Ungelenk, seltsam, peinlich und sehr, sehr warmherzig - "Rooster" ist eine ungewöhnliche Comedy über einen alternden Hahn

Von Jan Freitag (KNA)

SERIE - Oberflächlich porträtiert "Rooster" einen Akademiker um die 60 mit Profilneurose. Der Komiker Steve Carell macht daraus jedoch eine feinhumorige Ode ans würdevolle Altern aller Generationen.

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"Rooster"

Foto: HBO/KNA

Hamburg (KNA) Das sehr amerikanische Wort "awkward" ist schwer zu übersetzen - packt es doch locker zwei Dutzend deutscher Begriffe in einen. Darunter ungelenk, hölzern, linkisch, verlegen, achtlos, unsicher, tollpatschig, seltsam, peinlich, also praktisch alles, was Greg Russo zu sein scheint. Russo stammt aus Massachusetts, ist Autor, seit fünf Jahren unfreiwilliger Single und verarbeitet seine Minderwertigkeitskomplexe mit einer Romanfigur namens "Rooster". Das ist Englisch für Hahn. In Büchern mit Titeln wie "Mai Tai Murders" hat dieser egomane Gockel nicht nur dicke Muskeln, coole Sprüche, schnelle Autos, sondern ständig Sex. "Sechzehnmal", zählt eine Studentin dem Autor bei dessen Lesung am fiktiven Ostküsten-College Ludlow vor und fragt Russo unverblümt: "Warum hassen Sie Frauen?" Greg Russo, das suggeriert die HBO-Serie "Rooster" somit frühzeitig, ist ein archetypischer Mann um die 60, der den sozialen Bedeutungsverlust mit fiktiver Selbstüberhöhung kompensiert und dabei - da haben wir's - "awkward" agiert. Das macht die sechsteilige Sitcom zur nächsten Alterungsstudie im universitären Umfeld, wie sie zuletzt Bob Odenkirk ("Better Call Saul") 2023 als "Lucky Hank" vornahm. Und Russo a.k.a Rooster lässt keineswegs auf weniger Unbehagen mit der eigenen Vergänglichkeit schließen. Schließlich wird er von Steve Carell gespielt, dessen Stromberg-Vorbild Scott die Fremdscham in der US-Version von "The Office" auf ein Niveau knapp oberhalb des Erträglichen gesenkt hatte. Wenn Carell seine Titelfigur 21 Jahre und drei Dutzend Komödien später nun von Beginn an unangenehm-auffällig spielt, könnte es also schwer verdaulich werden. Zu ungelenk, verlegen und peinlich jedenfalls für drei Stunden entspannte Unterhaltung. Doch zum Glück kommt dann nicht alles, aber vieles anders. Mit "Rooster" docken die Showrunner Bill Lawrence und Bill Tarses nämlich an ihre - für Fans und Kritiker liebenswerteste - Serie seit den "Waltons" an: "Ted Lasso". So "awkward" Carells Russo daher auch ist, er hat auch weniger kuriose Seiten. Und die arbeiten Autorinnen wie Annie Mebane für Regisseure wie Jonathan Krisel mit großer Empathie für alle Beteiligten heraus. Was gar nicht so einfach ist, schließlich hat die Titelfigur noch nicht mal das größte Fremdscham-Potenzial. In den Schatten gestellt wird Russo zum Beispiel von Tochter Katie, deren Darstellerin Charly Clive bereits reichlich Peinlichkeitserfahrung als dauererregte Marnie in der britischen Dramedy-Serie "Pure" sammeln konnte. Jetzt spielt sie eine Kunstgeschichtsdozentin, die der Literatur-Professor Archie (Phil Dunster) für eine Doktorandin (Lauren Tsai) sitzengelassen hat. Weil sich Katie fortan dauernd in Teufels Küche stalkt, heuert ihr fürsorglicher Dad als Gast-Lektor am College in Ludlow an und schlittert von einer Katastrophe zur nächsten. Auf die Frage, wer sich hier besonders zum Affen macht - Katie, die beim Versuch, Archie zurückzukriegen, kein Fettnäpfchen auslässt, oder Greg, der sich beim Versuch, cool zu sein, ständig um Kopf und Kragen redet - gibt es allerdings noch eine Antwort: Es ist Walt, als College-Direktor der Vorgesetzte von Vater und Tochter Russo. Die nonchalante Beiläufigkeit, mit der John McGinley ("Scrubs") seinen College-Direktor ständig halbnackt über den Campus laufen und auch sonst sehr unvorteilhaft aussehen lässt, ist ein komödiantisches Highlight der Serie. Das allerdings nie die Deutungshoheit gewinnt. Denn im Grunde geht es Lawrence und Tarses nur an der Oberfläche um heitere Fremdscham. Darunter regiert das verbissene Bemühen aller Generationen inklusive des linkischen Literatur-Studenten Tommy (Maximo Sallas), in unserer Selbstoptimierungsgesellschaft Würde zu bewahren. Auch wenn es genau die dann am Ende kostet. Wie bei "Ted Lasso" wird also niemand bloßgestellt, was angesichts der Katastrophen, in die sich alle unablässig manövrieren, ein echtes Kunststück ist. Wenn Greg am Abend seiner Ankunft in Ludlow zum Beispiel nach ein paar Drinks mit der halb so alten, doppelt so lässigen Dekanin Dylan (Danielle Deadwyler) vor deren Haustür landet, scheint das Ende vorgezeichnet. Erwartbares Fremdscham-Level: 8 von 10 Punkten. Was beide daraus machen, ist jedoch ein Date-Crash der unerwarteten Art. Und spätestens, wenn Greg tags darauf im Büro beiläufig Zadie Smiths antikolonialistischen Bestseller "White Teeth" liest, zeigt der verdaddelte One-Night-Stand, dass es Warner Bros. im HBO-Auftrag um etwas sehr Eigensinniges geht: Wohl und Wehe, Haben und Sein, aber auch Risiken und Nebenwirkungen persönlicher Distanzlosigkeit in Zeiten digitaler Selbstentblößung. Wie hier alle mit allen allerorten sofort Tacheles reden und dem Fakultätschef wie der Café-Bedienung bereitwillig Herz und Verstand öffnen, ist mindestens ein unterschwelliger Kommentar auf die Scheintransparenz sozialer Medien. Falls das zu viel Intellekt in dieses schadhafte Serienjuwel schleift - egal. Selbst ohne diese Bedeutungsebene bliebe "Rooster" ein Format, das der überstrapazierten Fremdscham zahlloser Komödien neue Facetten abringt und dabei sehr lustig ist, aber auch angenehm nachdenklich stimmt. Greg Russo, genannt "Rooster", mag nämlich ungelenk, hölzern, linkisch, verlegen, achtlos, unsicher, tollpatschig, seltsam und peinlich sein. Vor allem aber ist er ein warmherziger Mensch, dem wir beim Bestiegen des vielleicht höchsten Bergs im Gebirge des Lebens zusehen - dem Versuch, das Altern zu bewältigen.

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