Ermittlungen in bedrohlicher Atmosphäre - ZDF-Krimi um einen toten Umweltlandesrat ist präzise inszeniert

Von Marius Nobach

KRIMI - In einem See wird ein Toter entdeckt, der sich als der Umweltdezernent des Bundeslandes herausstellt. Zunächst ist unklar, ob der Mann einem Gewaltverbrechen zum Opfer fiel oder es sich um einen Unfall durch Trunkenheit handelt.

| KNA Mediendienst

alt

"Schnee von Gestern - Landkrimi"

Foto: Stefanie Leo/ZDF/KNA

Mainz (KNA) Zwei Seen stecken das Ermittlungsgebiet ab. Einer liegt beschaulich in einem Tal von Osttirol und lädt auch im November noch zum Verweilen ein; eine Idylle, die in einem ordentlichen Krimi natürlich sofort gebrochen wird. Ein toter Mann wird aus dem See gefischt, offensichtlich alkoholisiert, was einen Unfall möglich erscheinen lässt. Allerdings ergibt die Untersuchung der Gerichtsmedizin, dass der Tote zwar ertrunken ist, aber nicht im Wasser des Talsees. So kommt der zweite See ins Spiel, ein Speichersee, der oben in den Bergen liegt, so hoch, dass drumherum tatsächlich noch Schnee zu finden ist. Ganz im Gegensatz zu dem kleinen Ort, der bei den Ermittlungen des österreichischen Landkrimis "Schnee von gestern" zum Hauptschauplatz wird. In dem sehr passend Inner Ainöd benannten Städtchen bleiben die schneereichen Winter als Folge des Klimawandels mittlerweile aus; die Einwohnerzahl droht immer stärker zu sinken. Trotzdem setzt man in Inner Ainöd auf Wintertourismus. Die Schneekanonen sind schon aufgestellt; nur das Einverständnis der Behörden für ihre Inbetriebnahme fehlt noch. Genau hier wäre der tote Konrad Kofler gefragt gewesen, der als Umweltlandesrat nach fünf vergeblichen Anträgen einmal mehr auf dem Weg in den Ort war. Dort sei er nie angekommen, beteuert der Bürgermeister. Der ermittelnde Chefinspektor Martin Steiner (Simon Morzé) weiß es jedoch besser: Videos einer Überwachungskamera belegen, dass Koflers Auto noch nach seinem Tod bewegt wurde, und das Wasser in den Lungen des Toten stammt eindeutig aus dem Speichersee. Eine Zeit lang flirtet der Krimi von Regisseur David Wagner und Drehbuchautor Ivo Schneider mit Anleihen bei der US-Kleinstadt-Serie "Twin Peaks". Auch bei "Schnee von Gestern" zieht sich eine surreale, bedrohliche Atmosphäre durch, insbesondere bei den Szenen in Inner Ainöd. Steiner erwartet bei seinem Eintreffen ein fast menschenleerer Ort; die wenigen Einwohner verhalten sich umso bedrohlicher. Ein rücksichtsloser Motorradfahrer macht die Ortsmitte unsicher, stumme Frauen geben dem Chefinspektor Zeichen, andere reden umso aufdringlicher auf ihn ein. Und der Besitzer des Gasthauses ist ausgerechnet ein Drogenhändler, der dem Polizisten eine Gefängnisstrafe verdankt. Der noch recht junge Steiner bleibt dennoch hartnäckig, obwohl die Gefahrenlage sich offensichtlich zuspitzt und er auf sich allein gestellt ist. Seine Kollegin Melanie Grandits (Marlene Hauser) ist zum Abbau von Überstunden abkommandiert und verbringt weite Teile des Films in einem Wellness-Hotel, wo sie allerdings nicht entspannt, sondern telefonisch am Fall dranzubleiben versucht. Bis die Bedrohung für Steiner schließlich so zunimmt, dass sich Grandits auf eigene Faust zu seiner Rettung aufmacht. Obwohl Simon Morzé und Marlene Hauser noch ein recht junges Ermittlerduo bilden, bürdet "Schnee von Gestern" den Figuren eine bemerkenswert große psychische Last auf. Zumindest deutet sich dies immer wieder an, im Falle des jungenhaft-munteren, aber auch etwas verschlossenen Steiner mit Anspielungen auf ein Aufwachsen bei Adoptiveltern und ein wenig ergiebiges Treffen mit seiner leiblichen Mutter; bei der schroff wirkenden Grandits in Form von diversen Problemen mit Vater, Exmann und aktuellem Freund. Ausgeführt werden diese Andeutungen nicht, ebenso wie manche Einfälle, die den "Landkrimi"-typischen skurrilen Humor befeuern. Fortsetzungen sind in der seit 2014 laufenden "Landkrimi"-Reihe bislang eher die Ausnahme geblieben, was das österreichische Format auszeichnet. Statt wie die "Tatort"-Krimis beständig neue Folgen zu produzieren, bei denen die Persönlichkeiten der Ermittler mehr schlecht als recht in die jeweiligen Fälle hineingeworfen werden, profitieren die bislang rund 40 "Landkrimis" von ihrer Individualität. Zudem sind sie von Beginn an ein dankbares Spielfeld für die besten österreichischen Darsteller, Autoren und Regisseure gewesen, worin "Schnee von Gestern" keine Ausnahme macht. In ihrem "Landkrimi" lassen Wagner und Schneider plötzlich Stimmungen kippen und das Selbstbewusstsein der Hauptfigur angesichts der augenscheinlichen Gefahr in Panik umschlagen. Die präzise Kameraarbeit von Anna Hawliczek zwischen Drohnenflügen über verödete Landschaften und isolierenden Nahaufnahmen unterstützt die Inszenierung dabei ebenso wie die verzerrten Töne im Score der Osttiroler Musikgruppe Franui. Inner Ainöd besitzt am Ende zwar nicht die Seltsamkeit von Twin Peaks, fügt sich aber solide in die Liste beunruhigender Filmortschaften ein. Dem Schnee bleibt darin eine schwarzhumorige Pointe vorbehalten: Wenn er schließlich doch in großen Flocken fällt, erscheint er wie ein Komplize, um die Außenwelt von dem verdächtigen Ort abzuschirmen und die Aufklärung der Gewalttat zu verhindern.

Lesen Sie weiter auf www.KNA-News.de