Bonn (KNA) Wer sich online zu Wort meldet, bekommt die Folgen in Form von Hass und Gewalt schnell zu spüren - oft auch in der analogen Welt. Für den Film "Eine bessere Welt" hat das ZDF sich der digitalen Gewalt unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit angenommen und einen Spielfilm daraus gemacht. Die Berliner Schauspielerin Peri Baumeister spielt darin die Wissenschaftlerin Elena, die zum Ziel eines Shitstorms wird. Eine passende Rolle, hat doch auch Baumeister selbst schon unfreiwilligen Kontakt mit dem Online-Mob gehabt. Im Interview berichtet sie von ihren selbst auferlegten Social-Media-Regeln, den Gedankenkarussellen im Auge des Shitstorms und verrät, welche realen Vorbilder sie sich für ihre Filmfigur gesucht hat. KNA-Mediendienst: Peri Baumeister, wo liegt Ihr Handy abends vorm Einschlafen - auf dem Nachttisch oder möglichst weit weg? Peri Baumeister: Ich versuche, mein Handy in der Küche schlafen zu lassen. Allerdings bin ich nicht dogmatisch und es gibt auch Abende, an denen es auf dem Nachttisch liegt. MD: Wann zum Beispiel? Baumeister: Immer dann, wenn ich mit meiner Regen-App einschlafen möchte, die ich momentan nur auf meinem Handy habe. Ansonsten habe ich mir angewöhnt, mir die letzten Stunden des Abends und, noch wichtiger, die erste noch stille Zeit am Morgen freizuhalten. Ich stehe jeden Tag um halb sechs auf, zünde eine Kerze an, trinke meinen Kaffee, schreibe ein bisschen, checke einfach nur bei mir selbst ein. Diese Zeit gehört mir, solange bleibt das Handy aus. MD: Ihrer Filmfigur Elena ergeht es völlig anders. Obwohl sie weiß, dass es nicht gut endet, kann sie die Finger nicht vom Smartphone lassen. Ist das angesichts des Shitstorms, in den sie geraten ist, nachvollziehbar und warum? Baumeister: Ich finde es gut nachvollziehbar, sich mit dem, was andere über einen denken oder schreiben, auseinandersetzen zu wollen. Das ist menschlich. Natürlich wäre es besser, eine gesunde psychische Hygiene zu betreiben und sich hässliche Äußerungen nicht immer wieder zu Gemüte zu führen. Aber ich denke, sobald man selbst betroffen und vielleicht auch verletzt ist, fällt es schwer, ein Gedankenkarussell aus Angst und Zweifel zu verlassen. Gedanken können schnell zu Handlungen führen. Wie eben auch der Griff zum Handy. MD: Waren Sie selbst schon im Gedankenkarussell einer Hetzkampagne gegen Ihre Person? Baumeister: Ja, und kann nur sagen, dass es mir in Teilen ähnlich ging wie Elena. Es ist ein paar Jahre her und mich traf damals nicht die geballte Ladung, da ich nur bedingt Zugriff auf Soziale Medien hatte. Dennoch konnte ich mein Handy nicht zur Seite legen und musste immer wieder lesen, was dort über mich stand. Damals kannte ich HateAid noch nicht. MD: Eine Hilfsorganisation für Opfer von Online-Hass. Baumeister: Sie gibt Tipps, wie man sich präventiv, aber auch im Notfall verhalten sollte. Auch für diesen Film haben wir eng mit ihr zusammengearbeitet. Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut, aber sie als Deckmantel zu benutzen, um Menschen persönlich zu beleidigen oder mundtot zu machen, ist falsch und kann strafrechtlich verfolgt werden. Und mit der App MeldeHelden kann man niedrigschwellig Hass im Netz melden. MD: Wovon Frauen weit mehr betroffen sind als Männer. Baumeister: Leider ist es so, dass es gerade bei Frauen Hass und Hetze meist sexualisiert ist. Dabei haben wir alle das Recht auf einen gewaltfreien Raum und Umgang, egal welches Geschlecht wir haben, woher wir kommen, was wir sagen, wie wir aussehen oder uns kleiden. Ich empfehle da erstmal Ruhe bewahren, nicht alleine sein. Solidarität hilft! MD: Und das Gegenteil von dem, was Elena tut, nämlich alles zu lesen, was über sie geschrieben wird. Sind Sie auch gelegentlich dieser Doomscrolling-Typ? Baumeister: Dafür liebe ich das analoge Leben zu sehr und habe daher einen gesunden Umgang mit Social Media gefunden. Ich kann mich mittlerweile also gut abgrenzen, stelle mir das für die jüngere Generation allerdings schwer vor. Deshalb sollte es eine Art digitale Ethik als Unterrichtsfach geben, um Kinder und Jugendliche aufs Internet vorzubereiten. Und natürlich auch die Eltern. Vielleicht schafft der Film dafür ja ein bisschen Aufmerksamkeit. MD: Dafür dreht sich die Eskalationsspirale womöglich etwas schnell. Es dauert gefühlt zwei Tage, bis Elena nicht nur digital, sondern physisch angegriffen wird. Ist das realistisch? Baumeister: Wir haben ja keine Dokumentation gedreht, sondern einen Spielfilm. Deshalb sehe ich darin keine Übertreibung, sondern eine Warnung und die Hoffnung, den Zuschauer darauf sensibilisieren zu können, dass digitale Gewalt in analoge Gewalt umschlagen kann. Die Zeitspanne ist zweitrangig und sicherlich sehr individuell. MD: Dabei fragt man sich öfter, ob der Film von Verfolgung oder Verfolgungswahn erzählt. Baumeister: Eher von Verfolgung. Aber es gibt Momente, in denen sich Elena - und damit auch das Publikum - fragt: Ist das hier real oder bildet sie sich das nur ein? Diese Zweifel sind eine der größten Gefahren für Betroffene. Besonders spannend fand ich dabei, dass die Psyche keinen Unterschied zwischen analoger und digitaler Gewalt macht. Gewalt ist Gewalt - das nehmen Betroffene so wahr und das ist wissenschaftlich belegt, aber noch nicht genug in der Gesellschaft angekommen und wird immer noch runtergespielt. MD: Hat der Film diesbezüglich eine Botschaft? Baumeister: Ja, sensibilisieren für das Thema digitale Gewalt. Der Film erzählt anhand einer Familie, wie schnell digitale Gewalt analog werden kann und was dieser Terror für eine ganze Familie bedeutet. MD: Was geht Ihnen als Schauspielerin diesbezüglich näher: fiktionaler Horror wie "Blood Red Sky" oder realistischer Horror wie "Eine bessere Welt"? Baumeister: Eindeutig die Realität. MD: Im Film spielt Dunja Hayali eine Nebenrolle als Talkshowhost. Hat sie Ihnen aus ihrer eigenen Erfahrung Tipps gegeben, wie man mit Hass und Hetze im Internet umgeht? Baumeister: Es war toll, Dunja Hayali persönlich kennenzulernen. Ich konnte von ihren Erfahrungsberichten einiges mitnehmen. Außerdem hatte ich ein langes Telefonat mit Katja Diehl, die als Aktivistin und Expertin selbst Betroffene ist und eine Inspirationsquelle meiner Filmfigur war. Ich bin bis heute beeindruckt, wie viel Geld sie aus der eigenen Tasche in ihre Sicherheit stecken muss, wie viel Kraft und Aufwand dahintersteckt, den eigenen Umgang mit digitaler Gewalt lebbar und damit fast zur Lebensaufgabe zu machen. Wie klar der eigene Auftrag, die eigene Haltung sein muss. MD: Eine Haltung mit Folgekosten. Nach der Talkshow kommt Hayali zu Elena und zollt ihr Respekt, weil es selten sei, dass sich Frauen überhaupt noch in die Öffentlichkeit trauen. Ist der Film ein Appell, sich dorthin zu trauen, oder eher dagegen? Baumeister: Das muss jede für sich entscheiden. Als Wissenschaftlerin, Frau und Mutter manövriert sie sich am Ende aber kraftvoll durch die Situation. Mir war wichtig, dass sie versucht, sich selbst zu helfen. Das Ziel der Täter ist es schließlich, ihr Gegenüber mürbe zu machen, mundtot, berufsunfähig. Natürlich wäre es da ein Weg, sich erstmal aus der digitalen Welt herauszuziehen, aber dann haben sie gewonnen. MD: Also Mund auf? Baumeister: Mund auf!