurses" durch die Plattformkonzerne kritisiert. Formal gibt der Film einen dichten, weithin chronologischen Überblick. Dabei gelingt es Filmautor Jens Strohschnieder, die Balance zu halten - zwischen der Faszination für Innovationen, die zunächst wohl die meisten aufgeschlossene Zeitgenossen empfanden, und den Schattenseiten, die viele erst spät (oder noch immer nicht) erkannt haben. Natürlich gelangen die Garagen zu Ehren, in denen 1976 Steve Jobs Apple gründete und 1998 Google entstand. Die idealistische Hippie-Bewegung der 1970er hat "sicher eine große Rolle gespielt", sagt Beckedahl, doch schon damals flossen "Milliarden an Militär-Subventionen" in das entstehende technische "Ökosystem". Schon Steve Jobs habe "das Hippie-Narrativ genutzt, um genau das zu kaschieren", ergänzt Andree. Und Michal Kosinski erinnert daran, dass das Internet seinen Ursprung in der Idee hatte, den Abschussrampen für Atomwaffen eine dezentrale Kommunikation zu ermöglichen. Mit der zunehmenden Unübersichtlichkeit des Netzes wurden Suchmaschinen wichtig, weshalb Google mit seiner "tollen Technologie" (Beckedahl) in eine vielfach empfundene Lücke stieß. Das Platzen der ersten Internet-Blase um die Jahrtausendwende ließ den Idealismus aber bereits schwinden. Weil Google als Suchmaschine früh wusste, was Menschen zu kaufen beabsichtigten, gelang es der Firma bereits 2001, durch Werbeeinnahmen schwarze Zahlen zu schreiben, erläutert Datenexpertin Cathy O'Neil. Als Google dann mit "Gmail" auch E-Mail-Accounts anbot, hätten sich viel mehr Nutzer über ein Gigabyte kostenlosen Speicherplatz gefreut, anstatt sich um eine durch das Mitlesen der Mails drohende "Totalüberwachung" zu sorgen, sagt Beckedahl. Mit deutlich längeren Verluste-Durststrecken eroberten das 1994 als Buchversand gegründete Amazon und das 2004 an der Universität Harvard entstandene Facebook ihre Märkte, die sie heute höchst profitabel dominieren. Apple konnte das Manko, noch kaum eine Plattform aufgebaut zu haben, mit der Präsentation des ersten Smartphones 2007 ausgleichen. Als besonderer Clou habe sich Google Maps erwiesen. Denn präzise Standortdaten sind nicht nur, aber auch fürs Werbegeschäft "unglaublich aufschlussreich", sagt in der Doku die Datenrechte-Spezialistin Anouk Ruhaak. Um an noch mehr Nutzerdaten zu gelangen, wurden am "Persuasive Lab" der nahe des Silicon Valley gelegenen Universität Stanford manipulative Apps entwickelt, zur Suche nach "Sexy friends" oder als Persönlichkeitsquiz. So kam es zum Skandal um die britische Firma Cambridge Analytica, die 2016 womöglich zu Donald Trumps erstem Wahlsieg beitrug und den digitalen Wahlkampf auf andere Weise fortsetzte als ein junger demokratischer Kandidat namens Barack Obama, der damit im Jahrzehnt zuvor begonnen hatte. So rekonstruiert die Doku ein Bild der rasanten Entwicklung vom frühen Idealismus zu den heute unkontrollierbar scheinenden, in ihren Ausmaßen kaum einschätzbaren Monopolstellungen. Dabei reißt sie eine Menge brisanter Themen an - wie die, dass auch journalistische Angebote, die stets viel Geld in Suchmaschinenoptimierung steckten, dumm dastehen, seitdem durch Googles KI-Angebot selbst bestplatzierte Suchergebnisse kaum mehr Klicks abkriegen. Die vielleicht erschreckendste Sequenz zeigt den hier nur Englisch sprechenden Deutschen Sebastian Thrun, der für Google autonom fahrende Autos entwickelte und sich für die Doku in solch einen Waymo setzt. Beim Chauffiert-Werden beobachtet er gespannt, wie das Fahrzeug auf "die traurige Seite von San Francisco", auf Obdachlose am Straßenrand, reagiert. Auch wenn in den letzten Minuten zumindest Cathy O'Neil Hoffnungen in die Digitalgesetze der EU setzt, fehlt die in vielen Fernsehformaten übliche Beruhigung durch Absichtserklärungen zuständiger Politiker. So gibt "Die gefährlichsten Firmen der Welt" kompakt Überblick, wie sich in wenigen Jahrzehnten und in noch lange nicht abgeschlossenen Entwicklungsbögen die Mediennutzung, die öffentlichen Infrastrukturen und damit viele weitere Facetten des Lebens dramatisch verändert haben. Bleibt bloß ein Manko: der Sendeplatz. Im "Info"-Beiboot-Programm des ZDF wird die Doku nicht sehr viel lineares Publikum erreichen. Und dass sie auf Googles Youtube oder anderen Plattformen viral geht, erscheint trotz des spektakulären Titels unwahrscheinlich.