Straßburg (KNA) Im April 1945 waren sie die letzten, die in Berlin das Gebiet um die Reichskanzlei verteidigten. Die Rede ist von französischen Freiwilligen der SS-Division "Charlemagne", die sich nach dem fränkischen Kaiser Karl der Große benannten und ihren Eid auf Hitler geschworen haben. Eine Arte-Dokumentation zeigt, wie viele Franzosen mit den Nazis kollaborierten und dabei aus Überzeugung auch am Holocaust mitwirkten. Der Franzose Jean Bulot, bekannt für seine investigativen Arbeiten über historische und gesellschaftspolitische Themen, korrigiert die verklärenden Darstellungen überlebender Kollaborateure, die nach dem Zweiten Weltkrieg jegliche Beteiligung an der Judenverfolgung konsequent abstritten und meist straflos davonkamen. Basierend auf einer Fülle juristischer Dokumente - über deren Auffindung man gerne mehr gewusst hätte -, zeichnet der Zweiteiler ein anderes Bild. Nachdem deutsche Soldaten im Juni 1940 in Paris einmarschiert waren und Teile des Landes besetzt hatten, erklärte Jacques Doriot, damals Vorsitzender der mit den Nazis sympathisierenden französischen Volkspartei: Nicht Frankreich sei besiegt worden, "sondern Kapitalisten und Juden". Der Antisemitismus der braunen Besatzungsmacht, so zeichnet der Film nach, stieß in der Grande Nation auch auf offene Ohren. In seiner Dokumentation skizziert Bulot die Biografien zahlreicher Franzosen, die sich von der "NS-Mystik der Barbarei" angezogen fühlten. Dieser Virus durchzog alle Bevölkerungsschichten. Und so schlossen sich mehrere Tausend Freiwillige, darunter Akademiker, Arbeiter, Bauern - und sogar Geistliche - der Légion des volontaires français contre le bolchévisme (LVF) an. Filmdokumente zeigen, wie diese Legion im Frühjahr 1943 singend durch Versailles marschiert und dabei der "Illusion einer wiedererstarkenden französischen Armee" erliegt. Zusammengeschweißt wurden diese Männer vom Antisemitismus: "Es lebe Frankreich! Tod den Juden" ist auf originalen Tondokumenten zu hören. Auch auf der Tür eines Eisenbahnzugs, der die Freiwilligen an die Ostfront brachte, ist der Spruch "Mort aux juifs" zu lesen: "Tod den Juden". Auf ihrem "Kreuzzug gegen den Bolschewismus" wurden diese Freiwilligen vorwiegend im heutigen Belarus stationiert. Anhand von Tagebuchaufzeichnungen, Fotos und erstaunlich viel Filmmaterial verdeutlicht die Dokumentation schlaglichtartig, was bei der dortigen "Bekämpfung von Partisanen" tatsächlich vor sich ging. Nachdem der Vormarsch der Wehrmacht 80 Kilometer vor Moskau ins Stocken geraten war, löste sich auf dem immer chaotischer werdenden Rückzug die militärische Ordnung zusehends auf. Dabei entstand ein rechtsfreier Raum, in dem auch französische Freiwillige in einen Blutrausch gerieten, der "etwas Triebhaftes" an sich hatte, wie es im Film heißt. In der völligen Entgrenzung kam es zu "einer Art Jagd" - vorwiegend auf Juden. Fotos mit Gehenkten fungierten als Trophäen. Akribisch rekonstruiert der Film ein Stakkato der Gräueltaten. Ein Augenzeuge, der französische Schriftsteller, Abenteurer und Alpinist Marc Augier, berichtet von einer Massenerschießung, bei der auch eine Mutter getötet wurde, die zuvor ihr "wenige Monate altes Baby" an den Rand der Leichengrube gelegt hatte. "Ein Soldat der LVF, Bert de Lyon, packte es an den Beinen, schoss ihm in den Kopf und warf es der Mutter hinterher". Der zweite Teil der Dokumentation zeichnet nach, inwiefern jene militanten "Ultra-Kollaborateure" bei ihrer Rückkehr "die Gewalt aus dem Osten nach Frankreich" mitbrachten. Freiwillige, die in deutschen Uniformen gekämpft haben, schlossen sich teilweise der Franc Garde an, einer Abteilung der Milice française, um die Résistance zu bekämpfen. Mit einer Fülle von Detailbeobachtungen zeichnet der Film nach, mit welcher Brutalität französische Nazi-Kollaborateure dabei insbesondere auch Jagd auf Juden machten. "Im Zentrum der Gewaltexplosion", so ein Historiker, standen Franzosen, "die in der LVF und der Waffen-SS gekämpft hatten". Im Grunde rekapituliert Jean Bulot eigentlich nur das, was man aus zahlreichen Dokumentationen schon kennt, nämlich die Geschichte des Zweiten Weltkriegs, beginnend mit dem Angriff auf die Sowjetunion im Jahr 1941 bis zur Landung alliierter Truppen in der Normandie im Juni 1944, dem D-Day. Dass viele Kollaborateure, wie der Film hervorhebt, zu dieser Zeit noch inständig darauf hofften, dass die Alliierten zurückgedrängt werden konnten, verdeutlicht das bislang so nicht bekannte Ausmaß der französischen Kollaboration mit den Nazis. Die gut recherchierte Dokumentation konzentriert sich auf zwei wesentliche Aspekte. So nimmt Jean Bulot sich Zeit, um mit ausführlich zitierten Originaldokumenten die intellektuelle Verführbarkeit der Franzosen für die Doktrin der Nazis im Wortlaut nachvollziehbar zu machen. Bei der Darstellung der Gräueltaten in Osteuropa greift der Film auf Illustrationen zurück, deren diskret eingesetzte grafische Effekte als solche erkennbar sind. Das Gesicht eines ukrainischen Bauern, den Wehrmachtsoldaten nach Aufnahme des Fotos ermordeten, wird schwarz retuschiert, um so die Auslöschung des Lebens fassbar zu machen. Neben Historikern und Wissenschaftlern kommt auch der französische Journalist Philippe Duroux zu Wort. Vor der Kamera berichtet er, dass sein Vater Alfred Duroux zu jener SS-Division "Charlemagne" zählte, die im April 1945 in Berlin das Gebiet um die Reichskanzlei verteidigte. Geschichte wird in diesem Moment sehr lebendig.