Hamburg (KNA) Wer A wie Arthur Conan Doyle sagt, muss auch B wie Basil Rathbone sagen. Knapp ein Menschenleben bevor Benedict Cumberbatch den Rationalisten Sherlock Holmes 2010 ins Irrationale abdriften ließ, hat ihn sein englischer Landsmann jahrzehntelang stilistisch geprägt. Sachverstand und Selbstkontrolle, Morgenrock oder Inverness-Mantel, Deerstalker-Hut zur Bogenpfeife, oft gegen Mycroft, öfter gegen Moriarty und stets mit Dr. Watson zur Seite: Wann immer Sir Arthur Conan Doyles Privatdetektiv Leinwand oder Bildschirm betrat, ähnelte er Basil Rathbones schwarzweißem Prototyp aus immerhin 14 Filmen seit 1939. Und jetzt das! Ein präpotenter Parvenü, dessen Brillanz nicht auf den Olymp kriminalistischen Spürsinns führt, sondern zunächst mal ins Gefängnis. Genau dort landet "Young Sherlock" eingangs der gleichnamigen Amazon-Serie, weil er als Beklagter eines Bagatell-Deliktes lieber ständig den Richter verbessert als seine Manieren. Es ist die vielleicht impertinenteste Hauptfigureneinführung in ein Film- oder Fernsehformat, seit ihn der japanische Regisseur Hayayu Miyazaki 1984 als sprechenden Hund animierte. Aber er ist ja noch jung. Ganze 19 Jahre. Um Sherlock (Hero Fiennes Tiffin) zu disziplinieren, holt der selbstgerechte Staatsdiener Mycroft (Max Irons) seinen Bruder aus dem Kerker nach Oxford. Allerdings nicht zum Lernen, sondern zum Putzen. Während der Teenager also die alte Elite-Uni vom Staub befreit, begegnet ihm dort der gleichaltrige Student Moriarty (Dónal Finn). Doch bevor das ebenbürtige Genie zu Holmes' Nemesis wird, brüten sie gemeinsam über dem gleichen Fall: einer rätselhaften Verschwörung gegen vier Professoren, an der unter anderem Zone Tseng ("3 Body Problem") als chinesische Prinzessin Shou'an beteiligt ist. Etwas tiefer auf der Besetzungsliste tummelt sich dann noch mehr Personal, das einiges über das Mastermind hinter "Young Sherlock" sagt. Denn das ist kein Geringerer als Guy Ritchie. Wenn er ruft, folgen ihm aber nicht nur gut gebuchte Hauptrollenstars wie Colin Firth, Natascha MacElhone oder Joseph Fiennes in kleinere Nebenrollen. Wie in seiner durchgedrehten Streamingserie "The Gentleman" trägt auch hier die Ästhetik unübersehbar seine Handschrift. Und wie in seiner funkensprühenden Kinoreihe mit Robert Downey Jr. als Sherlock Holmes vor rund 16 Jahren, schert sich Guy Ritchie nur am Rande um historische, literarische, politische oder handlungslogische Korrektheiten. Zumal sein Prequel wie so viele der (laut Guinness-Buch) 217 Adaptionen der Sherlock-Holmes-Saga nicht mehr auf Sir Arthur Conan Doyles vier Romanen und 56 Kurzgeschichten beruht. Hier bildet nun Andrew Lanes frei interpretierte Frühgeschichte "Young Sherlock Holmes" die Grundlage. Und Ritchies Neigung zum popkulturellen Budenzauber emanzipiert sie noch ein Stück weiter vom Original. Die Prime-Serie strotzt nur so vor Martial-Arts-Einlagen und Mystery-Eskapaden. Während der Ermittlungen zoomt sich das ungleiche Duo gern virtuell in die Alibis Verdächtiger. Und obendrein verpasst Hauptautor Matthew Parkhill der Titelfigur ein Kindheitstrauma, das mit Klein-Sherlocks psychotischer Mutter zu tun hat. Dass sie ihm in der Nervenheilanstalt "Halt dich von Ärger fern" mit auf den Weg gibt, hat mit den Ursprungstexten nur noch lose zu tun. Dennoch würde der Satz auch zur zweiten Neuverfilmung dieser aufblühenden Frühjahrstage passen. In der Magenta-Serie "Sherlock & Daughter" nämlich gewinnt der passionierte Single zwar eine Tochter, droht aber, seinen Partner und Freund Dr. Watson zu verlieren. Wenige Wochen also, nachdem die 218. Folgeverarbeitung des 139 Jahre alten Debütromans angelaufen ist, bleibt seine Anziehungskraft ungebrochen. Die ARD zum Beispiel hat unlängst Nr. 220 namens "The Death of Sherlock Holmes" angekündigt, wobei sich deren Fertigstellung wiederum mit dem dritten Teil von Millie Bobby Browns Detektiv-Schwester "Enola Holmes" überkreuzen könnte. Falls ihr nicht die zweite Fortsetzung von Robert Downey Jrs "Sherlock Holmes" zuvorkommt, über die schon länger spekuliert wird. Dabei war Sherlock von der Zeichentrickmaus über einen Cyborg bis zum Zombiejäger schon alles Mögliche. Zwischen Ausbildung und Bahre des berühmtesten aller Privatdetektive finden Film und Fernsehen selbst im KI-Zeitalter aber immer noch neue Facetten. Das ist schon erstaunlich für die Erzählung aus dem Pferdezeitalter, der Basil Rathbone einst sein eindrücklichstes Gesicht, vor allem aber Outfit verliehen hat. Ein blitzgescheiter Dandy, dessen Deduktionsvermögen der überforderten Polizei auf die Sprünge half und so die Tradition privater Detektive von Miss Marple bis Josef Matula begründete. Durchaus obrigkeitskritisch zwar, aber ohne die Staatsgewaltverachtung eines "Young Sherlock" - den sie immerhin alle paar Minuten in irgendwelche Bredouillen inklusive angedeuteter Lovestory bringt. Auch das ein frischer Aspekt am staubigen Stoff. Der offenbar auf ewig jung bleiben darf.