Dortmund (KNA) "Der OB Samtlebe ist nicht wirklich 'junge Familie', aber vielleicht erinnert sich noch der eine oder die andere an ihn", sagt Britta Bingmann. Aber schließlich ist nicht jeden Tag 100. Geburtstag eines legendären Dortmunder Oberbürgermeisters wie Günther Samtlebe (1926-2011), der mehr als ein Vierteljahrhundert die Geschicke der Ruhrgebietsstadt lenkte. Und wenn jetzt die WochenDOsis mit dem Dortmunder Hauptbahnhof als Schwerpunktthema erscheint, kommt garantiert auch noch Samtlebes Zitat, das sei kein Großstadtbahnhof mehr, sondern "eine Pommesbude mit Gleisanschluss." Die besagte Imbissbude vor dem Bahnhof ist wie der SPD-Oberbürgermeister Samtlebe allerdings längst Geschichte, Dortmund wird heute von einem CDU-Mann geführt. Das passt zur einzigen Lokalzeitung vor Ort, zu den "Ruhr-Nachrichten", deren liebevoller Spitzname zu Samtlebes Zeiten "Schwarze Bertha" war. Zu Zeiten der unangefochtenen SPD-Regierungen im Ruhrgebiet wurde dem Blatt des Verlags Lensing-Wolff immer ein Hauch von CDU-Nähe nachgesagt. Die damalige WAZ-Gruppe, heute Funke, hatte sich dagegen vor über einem Jahrzehnt aus dem Dortmunder Lokaljournalismus verabschiedet. Ihre beiden Titel "Westfälische Rundschau" und "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" erscheinen zwar auch noch in Dortmund, den Lokalteil liefern aber die "Ruhr-Nachrichten" zu. Vor gut einem halben Jahr haben sich WAZ/Funke jetzt wieder im Lokalen zurückgemeldet. WochenDOsis heißt das Projekt; es ist, wie der Name schon sagt, wöchentlich - und rein digital. Das fünfköpfige Team um Britta Bingmann und Tom Hoops macht Lokaljournalismus per Newsletter, Insta-Reels und jeder Menge weiterer Social-Media-Angebote. Mittwochs um sechs Uhr morgens erscheint der Newsletter, die Zielgruppe sind die oben schon erwähnten Eltern in jungen Familien, also Menschen im Alter von 30 bis 50, die "in Dortmund leben und in der Rushhour ihres Lebens sind", wie es Michael Krechting nennt, der als stellvertretender Chefredakteur Digital und Entwicklung bei Funke NRW die WochenDosis-Redaktion konzeptionell und strategisch begleitet. Mittwochs erscheint nicht nur der Newsletter, es ist auch der Tag der wichtigsten Redaktionskonferenz, und beim Besuch des KNA-Mediendienstes geht es vor allem ums Bier. Dortmund ist schließlich immer noch Bierstadt, nur hat sich die Zahl der Brauereien eher parallel zur Zahl der eigenständigen Lokalzeitungen hierzulande entwickelt: Die einzelnen Marken gibt es alle noch, doch die meisten kommen mittlerweile aus einem gemeinsamen Topf. Britta Bingmann, die früher zur WAZ-Lokalredaktion Dortmund gehörte, hat "vor 13 Jahren schon mal das Biersterben gemacht", wie sie ganz nüchtern formuliert. Bingmann ist so etwas wie das lebende Archiv oder Gedächtnis der WochenDOsis-Redaktion, während Tom Hoops, Katrin Figge, Stephanie Heske und Anna Quasdorf deutlich jünger sind. Wo Altes verschwindet, kann Neues entstehen, und so spielt in der Bier-Ausgabe der WochenDOsis die Dortmunder Bergmann-Brauerei eine wichtige Rolle. Die Rechte an der schon 1972 eingestellten Marke hatte ein Dortmunder Mikrobiologe gekauft und in den letzten Jahren zu einer kleinen, unabhängigen Erfolgsgeschichte gemacht. Seit 2017 wird im südlichen Stadtteil Hörde gebraut, das Bergmann Bier steht heute neben den klassischen Dortmunder Marken, die alle zur Radeberger-Oetker-Gruppe gehören, ganz selbstverständlich in vielen Supermärkten. Erfolgsgeschichten sind ohnehin in der WochenDOsis gern gesehen, die Redaktionskonferenz bespricht ausführlich die aktuelle Newsletter-Ausgabe zum Thema "Gründerinnen", die gleich noch einer Café-Betreiberin am Dortmunder Nordmarkt unter die Arme greifen. Die Stadt hatte dem populären "Grünen Salon" ohne Vorwarnung im wahrsten Wortsinne das Wasser abgedreht. Dann geht es in der Themenplanung weiter: Dortmunder Spielplätze, der Hauptbahnhof, die Olympiabewerbung des Rhein-Ruhrraums für die Spiele ab 2036, über die es im April einen Bürgerentscheid gibt. Als Leitsatz für die Schwerpunktthemen der Newsletter-Ausgaben werden immer ganz konkrete, lebensnahe Fragen formuliert, die kein Blatt vor den Mund nehmen. Also: "Ist Dortmund noch eine Bierstadt?", oder: "Warum ist der Flughafen so bescheuert angebunden und warum gibt es keine Gastronomie?" "Machen wir eigentlich nur 'ne positive Spielplatzausgabe oder thematisieren wir auch nicht so schöne Dinge wie Drogenkonsum?", wirft Stephanie Heske in die Diskussion ein, als es um die neue Reparatur-Kolonne für Spielplatz-Geräte geht. Die wurde jetzt in Dortmund aufgestellt und repariert vor Ort, was den Abbau und Umweg über die stadteigenen Werkstätten sparen soll. Die WochenDOsis wird die Truppe dabei begleiten. Die Entscheidung wird vertagt; "wir müssen mehr an Dirk und Lena denken", heißt es plötzlich in der Debatte. Die beiden gibt es nicht wirklich, sondern nur als sogenannte "Personas", also idealtypische Repräsentanten der Zielgruppe, an denen sich die inhaltliche Ausrichtung orientiert. Was auch bedeutet: An den vielen Dortmundern, die nicht Lena oder Dirk, sondern Asya oder Deniz heißen, orientiert man sich - aktuell jedenfalls - nicht so richtig. Auch wenn rund ein Drittel der Menschen in der Stadt eine Einwanderungsgeschichte haben. Wobei das in den meisten klassischen Lokalteilen gedruckter Zeitungen nicht anders aussieht. Anders als dort spielt die Lokalpolitik bei der WochenDOsis per se keine Hauptrolle. Zu besonderen Anlässen kommt aber eine ExtraDosis heraus, wie neulich zum umstrittenen Auftritt von Björn Höcke bei der Dortmunder AfD. "Und natürlich machen wir etwas zu Wahlen, oder zu den ersten 100 Tagen des neuen Bürgermeisters Alexander Kalouti", sagt Michael Krechting. Auch die redaktionelle Arbeit bei der WochenDOsis sei ganz anders als in einer klassischen Lokalredaktion, sagt Britta Bingmann. Da gehe es um den "Switch im Kopf vom tagesaktuellen Journalismus hin zu eher was Magazinigem", dazu kommen noch die neuen Ausspielwege über Social Media. "Der Schalter ist sehr groß, es hat schon eine Weile gedauert, sich hier entsprechend zu organisieren". Der "Tagesdruck" ist zwar weg, sagt Bingmann, "aber manchmal juckt's einem doch in den Fingern". Weshalb sie sich auch für die Geschichte über die Schule im Vorort Huckarde stark macht: "Die ist so marode, dass sie jetzt abgerissen wird". Auch das sind natürlich Themen für Eltern wie Dirk und Lena, "da konzentrieren wir uns ganz bewusst drauf", sagt Krechting. Die "Ruhr-Nachrichten" machen in Dortmund weiter einen klassischen Lokalteil mit dem Komplettangebot von der Ratssitzung bis zum Vereinsjubiläum. Es gibt auch noch andere Unterschiede - während beim Verlag Lensing-Wolff knapp 30 Leute fürs Lokale und Regionale arbeiten, hat die WochenDOsis aktuell exakt 4,4 Stellen. Für die WAZ ist das Projekt ein Testballon, eine "Transformationsgeschichte. Schließlich geht es darum, Geschichten auf Instagram und Tiktok zu erzählen und hier alles selbst zu machen. "Hier kann die WochenDOsis auch auf andere WAZ-Lokalredaktionen ausstrahlen", hofft Krechting. Die zentralen Ausspielwege sind Instagram und Tiktok, auch Facebook wird noch für das etwas ältere Publikum bespielt. Ein Whatsapp-Kanal bietet den direkten Kontakt mit der Redaktion. "Es ist erstaunlich, wie genau sich die Community teilweise mit jedem einzelnen Reel beschäftigt", sagt Katrin Figge, bei den Gastro-Tipps kämen dann Fragen wie "Warum genau geht ihr in dieses Lokal?" oder "Wie funktioniert euer Punktesystem zur Bewertung?". Das Feedback auf die Newsletter sei ebenfalls gut: "Das ist sehr konstruktiv, wir bekommen gute Hinweise", sagt Britta Bingmann, und wenn dann der Klassiker kommt "und jemand sich mit 40 Jahre Klassentreffen meldet und um Veröffentlichung bittet, antworten wir charmant, aber eindeutig". Den Newsletter gibt es aktuell kostenlos, das Hauptstück im Netz ist wie die Gastrotipps auch "for free". Gut laufen hier die "Gemischten Doppel", bei denen Veganer, Vegetarier und Allesesser gemeinsam zum Testessen ziehen. Manche Beiträge aus Dortmund laufen auch NRW-weit regional bei anderen "WAZ"-Ausgaben oder landen sogar im Mantelteil. Die WochenDOsis sehe sich auch als Türöffner in die WAZ-Welt, sagt Krechting. Paid Content stehe daher noch nicht im Mittelpunkt: "Wir sind noch in der Aufbauphase". Das atmen auch die Räumlichkeiten ganz bewusst. Die WochenDOsis hat keine eigene Immobilie, die Redaktion nutzt einen Coworking-Space mitten in der Innenstadt, es gibt nicht mal ein Schild unten am Eingang. "Heute braucht es keine stationäre Leuchtreklame mehr", meint Krechting: "Wir müssen direkt rein in die Zielgruppe, digital und persönlich." Auch das sei ein "Learning" aus den Rückmeldungen der Nutzer: "Die WochenDOsis soll im echten Leben erlebbar werden, über Events zum Beispiel." Bleibt zu hoffen, dass Funke dann ein Einsehen hat und das Personal ein bisschen aufstockt. Am heutigen Mittwoch ist tatsächlich der Hauptbahnhof dran. "Wenn ich an den Hauptbahnhof denke, kommen mir erstmal die negativen Schlagzeilen in den Sinn: Unsicherheit, Gewalt, Drogen, Obdachlosigkeit. Zumindest war das so, bis ich diese Newsletter-Ausgabe recherchiert habe", schreibt Tom Hoops in seinem Newsletter-Editorial: "Aber warum eigentlich? Denn wenn ich ehrlich bin, wurde ich noch nie am Hauptbahnhof attackiert, nicht auf die Gleise gestoßen, nicht mal angespuckt. Angst habe ich dort also nicht." Allerdings, erfährt man bei Lektüre des Beitrags, führt der Dortmund Hauptbahnhof nach den Zahlen der Bundespolizei mit 735 Gewaltdelikten im Jahr 2025 gleich nach dem Leipziger Hauptbahnhof (859 Fälle) die Statistik an. Dies sind aber nur die registrierten Fälle, also keine abgeschlossenen Verfahren oder rechtskräftige Urteile. "Demnach ist auch nicht ersichtlich, wie viele Verfahren davon wegen Geringfügigkeit oder falscher Beschuldigung eingestellt werden", schreibt Hoops weiter. Mit Abstand die meisten dieser Fälle haben allerdings mit Drogen zu tun, das bestätigen auch die von der WochenDOsis befragten Mitarbeiterinnen der Bahnhofsmission. Es seien einzelne Personen, die Ärger machten. "Wer Angst vor Hunden hat, der erwartet auch, dass sie bellen", kommentiert Bahnhofsmissions-Leiterin Swetlana Berg das jährliche Negativranking: "Wir bei der Bahnhofsmission würden da entschieden widersprechen. Wir fühlen uns hier sicher." Nur das schöne Günther-Samtlebe-Zitat von der "Pommesbude mit Gleisanschluss" hat es nicht in den Beitrag geschafft. Aber das passt ja auch nicht unbedingt zur Zielgruppe von Lena und Dirk.