Unpersönlich und doch sehr berührend - Ungewöhnliche Dokumentation über den Zoo Zürich auf Arte

Von Cosima Lutz

DOKU - Dokumentarfilm über den Zoo Zürich als künstlichem Lebensraum und Naturbetrieb zwischen Ethik und Logistik. Menschen sind hier Arrangeure und Zuschauer zugleich - die Doku bewertet dies jedoch bewusst nicht.

| KNA Mediendienst

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"Der unsichtbare Zoo"

Foto: Romuald Karmakar/Pantera Film/RBB/KNA

Straßburg (KNA) Was wäre ein Zoo ohne Tiere? Das einzig Richtige, würden radikale Tierschützer sagen. So, als gäbe es noch irgendwo "die freie Wildbahn", wo diese Geschöpfe hingehören und ungestört leben können. Dass fast jeder Flecken Erde vom Menschen bestimmt ist, zeigen indes Zahlen. Der Masse nach, schreibt der Paläontologe Thomas Halliday in seinem Buch "Urwelten", stellen Menschen heute 36 Prozent der Säugetiere dieses Planeten. Weitere 60 Prozent sind domestizierte Tiere wie Rinder, Schafe, Schweine, Hunde, Pferde. Nur vier Prozent der gesamten Säugetier-Masse sind Wildtiere - und ein winzig kleiner Teil davon lebt in Zoos. Haben diese Tiere also Pech? Oder Glück? Es dauert einige Minuten, bis in dem Dokumentarfilm "Der unsichtbare Zoo" von Romuald Karmakar - zu sehen am Montag, den 16. März, von 00.00 bis 03.00 Uhr auf Arte - überhaupt Tiere zu sehen sind. Zunächst ist da ein Regenwald: Rauschen, Regen, Farne, Palmen, Zwitschern. Das Bild steht lange still und sensibilisiert den Blick für kleinste Lichtveränderungen. Karmakar erklärt nichts. Er zeigt und lässt horchen. Die hallende Akustik verweist auf ein künstlich geschaffenes Biotop. Schnitt: Futterabteilung. Kaltes Licht, mechanische Betriebsamkeit. Körner fallen aus Rohren und Schütten in Behälter. Auf Obstkisten steht "Gorilla". Noch immer ist kein Tier zu sehen, nur Maschinen und Beschriftungen wie "Körnermischung" und "Elefanten-Würfel". Jemand fragt: "Waren das 3,5 Tonnen?" Mengen, Massen, Materialien. Schon immer ging der Filmemacher klar und furchtlos dorthin, wo es wehtut - ohne dabei Erwartungen an Emotionalität zu bedienen. "Der unsichtbare Zoo" vermisst so materiell-konkret wie abstrakt den Tierpark als Betrieb und Lebensraum - als eine Welt, in der der Mensch Arrangeur und Zuschauer zugleich ist; bemüht, möglichst nicht selbst Teil des Bildes zu sein, das er geschaffen hat und das er rezipiert. Man weiß ja - und täuscht sich zugleich gerne darüber hinweg -, dass der Mensch hier alles bestimmt: die Höhe der Bäume, die Grenzen der Bewegungsfreiheit, manchmal auch den Zeitpunkt des Todes. Über mehrere Jahre hat Karmakar den Zoo in Zürich mit der Kamera besucht. Diese Institution, die 1929 eröffnet wurde, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten vom Ausstellen möglichst vieler, möglichst exotischer Arten entfernt und darauf verlegt, ganze Ökosysteme zu zeigen - mit nur wenigen Arten, die möglichst artgerecht leben sollen. Damit die Tiere etwa auch mental fit bleiben, verstecken Mitarbeitende das Futter in den Gehegen. Dann zieht sich der Mensch zurück, Bär oder Löwe kommen angetrottet und sind gut beschäftigt, bevor sie sich auf den Rücken rollen und ein Nickerchen machen. Karmakar findet Bilder voller Widersprüche und unerwarteter Schönheit. Im Schnee kommt etwas Langhalsiges von links ins Bild und richtet große, bewegliche Ohren auf die Schneefahrzeuge, die am rechten Bildrand den Weg freiräumen. Anders als in den Zoosendungen des Fernsehens werden hier keine Absichten unterstellt. Fragen kann man sich beim Zuschauen stellen: Wundern sich die Gazellen? Fühlte sich der Zebrahengst einsam, als er so langwimprig in die Morgenluft schnupperte? Oder vermutet man das erst im Nachhinein, wenn man erfährt, dass er der Letzte seiner Herde ist? Kein Kommentar gibt letzte Gewissheit; Sachinformationen vermitteln allein die Besprechungsszenen der Teams. Einmal geht es um Salmonellen, die zum Problem würden, wenn Publikumskontakt bestünde; dem Tier selbst schaden sie nicht. Eine Behandlung birgt jedoch das Risiko einer Resistenz. Nähe und Abwehr sind genau abzuwägen. Und: Wie impft man einen Gecko? "Der unsichtbare Zoo" zeigt all das unparteiisch und meist in statischen Totalen, zwischen die Großaufnahmen von Tiergesichtern geschnitten sind. Ein schlachtender Mensch steht vor einem ausgenommenen Kadaver und fragt die junge Kollegin, ob sie dieses oder jenes Organ erkenne. Die antwortet ungerührt: Niere. Die Menschen können ihre Zuneigung zu den Tieren aber nicht verbergen, wenn sie bei der Teambesprechung die Liste über Geburten und "Abgänge" vortragen - oder wenn bei der Erwähnung eines bestimmten Jungtiers erwähnt wird, dass dieses besonders niedlich aussehe. Manches will nah ran, sehr nah: vom Schockmoment eines Amurtigers, der im Käfig brüllend mit seinen Pranken einen Ball umherschleudert, bis zum Tod eines Huftiers, das vor den Augen kleiner Kinder den Löwen zum Fraß vorgelegt wird. Dazu erklärt eine Infotafel den "Kreislauf des Lebens". Alles ist gleich wertvoll. Karmakar lässt alles "Persönliche" - der Menschen, aber auch der Tiere - hinter sich. Doch das berührt mehr als alles andere. Nach fast drei Stunden hat man sich eingeschwungen in die vielen ethischen Zwischenräume, die sich beim Thema Zoo auftun. Doch die Zweifel sind nicht unbedingt weniger geworden: ob sich Tiere ganztags betrachten lassen müssen oder ob sie vielleicht genervt sind, traurig, leidend, ausgeliefert. Dann stehen die Dromedare plötzlich noch sinnloser herum und machen die Affen ihre Showeinlagen noch vergeblicher als zuvor.

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