Berlin (KNA) Hanno Leichtmanns 50-minütiges Klangkunststück "Blue Yeti" ist nach einem beliebten USB-Mikrofon benannt. Das lagert auf einem Ständer, der die Gestalt eines Zweibeiners nachahmt. Das Stück wird als "Geräuschetüde" in der Tradition Pierre Schaeffers annonciert. Schaeffer erfand in den 1940er Jahren mit seiner bahnbrechenden "Étude de bruits" die "Musique concrète" - eine konkrete Musik, die im Gegensatz zur abstrakten (komponierten) Musik auf vorgefundenes Material zurückgreift und dieses manipuliert. Während Schaeffer für die erste Ausstrahlung seiner "Étude pour chemin de fer" im Jahr 1948 im französischen Rundfunk unter ande-rem Eisenbahngeräusche verwendete, sind es bei Hanno Leichtmann die Sounds aus den Sozialen Medien, die - oft sehr nah am Mikrofon - einen ASMR-Effekt erzielen sollen. "ASMR" steht für "Autonomous Sensory Meridian Response" (auf Deutsch: autonome sensorische Meridianreaktion) und bezeichnet das Kribbeln auf der Haut, das durch bestimmte Reize hervorgerufen wird. Der Schriftsteller Clemens Setz hat ASMR-Geräusche in der "Süddeutschen Zeitung" mal als einen "Cheatcode für die direkte, umweglose Aktivierung des Belohnungszentrums" bezeichnet, der zu einer sanften Euphorie führe und nach und nach in einen beruhigten, schläfrigen Zustand münde. Das war im Jahr 2015. Seitdem hat sich die ASMR-Szene vervielfältigt und diversifiziert. Die Bandbreite reicht vom Flüstern in ein Blue-Yeti-Mikrofon (oder das allgegenwärtige Pendant der Firma "Shure") bis zu blonden Models, die ihre Fingernägel über die Kühlergrills, Felgen und Lenkräder von Luxusautos gleiten lassen und dabei "Bentley" hauchen. Hanno Leichtmann spielt den Social-Media-Sounds ihre eigene Melodie vor. "This could be a weary dynamite show" ist Titel des ersten der knapp zwanzig Tracks und gibt dabei die Richtung vor: "Eine ermüdend bombastische Show" ist es, was einen erwartet. Und natürlich kommt auch das Auto vor. Allerdings nicht mit seinen designikonischen Elementen, sondern mit "spark plug" (Zündkerze), "oily rag" (Öllappen), "cigarette lighter" (Zigarettenanzünder), "fire wall" (Spritzwand) und schließlich einem "radio dial" (Radioknopf). Der "most viral sound" scheint aber aus einem ganz anderen Bereich zu kommen. Er klingt wie eine Sprühflasche, mit deren Hilfe man Pflanzen benetzt. Wie oft in der Klangkunst wird der Fokus vom Macher auf den Hörer verlagert - auf dessen Fähigkeit, Geräusche, Motive und Erzählstränge zu identifizieren. Im ASMR-Kontext kann er dann nicht zuletzt sich selbst als Empfänger akustischer Signale und seine eigenen Reaktionen darauf beobachten. Hanno Leichtmann und Audrey Chen, die die einzelnen Tracks auf Englisch flüsternd ankündigen, formulieren dazu ein sarkastisches Paradox: "This sound is more important than you are. This sound is more important than your entire life." (Dieser Klang ist wichtiger als du. Dieser Klang ist wichtiger als dein gesamtes Leben. Nachdem die weibliche Stimme angekündigt hat, die Hörerschaft in ein "ASMR-Koma" zu versetzen, weist der letzte Track auf das Ende der ozeanischen Übertragung hin und gibt für die Fangemeinde Mittelwellenfrequenzen zum Weiterhören an - einen Frequenzbereich, der in Deutschland nicht mehr bespielt wird. Als studierter Schlagzeuger, Klangkünstler und Kurator einschlägiger Festivals ergänzt Hanno Leichtmann die eher geräuschhaft-melodisch als rhythmisiert montierten Sounds aus dem Internet um eigene eingespielte Klänge von Klavier, Harmonium und Röhrenglocken. Schließlich war Leichtmann einst auch Mitglied der Band "Ich schwitze nie" um den Schauspieler Lars Rudolph. Das ergibt einen gewissen Flow, der durch den ironisch-sarkastischen Zugriff auf das Material konterkariert wird. Für den nächtlichen Klangkunsttermin im Südwestrundfunk ist damit so etwas wie ein subversives Einschlafhörspiel entstanden.