San Francisco (KNA) Was unterscheidet Geschichtsschreibung von Journalismus? Wenig, wenn es nach einem neuen Datenrettungsteam in den USA geht. Die US-amerikanischen Organisationen Internet Archive, Poynter Institute und Investigative Reporters and Editors (IRE) haben sich zusammengeschlossen, um lokaljournalistische Inhalte "als erste Zeitzeugnisse" zu archivieren und dauerhaft zugänglich zu machen. Seit dem letzten Jahr rufen sie Lokalredaktionen aus dem gesamten US-amerikanischen Bundesgebiet dazu auf, beim Programm "Today's News for Tomorrow" ("Die Nachrichten von heute für morgen") mitzumachen. Dazu gibt es ein Auswahlverfahren. Der Fokus lag hier zunächst auf lokalen Online-Nachrichtenmedien, etwa The Berkeley Scanner, The Jefferson County Beacon und Cityside. Die Redaktionen können Dienste, Werkzeuge und Infrastruktur des Internet Archives, der weltweit größten digitalen Bibliothek, für ihre Arbeit nutzen. Sie profitieren vom Wissensaustausch zum Thema, wie man lokale Nachrichten am besten archiviert. Zudem gibt es ein Portal, über das sie Ressourcen teilen und lokale Nachrichten zugänglich machen können. Journalisten würden die ersten Zeugnisse für die Geschichtsschreibung verfassen, sagt Kristen Hare in der Pressemitteilung zum Programm. Doch diese Zeugnisse drohten zunehmend, verloren zu gehen. Hare leitet die Abteilung für Handwerk und Lokalnachrichten beim Poynter Institute, einer gemeinnützigen Journalistenschule und Forschungseinrichtung aus Florida. Sie spricht ein Problem an, das angesichts des geflügelten Wortes "Das Internet vergisst nie" wenigen bewusst ist. Dass Inhalte im Internet jederzeit verfügbar seien, sehen viele als selbstverständlich an, so Hare im Gespräch mit dem KNA-Mediendienst. "Man hat uns allen gesagt, dass das Internet für immer bestehen bleibt. Das stimmt nicht. Tatsächlich ist es ziemlich fragil." Regelmäßig verschwinden Inhalte und ganze Webseiten aus dem Internet. Als weltweit größte digitale Bibliothek bewahrt das Internet Archive seit gut dreißig Jahren nicht nur Zeitungen, Bücher, Audio-Dateien und Videos, sondern archiviert auch Webseiten. Die Mission des Archivs ist nichts weniger als das Internet zu bewahren und der Öffentlichkeit langfristig zugänglich zu machen. Neben Historikern nutzen auch Journalisten, Wissenschaftler, Privatpersonen, Anwälte oder Aktivisten die Wayback Machine. Mit der können sie sich verschiedene Versionen bestimmter Webseiten und der dort veröffentlichten Inhalte anschauen, auch nachdem diese bereits von den Webseitenbetreibern gelöscht oder bearbeitet wurden. Seit einigen Monaten weht der Wayback Machine jedoch ein eisiger Wind entgegen. Medienverlage, darunter die "New York Times" aus den USA und der "Guardian" aus Großbritannien, haben damit begonnen, ihre Inhalte abzuschotten. Sie äußerten die Sorge, dass KI-Unternehmen Nachrichteninhalte für ihr Training abgreifen. KI-Unternehmen wie OpenAI machen das bereits seit Jahren und benutzen dafür sogenannte Crawling-Tools, mit denen sie massenweise Daten aus dem Internet einfahren. Mit ihrer Strategie hindern die Verlage aber nicht nur KI-Tech-Riesen am Zugriff, sondern auch alle, die Online-Inhalte archivieren wollen, wie das Internet Archive. "Das sei so, als würden Zeitungsverlage Bibliotheken nicht erlauben, Exemplare ihrer Zeitungen aufzubewahren", verurteilt die US-amerikanische Nichtregierungsorganisation Electronic Frontier Foundation das Vorgehen der "NYT" und anderer Medienhäuser. Dass Inhalte massenhaft verschwinden, bezeichne der Journalist Neil Mara als "Katastrophe in Zeitlupe" ("slow motion disaster"), so Hare. Mara beschäftigt sich seit vielen Jahren mit digitaler Archivierung und führte dazu ein Forschungsprojekt am Reynolds Journalism Institute in den USA durch. Zusammen mit anderen Autoren verfasste er zudem für die Universität Missouri eine Studie zu den Hindernissen der Langzeitarchivierung mit dem Titel "The State Of Digital News Preservation" ("Wie es um die digitale Archivierung von Nachrichten steht"). Es müsse nur ein Festplattenlaufwerk oder eine Datenbank ausfallen, die Stromversorgung unterbrochen werden oder ein Server beschädigt sein, damit Nachrichten- und Rechercheinhalte oder auch Metadaten verloren gehen. Diese Gefahren hätten mit der Umstellung der Redaktionen auf digitales Publizieren eingesetzt. Doch bestünden nicht nur technische Unwägbarkeiten, so Hare. Häufig würden Redaktionen Artikel nachträglich bearbeiten, ändern oder ganz entfernen. Dahinter stecke etwa, dass Redaktionen von anderen Eigentümern übernommen werden. Zudem gebe es in einigen Fällen "Druck von außen, Artikel zu löschen". Das führe sogar dazu, dass teils offizielle Stellen leugnen, dass gelöschte Inhalte jemals existiert hätten. Hare dürfte dabei vor allem Donald Trumps Feldzug gegen US-amerikanische Medienverlage im Sinn haben. Regelmäßig wirft er ihnen Korruption und linksgerichtete Meinungsmache vor und hat bereits mehrfach öffentlich-rechtlichen Sendern damit gedroht, ihnen die Finanzierung zu streichen. Trump hat verschiedene Medien, nicht nur in den USA, wegen vermeintlicher Ungenauigkeiten oder Voreingenommenheit verklagt. Dazu zählt etwa auch das britische Medienhaus BBC. Für große Schlagzeilen sorgte Trumps Einfluss auf die Talkshow "Jimmy Kimmel Live!". Auf Druck des Präsidenten wurde sie am 17. September 2025 nicht ausgestrahlt. Nicht zuletzt, um diesen Widrigkeiten etwas entgegenzusetzen, habe sich das Internet Archive an Poynter und IRE gewandt. "Natürlich haben wir alle diese Gelegenheit sofort ergriffen", sagt Hare. Zusammen mit ihren Kollegen will sie lokalen Redaktionen dabei Starthilfe geben, ihre digitalen Archive zu sichern. Dabei beraten sie Redaktionen, wie sie Archive anlegen und dauerhaft bewahren und suchen nach Partnern in den jeweiligen Städten, die die Archivierung unterstützen. Gerade Gemeinden könnten davon profitieren. Denn Lokalredaktionen berichten über Ereignisse, die in überregionalen Medien in der Regel nicht vorkommen. "Was in unseren Gemeinden geschieht - von Geburten und Todesfällen bis hin zu Wahlen und Entscheidungen von Bürgermeistern und Stadträten - ist heute von Bedeutung und muss für alle auch in Zukunft zugänglich sein", so Hare. In den kommenden zwei Jahren wollen die drei Organisationen 300 Redaktionen dazu bewegen, sich dem Programm anzuschließen. Press Forward, ein gemeinnütziger Zusammenschluss von über 20 Sponsoren, die sich seit 2023 finanziell für den lokalen Journalismus in den USA einbringen, finanziert das Programm für diesen Zeitraum. Mit "Today's News for Tomorrow" unterstütze Press Forward ein nationales Großprojekt, das Redaktionen und Gemeinden lange zugute kommen werde, so die Organisation.