"Legenden leben ewig" - Disney+ holt Comic-Held Lucky Luke als Realverfilmung zurück

Von Jan Freitag (KNA)

SERIE - Inmitten adaptierter Konsolen-Spiele wie "The Last of Us" wird Disney+ nostalgisch und verfilmt Lucky Luke als Realfilm-Serie. Mit viel Klamauk, aber noch mehr Realismus dockt der Revolverheld damit erfolgreich an moderne Western an.

| KNA Mediendienst

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"Lucky Luke"

Foto: Disney/Disney und seine verbundenen Unternehmen/KNA

Bonn (KNA) Die Epoche artifizieller Wild-West-Serien ist eigentlich schon lange vorbei. Zwei Jahrzehnte nach dem letzten Schuss in David Milchs preisgekröntem HBO-Drama "Deadwood" und dreißig Jahre nach Kevin Costners Wolftanz tauchen realistischere Fiktionen von "1883" über "The English" bis "American Primeval" adrette Desperados mit rauchenden Colts regelhaft in Blut, Schweiß und Fäkalien - als wären Western von vorgestern bloß staubige Waschmittelwerbungen. Ein Cowboy allerdings hält bis heute die Stellung der Technicolor-Ästhetik bügelfreier Nachkriegsjahre. Schon seit 1948 sorgt Lucky Luke schließlich optisch unverändert für Ruhe und Ordnung. Auch im neuesten Abenteuer "Letzte Runde für die Daltons" ist sein schneeweißer Hut überm knallgelben Hemd porentief rein. Und damit ähnlich sauber wie Manieren, Methoden, Moralvorstellungen eines aufrechten Reiters, der sich zwischendurch auch noch das Rauchen abgewöhnen musste, aber wie gewohnt schneller schießt als sein Schatten. Auf dem Papier zumindest. Am Bildschirm dagegen ist Lucky Luke nun bei Disney+ nicht nur unrasiert und dreckig. Er schießt auch noch langsamer als sein Gegner. Der Grund ist eine Handverletzung. Fremdverschulden also. Trotzdem kann sich auch der strahlende Held aus mittlerweile 81 Comics dem Zeitgeist nicht mehr entziehen. Nach Sadri Alisik (Türkei, 1974) Terence Hill (USA, 1992), Til Schweiger (Deutschland, 2004) und Jean Dujardin (Frankreich, 2009) schlüpft Alban Lenoir als fünfter Mensch in die Rolle des gedruckten Cowboys. In der zugehörigen Serie heißt er zwar wie üblich "Lucky Luke". Mit seiner Erfahrung zweier Zombie-Filme jedoch zeigt ihn Regisseur Benjamin Rocher seltsam fehlbar, fahrig, verlottert. Gleich im ersten Duell braucht der indisponierte Revolverheld deshalb Hilfe. Weil er beim Ziehen zögert, schießt Louise (Billie Blain) an seiner Stelle - und trifft. Warum genau, wird hier zwar nicht verraten. Aber anschließend sucht Luke gemeinsam mit der 18-Jährigen nach ihrer entführten Mutter Charlie (Alice Taglioni). Ein neuer Plot-Twist in vertrauter Umgebung. Während sich die Autoren Thomas Mansuy und Mathieu Leblanc beide Frauen ausgedacht haben, ist die Serie ansonsten nämlich voller Referenzen zum Werk des belgischen Zeichners Morris, den seit 2001 dessen französischer Kollege Achdé ersetzt. Louises Vorbild Calamity Jane (Camille Chamoux) kommt daher ebenso vor wie Billy the Kid (Victor Le Blond), die Daltons um den Choleriker Joe (Jérôme Niel) oder eine Journalistin namens Elizabeth Zee (Sarah Suco), bekannt aus Band 53, "The Daily Star". Überhaupt ist die fünfte Echtfilm-Adaption der weltweit erfolgreichen Comic-Reihe ein Sammelsurium einzelner Ausgaben, das Alban Lenoirs Produktionsfirma Homerun für Disney+ buchstäblich realisiert und am Ende sogar mit einer weltpolitischen Verschwörung aufgeblasen hat. Das ist schon sehr unterhaltsam. Dennoch fragt man sich natürlich, welchen Mehrwert das Schauspiel einer Malvorlage hat. Anders ausgedrückt: Lohnt sich das Sehen ebenso wie das Lesen? Der gezeichnete Aberwitz, den Comics versprühen, lässt sich schließlich selbst digital aufgemotzt nur mühsam erreichen. Einerseits. Denn andererseits war "Lucky Luke" noch fester sogar als "Tim und Struppi" in der Wirklichkeit verankert. Gleichermaßen fasziniert und amüsiert vom vermeintlich Wilden Westen wollte Maurice de Bevere alias Morris dessen Geschichte historisch präzise verfremden. Gute Voraussetzungen also für eine Vermenschlichung der Charaktere. Und dafür ist der Action-Star Alban Lenoir ("French Blood") gewiss nicht die schlechteste Wahl. Sein merkwürdiges Gesicht passt schon optisch perfekt zum Original. Es illustriert aber auch passgenau dessen Verwahrlosung und erdet die Serie somit im zeitgenössischen Realismus wildwestlicher Fiktionen. Animierte Absurditäten ebenso unterhaltsam wie glaubhaft zu spielen: Diesen Spagat versuchen Regisseure schon, seit mit dem Weltraumreisenden Buck Rodgers 1934 sechs Jahre nach dessen Magazin-Debüt - und parallel zu Flash Gordon - erstmals ein Comic verfilmt wurde. Abgesehen von der heillos überdrehten, längst ikonischen Batman-Parodie mit Adam West, die 1966 den ungebrochenen Boom verfilmter Marvel- und DC-Comics vorwegnahm, waren Adaptionen aber stets dann am besten, wenn sie weniger drollig als dystopisch waren. Während "Asterix und Obelix" aus Fleisch und Blut zwar kommerziell erfolgreich waren, aber auch arg infantil geraten sind, kriegen transformierte Postapokalypsen von "Sin City" über "Hellboy" oder "Judge Dread" bis hin zu "The Walking Dead" selbst von Fans und Feuilleton gute Kritiken. Weil ihnen Computerspiele wie "Fallout" oder "The Last of Us" allerdings gerade zügig den Rang ablaufen, sind selbst endzeitliche Comic-Adaptionen abseits repetitiver Superhelden auf dem Rückzug. Auch deshalb ist der Einfall, "Lucky Luke" bei allem Klamauk mit etwas CGI und viel Gefühl wahrhaftiger zu gestalten, so charmant. Zumal die Hommage das Original vom paternalistischen Rassismus früherer Tage befreit. Und auch, wenn der Titelheld anfangs besser rennen als schießen kann und dringend ein Bad bräuchte, erklärt ihn der Sheriff zur Legende. Und die, fügt er hinzu, "leben ewig." Sogar bis tief ins Streaming-Zeitalter.

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