Nach 20 Jahren zum Zuge gekommen - Mit dem Kauf des "Daily Telegraph" erfüllt sich Springer einen Traum

Von Steffen Grimberg (KNA)

PRESSE - Für 575 Millionen Britische Pfund übernimmt der deutsche Medienkonzern Axel Springer die "Bibel der Konservativen" in Großbritannien. Vor 20 Jahren war Springer im Rennen um den "Daily Telegraph" noch leer ausgegangen.

| KNA Mediendienst

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"Daily Telegraph" geht an Axel Springer

Foto: Vuk Valcic/Imago/KNA

London/Berlin (KNA) Schon vor Jahren hatte Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner die Devise ausgegeben, sein Unternehmen werde keine neuen Printprodukte mehr an den Start bringen oder sich daran beteiligen. Der Medienkonzern stieg vielmehr aus einem großen Teil seines Zeitungs- und Zeitschriftengeschäfts aus. Die Regionalblätter wurden verkauft - darunter 2014 auch die Keimzelle des Verlags, das 1948 von Axel Springer gegründete "Hamburger Abendblatt". Ein Jahr zuvor hatte schon die ebenfalls als untrennbar mit Springer verbunden geltende Programmzeitschrift "Hörzu" die Besitzer gewechselt. Seitdem setzt Springer auf die nationalen Marken "Welt" und "Bild", und noch mehr aufs Digitalgeschäft. Gerade das galt auch international, bisheriger Höhepunkt dieser Strategie ist die 2021 vollzogene Übernahme von Politico. Für einen Titel galt und gilt dies aber nicht: für den Londoner "Daily Telegraph". Schon 2004 hatte der gerade erst zwei Jahre zuvor an die Konzernspitze aufgestiegene Medienmanager und Journalist Döpfner um den "Telegraph" und sein Schwesterblatt "Sunday Telegraph" mitgeboten. Doch vor 22 Jahren machten die exzentrischen Zwillingsbrüder David und Fredrick Barclay das Rennen, der Kaufpreis lag nach britischen Medienberichten damals bei 600 Millionen Britischen Pfund. Knapp 20 Jahre später sah sich die "Bibel der Konservativen", für die der frühere britische Premierminister Boris Johnson als EU-Korrespondent in Brüssel und später als Kolumnist gearbeitet hatte, plötzlich als Opfer eines familiär-finanziellen Zwists bei den Barclays, an dem Springers "Bild", aber auch das konzerneigene Online-Wirtschaftsmagazin Business Insider seine helle Freude gehabt hätten: Es ging um nicht bediente Kredite, Grabenkämpfe zwischen Familienflügeln und Abhöraffären im damals noch Barclay-eigenen Hotel Ritz. Der Telegraph-Verlag war als Kreditsicherheit beim Bankhaus Llyods hinterlegt, bei dem die Barclays mit über einer Milliarde Pfund in der Kreide standen. Lloyds platzte Ende 2023 der Kragen, die Bank bestellte einen Konkursverwalter und ging daran, die Blätter per Auktion zu Geld zu machen. Auch damals waren Springer/Döpfner als Interessenten anfangs mit dabei, doch dann winkte man wegen "zu überzogener Preisvorstellungen" ab, wie der Konzern damals dem KNA-Mediendienst mitteilte. Für rund 600 Millionen Pfund sollten die "Telegraph-Titel" daher an das Red Bird IMI-Konsortium aus den USA und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) gehen. Doch die Beteiligung ausländischer Staatsfonds - noch dazu aus den Golfstaaten - brachte vor allem die konservative Politik gegen den Deal auf. Im März 2024 wurde eigens ein neues Gesetz erlassen, das eine Beteiligung staatlicher Investoren aus dem Ausland bei britischen Medienunternehmen verbietet. Nach mehreren weiteren Irrungen und Wirrungen - Red Bird IMI reduzierte den VAE-Anteil, die neue Labour-Regierung in London lockerte das Investment-Gesetz und ließ wieder eine maximal 15-prozentige Beteiligung ausländischer Staatsfonds zu - schien der Verlag Mitte letzten Jahres tatsächlich so gut wie verkauft. Doch wegen der anhaltenden Skepsis gegenüber Red Bird IMI blies das Konsortium Mitte November 2025 zum Rückzug. Der neue Besitzer stand da schon fest: Mit der Daily Mail and General Trust-Gruppe (DMGT) sollte der letzte britische Pressebaron, Viscount Rothermere, den "Telegraph" übernehmen. De facto hatte DMGT sogar schon den Zuschlag erhalten. Da der Konzern mit den Tageszeitungen "Daily Mail", "Mail on Sunday", "iPaper" und der Gratiszeitung "Metro" aber bereits den britischen Zeitungsmarkt dominiert, hatte Medienministerin Lisa Nandy vor vier Wochen nach langem Zuwarten eine ausführliche kartell- und medienkonzentrationsrechtliche Prüfung des Deals angekündigt. Wegen der zu erwartenden Debatte nebst empfindlichen Auflagen - immerhin regiert gerade die in den DMGT-Blättern nicht eben günstig wegkommende Labour-Partei - hatte plötzlich aber auch DMGT keine Lust mehr. Und es schlug endlich die Stunde von Axel Springer, beziehungsweise Mathias Döpfner. Was aber eigentlich dasselbe ist, schließlich gehören Döpfner gemeinsam mit Verlegerwitwe Friede Springer 95 Prozent am Konzern, der sich nun auch wieder ganz bescheiden als Familienunternehmen bezeichnet. Wie Springer Ende vergangener Woche mitteilte, liegt der Kaufpreis für "Daily Telegraph" und "Sunday Telegraph" nun bei stolzen 575 Millionen Britischen Pfund (rund 663,3 Mio. Euro) in bar. "Axel Springer hat sein Unternehmen 1946 auf Grundlage einer britischen Presselizenz gegründet. Seine Zeitungen entstanden in der Tradition der Fleet Street. Der 'Telegraph' war für ihn dabei sein Leitstern", erklärte Springers Erbe in Geist wie Geschäft. "Vor mehr als 20 Jahren haben wir ohne Erfolg versucht, das Unternehmen zu erwerben. Nun wird unser Traum wahr. Eigentümer dieser Institution des britischen Qualitätsjournalismus zu sein, ist Privileg und Verpflichtung zugleich", so Döpfner weiter. Und natürlich hat der Mann, der auch jenseits des Atlantiks - zumindest vor Trumps zweitem Amtsantritt - mit Springer via Politico zum journalistisch führenden US-Medienunternehmen aufsteigen wollte, auch große Ziele im Vereinigten Königreich. "Wir wollen den "Telegraph" weiterentwickeln, dabei seinen unverwechselbaren Charakter und sein Erbe bewahren und dazu beitragen, ihn zum meistgelesenen und intellektuell inspirierenden, bürgerlich-konservativen Medium der englischsprachigen Welt zu machen", so Döpfner. Die Überzeugungen des "Telegraph" stimmten schließlich mit denen von Springer bestens überein. Ob auch der Preis stimmt, wird sich zeigen. Springer zahlt nämlich erklecklich mehr als andere Bieter um den "Telegraph". Der bislang aussichtsreichste Kandidat, die DMGT, hatte im November 2025 nur 500 Millionen Pfund (rund 576 Mio. Euro) geboten. Kartell- und wettbewerbsrechtliche Probleme hat Springer anders als DMGT nicht zu erwarten, da der Konzern zwar mit Politico auch in London sitzt, aber sonst nicht im britischen Pressemarkt aktiv ist. Staatseinfluss wie bei Red Bird IMI fällt auch aus. Medienministerin Nandy hat bereits am Montag dieser Woche - also nur drei Tage nach Bekanntwerden des Deals - die Prüfung des Verkaufs eingeleitet und laut "Telegraph" erklärt, hierbei dürfe es "keine weiteren Verzögerungen" geben. Und falls die auf journalistische Unabhängigkeit pochenden Parlamentarier Bauchschmerzen wegen der bei Springer zur Redaktionslinie gehörenden Verlagsgrundsätze haben sollten, hat Döpfner vorgebaut: "Der "Telegraph" steht für Freiheit, persönliche Verantwortung, demokratische Werte und den Glauben an offene Gesellschaften und marktwirtschaftliche Prinzipien. Diese Überzeugungen stimmen mit unseren essenziellen Werten überein". Diese Essentials seien aber "keine Einschränkung von redaktioneller Unabhängigkeit und Freiheit", sondern definierten "transparent die gesellschaftlichen Grundwerte unseres Unternehmens" - und künftig eben auch die beim "Telegraph". Dort kommt der neue Besitzer nach britischen Presseberichten erstmal gut an. Döpfner war am Montag in der Redaktion, um sich vorzustellen; Teilnehmer berichteten von einer guten Stimmung, von "Optimismus", gar "Begeisterung" war die Rede. Der Verkauf an Springer sei der "bestmögliche Ausgang" der "Telegraph"-Saga, zitierte der "Guardian" eine dieser Stimmen. Ob der deutsche Konzern mit dem Millionen-Deal in UK ein gutes Geschäft gemacht hat, bleibt abzuwarten. Der Telegraph-Verlag veröffentlicht schon seit langem keine Auflagenzahlen mehr. Nach aktuellen Branchenprognosen des Fachdiensts "Press Gazette" führt der "Daily Telegraph" mit geschätzt 150.000 Exemplaren täglich aber immer noch das Feld der Londoner Qualitätszeitungen neben der "Times" und dem "Guardian" an. Dazu kommt ein reichweitenstarkes Digitalgeschäft. Wegen der seit mehreren Jahren tobenden Übernahmeschlacht brach allerdings der Gewinn der Gruppe zwischen 2023 und 2024 von 201 Millionen auf nur noch 14,1 Millionen Pfund stark ein. Dass Springer nun 575 Millionen Pfund für die "Telegraph"-Titel zahlt, passt zu Döpfner. Für Politico griff der Konzern, der seit vergangenem Jahr nicht mehr an der Börse ist und jetzt sehr individuell agiert, 2021 sogar noch tiefer in die Tasche. Nach amerikanischen Medienberichten soll Springer rund eine Milliarde Dollar (rund 865 Mio. Euro) bezahlt haben. Hauptkonkurrent des "Telegraph" in Großbritannien ist die von DMGT herausgegebene "Daily Mail", die aber eher auf die mittleren Schichten von "Middle England" zielt, während der "Telegraph" immer noch als Zeitung des (konservativen) britischen Establishments gilt. Was das Blatt wie Döpfner vor allem in Konkurrenz zu dem anderen großen, traditionsreichen Londoner Titel bringt: Der "Times" - und damit einem gewissen Rupert Murdoch.

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