Arte-Doku über medizinisches Wissen im Dornröschenschlaf - Medikament aus dem Mittelalter?

Von Manfred Riepe (KNA)

DOKU - Eine Arte-Dokumentation zeigt, wie tausend Jahre alte arabische Schriften über Pharmazeutik neue Perspektiven für innovative Therapien der Zukunft eröffnen.

| KNA Mediendienst

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"Das vergessene Erbe der arabischen Heilkunst"

Foto: Tournez S'il Vous Plaît Prod./Arte F/KNA

Köln (KNA) So ganz vergessen ist die Heilkunst aus der islamischen Welt des Mittelalters nicht. In der Bestseller-Verfilmung "Der Medicus" von 2013 verkörperte der Oscarpreisträger Ben Kingsley den persischen Universalgelehrten Ibn Sina, auch bekannt als Avicenna, der schon im 11. Jahrhundert über ein erstaunliches medizinisches Wissen verfügte. Eine Arte-Dokumentation greift dieses Thema unter einem spannenden, völlig neuen Aspekt auf. Dabei rücken die französischen Dokumentarfilmer Mathieu Schwartz und Anaïs Van Ditzhuyzen, bekannt für ihre Arbeiten zu historischen und wissenschaftlichen Themen, eines der dringendsten Probleme der modernen Pharmazeutik in den Fokus. So werden immer neue tödliche Krankenhauskeime zusehends resistent gegen Antibiotika, die gar nicht schnell genug entwickelt werden können. Bei einer möglichen Lösung dieses Problems gingen Forscher am französischen "Centre national de recherche scientifique" (CNRS) neue Wege. Sie stellten sich die Frage, ob sie mithilfe des medizinischen Wissens aus dem arabisch-islamischen Mittelalter "neue Moleküle entdecken können, mit denen sich antibiotikaresistente Keime bekämpfen lassen". Um diesen komplexen Prozess transparent zu machen, verfolgt der Film zwei parallele Stränge. Zum einen schlägt die Dokumentation einen weiten Bogen von der Gegenwart zurück in jene Epoche zwischen dem 9. und 13. Jahrhundert, in dem Gelehrte wie Al-Kindi, Al-Razi und auch besagter Ibn Sina mit systematischen Beobachtungen, Experimenten und sorgfältigen Aufzeichnungen ein (aus der Antike überliefertes) Wissen ansammelten, das in mancher Hinsicht der modernen Pharmakologie den Weg bereitete. Im zweiten Strang begleitet die Kamera die Doktorandin Capucine Braillon vom Straßburger CNRS bei ihren Bemühungen, ein wirksames Mittel gegen schwere Hautinfektionen zu finden, "bei denen alle heutigen Antibiotika versagen". Dokumentierte Forschungen und Experimente mit Rezepturen gegen Hautinfektionen, die Ibn Sina vor über tausend Jahren niederschrieb, weisen der Forscherin den Weg. Recherchen führen die Biologin in Bibliotheken im marokkanischen Fès, in Kairo und in der Türkei. Mit der Hilfe eines Historikers, eines Spezialisten für arabische Geschichte des Mittelalters, sichtet sie Dokumente, in denen Rezepte gegen Hautinfektionen präzise beschrieben werden. Beim Aufspüren der Ingredienzien eines solchen Rezeptes - unter anderem geht es um ein heute kaum noch bekanntes Baumharz der Schwarzkiefer - ergeben sich jedoch ungeahnte Probleme. Falsche Übersetzungen und fehlerhafte Transkriptionen führen die junge Wissenschaftlerin in die Irre. Mit dieser Mischung zwischen philologischer Akribie, dem staubigen Geruch Jahrtausende alter Bibliotheken und geduldiger Detektivarbeit knüpft die Dokumentation atmosphärisch an Umberto Ecos Meisterwerk "Der Name der Rose" an. Aber: Hat das auf diese Weise neu entdeckte Medikament aus dem Mittelalter tatsächlich die erhoffte Wirkung? Laborversuche, in denen das synthetisierte Mittel getestet wird, erfüllen die junge Forscherin mit verhaltener Zuversicht. Warum also, so fragen die Autoren der Doku, ist dieses kostbare Wissen so sang- und klanglos im Orkus der Geschichte gelandet? Ein Wissen, das, wie der Film zeigt, in Zukunft möglicherweise viele Menschenleben retten kann? Schuld daran, so Schwartz und van Ditzhuyzen, seien der Siegeszug der industriellen Revolution ab dem 18. Jahrhundert sowie die Ausbreitung des Kapitalismus. Er machte Medikamente zu einer Ware, die billig produziert werden musste, um Profite zu ermöglichen. Tinkturen, die nach der alten Methode arabischer Gelehrter in aufwendiger Handarbeit hergestellt werden müssen, sind im Zuge der automatisierten Massenproduktion unrentabel geworden. Im Übrigen sei es die pure Arroganz der modernen westlichen Welt, die das feinsinnige Wissen der arabischen Kultur unterschätzte und zusehends ignorierte. Diese Erklärung ist nicht ganz falsch, aber unterkomplex. Der Film selbst ist ja ein Beleg dafür, dass kapitalistisch erwirtschafteter Mehrwert, der in die Forschung fließt, auch dazu dienen kann, das vergessene Erbe der arabischen Heilkunst überhaupt neu zu entdecken. Nicht gestellt wird zudem eine überaus relevante Frage: Warum wurden im Film porträtierte Gelehrte aus der Blütezeit der arabischen Wissenschaft nicht nur vom arroganten Westen marginalisiert, sondern bereits lange zuvor von der islamischen Gesellschaft selbst? Nicht erwähnt wird in diesem Zusammenhang, dass bereits im mittelalterlichen Islam ein Konflikt zwischen rationaler Vernunft und Theologie ausbrach, der auch dazu führte, dass die Werke des genialen Ibn Sina in der muslimischen Welt posthum als ketzerisch gebrandmarkt wurden. Diese Entwicklung begünstigte einen Rückschritt, der dazu führte, dass die Wissenschaft im Islam nach dem "goldenen Zeitalter" extrem marginalisiert wurde. Genau aus diesem Grund, so hebt der Film beiläufig hervor, sichtet heute die Doktorandin Capucine Braillon in arabischen Bibliotheken Manuskripte, die in der islamischen Welt selbst seit Jahrhunderten kaum noch auf Interesse stoßen. Und so gibt es in dieser sehenswerten, streckenweise überaus erhellenden Dokumentation auf der langen filmischen Reise von der Antike über arabische Bibliotheken des Mittelalters bis hinein in moderne Labors auch Defizite. Neben der Präzision, mit der naturwissenschaftlich-medizinische Zusammenhänge allgemeinverständlich aufgefächert werden, zeigt "Das vergessene Erbe der arabischen Heilkunst" Unschärfen in der historischen Einordnung der Betrachtungen. Sehenswert ist der sorgfältig inszenierte 90-Minüter, der das Wirken der arabischen Wissenschaftler dezent mit Cartoons illustriert, aber allemal.

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