Mainz (KNA) Als im Sommer 2025 eine neue Dokumentation über Frieda Kahlo im Fernsehen lief, zeigte das ZDF eine Fassung mit KI-Sequenzen, die die mexikanische Künstlerin beeindruckend realistisch zum Leben erweckten. Für die Arte-Ausstrahlung mussten dann genau diese Szenen durch Graphic Novel-Elemente ersetzt werden. Den Arte-Verantwortlichen waren die KI-generierten Szenen wohl zu realistisch, vermutet der verantwortliche Produzent Marcus Uhl von der Produktionsfirma Bilderfest: "Wir waren uns ja alle im Vorfeld einig, dass wir ohnehin bei diesen Spielszenen Hinweise einblenden würden. Ich glaube, man war erschrocken, dass Frieda Kahlo tatsächlich so aussieht wie Frieda Kahlo." Ob Kampfgetümmel, Dinosaurierwelten oder längst untergegangene Metropolen, die Nutzung von KI wird in Dokumentationen und Doku-Dramen immer mehr zum Standard. Dennoch debattieren die Akteure zurzeit wieder, ob und wie KI hier am besten zum Einsatz kommen sollte - oder vielleicht besser doch gar nicht? Uhl erinnert die Diskussion an die Debatten, die in den 1990er Jahren zum Thema Reenactment heftig geführt wurde. Vorreiter bei der Einbindung von mit Schauspielern nachgestellten Szenen in geschichtlichen Dokumentationen war der damalige ZDF-Chefhistoriker Guido Knopp. "Teilweise kam dabei zurecht der Vorwurf auf, dass diese Dokudramen wie Bauerntheater anmuteten", erinnert sich Uhl heute. Denn aufgrund begrenzter Budgets können in Dokus die Sets, Darsteller oder Kostüme eben kein "Hollywood"-Niveau bieten. Während es anfangs umstritten war, bei einem Informationsgenre auch Unterhaltungselemente miteinzubinden, ist dieses Stilmittel inzwischen allgemein akzeptiert. Denn grundsätzlich gilt: Wissensvermittlung ohne eine gewisse Emotionalisierung erreicht das Publikum nicht. Dass diese Diskussion jetzt neu entflammt ist, hat wohl auch mit dem allgemeinen Unbehagen beim Thema Künstliche Intelligenz (KI) zu tun. KI-Fake-Videos zu historischen wie aktuellen Ereignissen und Personen fluten das Netz. Zudem stammen alle gängigen KI-Systeme aus den USA oder China - samt entsprechender "moralischer" Programmierung. Der Dokumentarfilmer Gunnar Dedio von Looksfilm jedenfalls bleibt zurückhaltend, wenn es um den Einsatz von KI in seinen Filmen geht. Für ihn ist es eine Art Gütesiegel, dass sich seine Produktionen hauptsächlich aus originalem, teilweise noch nie gezeigtem Archivmaterial speisen: "An den Reaktionen der Zuschauer bemerken wir, wie wichtig es ihnen ist, echte Bilder zu sehen, und dafür stehen wir: Das Publikum kann sich bei uns darauf verlassen, dass wir keine künstlich generierten Inhalte zeigen, wie sie sich im Internet immer mehr verbreiten." Dennoch kommt bei Looksfilm KI zum Einsatz, wenn es etwa um die Restauration von Archivmaterial geht. Oder bei der Kolorierung von Schwarzweiß-Aufnahmen, zum Beispiel für die Reihe "Die Spaltung der Welt". Hier arbeite teilweise eine Mannschaft von 50 Leuten daran, so Dedio weiter: "Dabei geht es weniger um den technischen Aufwand, sondern mehr um die historische Recherche, etwa die Kontrolle darüber, dass die Farbgestaltung originalgetreu ist." Auch innerhalb der Sender selbst wird über den richtigen Umgang mit KI diskutiert. Bei der ZDF Reihe Terra X, die auch für "Giganten der Kunst - Frida Kahlo" verantwortlich zeichnet, wird bereits seit über einem Jahr mit KI-generierten Elementen gearbeitet, wie Redaktionsleiterin Friederike Haedecke bestätigt. "Wir haben uns im Vorfeld viele Gedanken drüber gemacht", sagt sie. "Was dürfen wir und wo laufen wir Gefahr, uns zu sehr auf die Technologie zu verlassen? Und wo brauchen wir auch Klarheit gegenüber dem Zuschauer, wie Bilder zustande gekommen sind?" Letztlich sei der Schritt von computeranimierten Grafiken, die schon seit langem für die Bildergenerierung in Dokus verwendet würden, hin zur KI nicht so groß, sagt Haedecke: "Wir haben auch in früheren Zeiten schon Bilder ergänzt. Architektur beispielsweise, die es heute nicht mehr gibt." Dabei stehen vor allem wirtschaftliche Überlegungen im Vordergrund, denn Reenactment sei wahnsinnig teuer, etwa wenn es um die Darstellung von Schlachten oder Königen in ihren Palästen geht. Die Nachkorrektur künstlich erzeugter Bilder, etwa wenn ein Kostüm nicht richtig ausgewählt wurde, sei ebenfalls einfacher und kostengünstiger, sagt Headecke. Dass solche mit KI geschaffenen Szenen gekennzeichnet werden müssen, darüber sind sich die Verantwortlichen beim ZDF einig. Genauso wie darüber, dass historisches Quellenmaterial, zum Beispiel Fotografien, nicht künstlich verändert werden darf. "Alle sind im Moment auf der Suche nach der richtigen Darstellungsform, und ich glaube, der Schritt, den wir jetzt machen, ist tatsächlich noch größer als der Schritt seinerzeit zum Reenactment", beschreibt die Terra X-Chefin die aktuelle Situation. Nicht nur in ihrer Sicht schreitet die Entwicklung rasend schnell voran: "Vor zwei Jahren hätten wir dieses Gespräch nie geführt, weil die Technologie noch nicht existiert hat", sagt Headecke - und schiebt noch nach: "Worüber wir in einem halben Jahr sprechen werden, das ist nicht absehbar."