Straßburg (KNA) "Laut Google bin ich einer der schlimmsten Menschen der Welt." Das Geständnis stammt aus dem Mund eines Briten, der im Auftrag einer Londoner Sicherheitsfirma Asbest-Gegner auskundschaftete. Dabei wurde der Unternehmensspion enttarnt. Seither ist der praktizierende Buddhist finanziell ruiniert und muss sich als Gärtner verdingen. Eine Arte-Dokumentation rekonstruiert die haarsträubende Geschichte von Rob Moore, einem ehemals erfolgreichen TV-Produzenten, der für die Londoner Detektei K2 zwischen 2012 und 2016 das Vertrauen führender Aktivisten einer weltweiten Kampagne zum Verbot von Asbest erschlich. Der norwegische Regisseur Havard Bustnes, bekannt durch gesellschaftliche und politische Dokus über Rechtsextremismus, porträtiert einen Industriespion, der besonders ausgekocht war. Rob Moore tarnte sich als investigativer Dokumentarfilmer, der vorgeblich über die finsteren Machenschaften der Asbest-Mafia recherchiert. Zur Tarnung gründete er sogar eine vermeintlich gemeinnützige Anti-Asbest-Organisation ("Stop Asbestos"). Dabei beschaffte Moore Informationen, die überaus lukrativ sind für jene Unternehmen, die mit der toxischen Bausubstanz immer noch gute Geschäfte tätigen. Diese Firmen sitzen in Kasachstan, woher etwa 60 Prozent der weltweiten Asbestproduktion stammen. Aus diesem Grund haben sie ein gesteigertes Interesse daran, herauszufinden, wie erfolgreich jene Aktivisten sind, die daran arbeiten, ihre Geschäftsgrundlage zu untergraben. Um jene umweltpolitischen Zusammenhänge zu verdeutlichen, die Bustnes in seinem Film aufgreift, muss man daran erinnern, dass Asbest nicht irgendein Baustoff ist, sondern vor allem ein Umwelt-Gift, an dem allein in Deutschland jährlich etwa 1.600 Menschen sterben. Weltweit sind pro Jahr geschätzte 75.000 Tote zu beklagen. Kein Wunder also, dass die Verwendung des Werkstoffs in vielen Ländern längst untersagt ist. Da diese toxische Substanz aber in Teilen der Welt noch eingesetzt werden darf, werden mit ihr Geschäfte getätigt, die durch ein undurchsichtiges Netz von Briefkastenfirmen verschleiert werden. Um die Geschichte der Produktion von Asbest, die Entdeckung seiner extremen Gesundheitsschädlichkeit und das sich allmählich durchsetzende Verbot dieser Substanz geht es in "Der Gärtner, der Buddhist und der Spion" allerdings nur am Rande. Im Fokus steht Rob Moore, der zu Beginn mitten in einem bunt blühenden englischen Bilderbuchgarten mit einer kleinen Schere geduldig eine Buchshecke in eine perfekte Kugelform bringt. Unterdessen berichtet der Gärtner, wie er in seinem früheren Job freundschaftliche Beziehungen zu Asbest-Aktivisten aufbaute. Nachdem die Wahrheit ans Licht kam, fühlte eine Frau sich von Moore "emotional vergewaltigt". Ein anderer Aktivist erklärt vor der Kamera, er sei Rob Moore keinesfalls böse. Denn dieser habe ihm in einer seelischen Krisensituation mit viel Empathie beigestanden. Nachdem Moore als Industriespion enttarnt worden war, wurde der Fall 2015 in London vor dem Central Criminal Court verhandelt. Zur Sprache kam dabei unter anderem, dass die Firma K2 Security Moore für seine Tätigkeit insgesamt 336.000 Pfund an Honoraren und zusätzlich 130.400 Pfund an Spesen entrichtet hatte. Nach detaillierter Beweisaufnahme einigte sich das Unternehmen außergerichtlich und zahlte den Aktivisten Schadenersatz wegen der verdeckten Ausspähung. Doch was in aller Welt hat diese Undercover-Tätigkeit mit der buddhistischen Religion zu tun? Auch dafür gibt der Film eine - zugegebenermaßen skurrile - Erklärung: Als Rob Moore durch das heimliche Mitschneiden von Gesprächen mit Aktivisten in einen moralischen Konflikt geriet, suchte er Rat bei seinen buddhistischen Lehrern: Darf man den Kampf gegen die Verhinderung von Gift behindern? Ja, lautete die Antwort der Buddhisten - jedoch nur, wenn man "Gift in Medizin verwandeln" könne. Auf diese Weise, so zeigt der Film, hoffte Rob Moore, sich vom Saulus zum Paulus zu wandeln. Dabei verzweigt sich die dokumentarische Perspektive: Der Film begleitet obendrein zwei Journalisten, die einen Podcast über Rob Moore produzieren. Der Industriespion zeichnete dabei von sich das Bild eines Whistleblowers, der den Reportern sein Insiderwissen über die Asbestbranche zur Verfügung stellte. Moore hoffte, dass der Podcast seine Spionagetätigkeit moralisch aufwerten würde, doch die beiden Journalisten verfolgen ein ganz anderes Ziel. Als sich obendrein noch der Dokumentarfilmer selbst, Havard Bustnes, mit seinen Reflexionen über das Projekt zu Wort meldet, wird die ganze Geschichte zusehends verworrener. Die zuweilen ausfransende Struktur dieser Dokumentation ist jedoch kein Makel. Allein schon der Titel "Der Gärtner, der Buddhist und der Spion" deutet an, dass es in diesem Film nicht nur um eine geradlinige Investigation über schmutzige Geschäfte mit einem todbringenden Baumaterial geht. Mit seiner ausufernden, mäandernden Struktur porträtiert Bustnes seinen Protagonisten als Prototyp des unzuverlässigen Erzählers, in dessen Geschichte Wahrheit und Lüge verschwimmen. Und so bleibt die Frage, ob Rob Moore nun ein bösartiger Betrüger oder ein ambitionierter Whistleblower ist - und wer eigentlich die Kontrolle über diese Geschichte hat und wer sie letztlich erzählt - bis zum Ende offen.