Wie die gleiche Droge unterschiedliches Elend schafft - Gelungen-nüchterne Reportage über zwei suchtkranke Frauen

Von Christian Bartels (KNA)

DOKU - Die Reportage "Weg vom Crack" aus der ARD-Mediathek folgt zwei ziemlich unterschiedlichen Frauen durch die Düsseldorfer Drogenszene.

| KNA Mediendienst

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"Weg vom Crack! Frauen in der Drogenszene"

Foto: Alexandra Bidian/WDR/KNA

Berlin (KNA) Bei der Droge namens Crack handelt es sich um aufgekochtes Kokain, das geraucht wird und schnell abhängig macht. Die halbstündige Y-Kollektiv-Reportage "Weg vom Crack!" folgt zwei Frauen in dieser Drogenszene rund um den Düsseldorfer Hauptbahnhof. Wer abhängig ist, benötige mindestens 200, 300 Euro pro Tag, sagt die 20-jährige Jamina, die nicht mehr abhängig ist und täglich zu einer Arztpraxis fährt, wo sie ein Substitut erhält. Um an das Geld zu kommen, gebe es vier Wege, berichtet sie von ihren Erfahrungen: selber Dealen, Klauen, Betteln oder "Anschaffen". Männer würden drogenkonsumierende Frauen erkennen und kämen mit Fragen wie "Kann ich dich mit in den Busch nehmen?" auf sie zu, wofür sie dann auch bezahlten. Ihre überwundene Abhängigkeit sieht man ihr nicht an. Die abgeklärte Eloquenz, mit der sie den harten Alltag der Abhängigen schildert und sich nun freut, "clean" zu sein, mag zunächst erstaunen. Offenkundig hängt sie auch damit zusammen, dass sie in ihrem Tiktok-Kanal nahezu täglich neue Videos für inzwischen über 18.000 Follower postet und auch vom selben Thema berichtet. Ganz anders zeigt sich die zweite Protagonistin, der die Reportage folgt. Sie nennt sich Shirley und ist sichtlich gezeichnet vom Drogenkonsum, mit dem sie als Zwölfjährige nach dem Tod der Mutter begonnen habe. Sie verkauft, um an Geld zu kommen, Straßenzeitungen. Die Drogen, die sie nimmt, derzeit "Crack und Gras", seien für sie ein Ritual, "wie du morgens dein Brötchen und Kaffee hast", erzählt sie Reporterin Alexandra Bidian. Als Obdachlose übernachte sie oft im Hauptbahnhof, auch wenn Frauen dort "angespuckt, angepisst oder angepackt" werden. Anders als die sich selbst filmende Tiktokerin Jamina, die bei ihrer Großmutter wohnt, besitzt Shirley überhaupt kein Handy. Als sie zu einem verabredeten Termin nicht auftaucht, sorgt sich die Reporterin, kann sie aber nicht erreichen. Schon das macht so beiläufig wie eindrucksvoll deutlich, dass die gleichen Drogenkrankheiten ganz unterschiedliche Gesellschaftsschichten treffen und - trotz vergleichbarer Wirkung - unterschiedliches Elend auslösen. Dass die Milieus sich dabei an denselben Orten treffen, um ihren Stoff zu kaufen (und zu verkaufen), zeigt die Reportage ebenfalls. Sie ist fast immer in Bewegung, folgt ihren Protagonistinnen auf ihren Wegen durchs Düsseldorfer Bahnhofsviertel und beschönigt nichts - bauscht aber auch nichts auf. Im benachbarten Neuss gibt es natürlich auch eine Drogenszene. Jamina zeigt den Spritzenautomat und Reste von verbrauchtem Heroin auf einem Parkhausdeck. Um die Dealer macht sie einen Bogen, und die Kamera, die versprochen hat, nichts zu zeigen, was die Protagonistinnen nicht gezeigt haben wollen, ebenfalls. Und weil Reporterin Bidian - anders als in manchen jugendlichen Presenter-Formaten üblich - weder sich selbst in den Vordergrund stellt, noch viele gesellschaftliche Erklärungsmodelle bemüht, entfaltet der kurze Film Wirkung und regt zum Weiterdenken an. Bidian hält sich wohltuend-nüchtern zurück, stellt höchstens mal einer Ärztin, die Jamina aufsucht, eine Frage. Dass bei den Dreharbeiten überall Schnee lag, oder eher Schneematsch, sorgt nicht nur für eine Art fast filmkünstlerischer Verfremdung der im Normalfall hässlicheren Schauplätze, sondern zeigt auch, dass die Dreharbeiten noch nicht lange zurückliegen. Und betont auch dadurch, welchen Problemen sich Obdachlose wie Shirley ohnehin gegenübersehen - zumal und gerade im Winter. Dass sich schließlich, vielleicht durchs Reporterinnen-Interesse inspiriert, nicht nur die taffe Jamina fürs Fachabitur anmelden will, sondern auch Shirley einen Passfoto-Gutschein einlöst, um wieder einen Ausweis beantragen zu können, wirkt so auch nicht aufgesetzt. Sondern setzt zwei kleine Hoffnungsschimmer, die das Ansehen der so harten wie sehenswerten Reportage erleichtern.

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