Was wird aus dem "Superstreamer"? - Die neue ProSiebenSat.1-Führung setzt wieder stärker aufs lineare TV

Von Manuel Weis (KNA)

UNTERNEHMEN - "Alles auf Joyn" galt lange als Strategie von ProSiebenSat.1. Doch seit der Übernahme durch MFE rücken die linearen Sender wieder stärker in den Fokus. Steht der Streamingdienst vor dem nächsten Strategiewechsel?

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Joyn

Foto: ProSiebenSat.1 Media SE/KNA

Unterföhring (KNA) Offiziell heißt es bei ProSiebenSat.1 immer noch "Alles auf Joyn". Doch seit der Übernahme der Sendergruppe durch die von der Familie Berlusconi geführte Media for Europe im vergangenen Herbst fragt man sich in Unterföhring: Wie lange noch? Denn der in den vergangenen Jahren vom Münchner Medienhaus gerne als "Superstreamer" gepushte Dienst hat schon einige Häutungen hinter sich. Aufgebaut wurde der Dienst zu Zeiten des später als eher glücklos geltenden ProSiebenSat.1-CEOs Max Conze, allerdings nicht allein von Sender-Leuten, sondern im Zusammenspiel mit dem US-Konzern Discovery. Schon damals - Ende der 2010er-Jahre- war man damit eher spät dran. Nur drei Jahre währte die Partnerschaft, in deren Verlauf aber immer deutlicher wurde, dass die Discovery-Seite eigene Pläne hatte. Sie brachte dann auch Discovery+ als eigenes Streaming-Angebot an den Start - das nun selbst seit dem Launch von HBO Max Anfang dieses Jahres keine echte Rolle mehr spielt. Das allein zeigt schon, wie dynamisch der deutsche Streaming-Markt ist - und vor allem, dass der Wettbewerb von Jahr zu Jahr schärfer wird. In der ProSieben-Ära des mit der Übernahme durch MFE abgelösten CEO Bert Habets und insbesondere unter dem aus Österreich kommenden Manager Markus Breitenecker war sich Joyn dann zuletzt um keine Schlagzeile zu verlegen. Alles gipfelte schließlich in einem ungewöhnlichen Streit rund um die Einbettung von ARD/ZDF-Inhalten und deren Mediatheken bei Joyn. Die Öffentlich-Rechtlichen fühlten sich vom Münchner Medienkonzern über den Tisch gezogen. Man sah sich vor dem Oberlandesgericht Köln wieder, das nun Anfang März derlei Übernahmen ohne ausdrückliche Zustimmung untersagte. Zu dieser Zeit war Joyn klar die Priorität Nummer 1 im Konzern, hinter der die bekannten linearen Programmmarken wie Sat.1, ProSieben oder Kabel Eins zurückstecken mussten. An Produktionen beauftragt oder angekauft wurde vor allem, was bei Joyn gefragt sein könnte. Dabei blieb Joyn anders als fast alle anderen Streamer bei seinem Ansatz, die wesentlichen Teile des Angebots vor der Bezahlschranke zu lassen. Dafür mussten die Nutzer alle sieben bis zehn Minuten die Unterbrechung durch Werbung hinnehmen. Konkurrent RTL+ ist hier dagegen wie auch die anderen Streaming-Angebote klar als klassischer Pay-TV-Streamer positioniert. Seitdem Media For Europe das Sagen in München hat, hat sich die Bewertung dieser Priorität geändert. Folgt dem nun auch der nächste Strategiewechsel? Das zumindest war in den vergangenen Wochen insbesondere in der (Münchner) Produktionsbranche ein beliebtes Tuschel-Thema. Laut dieser "stillen Post" hieß es, in Unterföhring werde geplant, die Investitionen in Joyn deutlich herunterzufahren. Zumal zur gleichen Zeit der neue ProSiebenSat.1-CEO Marco Giordani die neue Maßgabe vor Journalisten bestätigte: Priorität Nummer eins sind jetzt wieder die linearen Sender, so Giordani, der in Personalunion auch Finanzchef beim Mutterkonzern MFE ist. Denn die klassischen TV-Kanäle leiden zwar weiter unter dem schon seit geraumer Zeit lahmenden Werbemarkt und verbuchen rückläufige Einnahmen, schaffen aber eben immer noch den wesentlichen Teil des Umsatzes heran. Joyn eilte, was die monatliche Nutzung angeht, zuletzt zwar von Rekord zu Rekord. Doch was den finanziellen Erfolg angeht, ist der Streamer eben noch ein gutes Stück von den linearen Programmen entfernt. Ein offizielles ProSiebenSat.1-Statement zur aktuellen Strategie bei Joyn bekräftigt den Status quo und bleibt darüber hinaus vage: "Joyn ist und bleibt die kostenlose Streamingplattform von ProSiebenSat.1. Sie bietet den Zuschauer:innen ergänzend zu den reichweitenstarken linearen Sendern das größte kostenlose Content-Angebot in Deutschland, Österreich und der Schweiz, sowohl live und auf Abruf", heißt es darin. Die Nutzer könnten sich "auch 2026 auf ein starkes Programm-Line-Up freuen". Das zeigt zum einen: Der 2025 ventilierte Plan, Joyn zum grundsätzlich bezahlpflichtigen Streamingdienst zu machen, kommt vorerst wohl nicht zum Tragen. Zum anderen soll es auch beim Line-Up aus Joyn-Originals und den sogenannten "Best-Brands" der linearen Sender bleiben. Klarheit könnte der Sommer bringen. Wenn die Sender der Gruppe ihre Programmvorhaben für die im August und September startende neue TV-Saison vorstellen, wird auch die Branche Klarheit haben, wie groß die Investitionsbereitschaft der neuen Konzernführung in ihren "Superstreamer" noch ist. Das heißt nicht, dass das MFE-Management die Bedeutung von Streamings unterschätzt - im Gegenteil. Aber andere Weichenstellungen, bei denen Joyn in die Röhre guckt, sind sehr wohl vorstellbar. Sowohl im Stammland Italien als auch in Spanien betreibt MFE mit Mediaset Infinity eine eigene Streamingplattform - und das mit großem Erfolg. Glaubt man von der MFE selbst veröffentlichten Zahlen, dann sind in guten Monaten an die zehn Millionen Unique User eingeloggt. Mediaset Infinity ist im kleineren Italien also eine große Nummer. Markus Breitenecker hatte noch während seiner Amtszeit 2025 die Frage gestellt, ob MFE nach der erfolgten Übernahme Joyn nicht auf weitere Märkte in Europa ausrollen könnte. Nun könnte es ganz anders kommen. Denn Branchenvermutungen gehen derzeit eher in die Richtung, ob nicht Infinity noch in weitere europäische Länder expandiert, um so die vom Management immer wieder bemühten Synergien zu schaffen. Aber auch das, heißt es in Unterföhring, bleibe auf absehbare Zeit Zukunftsmusik. Vielleicht wäre der sehr volatile TV-Markt 2026 auch gerade gar nicht bereit dafür.

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