Geld, Glanz, Glamour, ungeil - ARD-Dokusoap über Stars und Sternchen auf Mallorca

Von Jan Freitag (KNA)

DOKUSOAP - Die Dokusoap "Me, Myself, Mallorca" lässt den Turbo-Hedonismus ihrer Protagonistinnen leider unkommentiert und erklärt das auch noch mit weiblicher Anspruchslosigkeit.

| KNA Mediendienst

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"Me Myself Mallorca"

Foto: Autentic/Spiegel TV/NDR/SWR/KNA

Bonn (KNA) Prestige, Geltungsdrang, Autorität, gar Macht - all dies sind wechselwirksame Eigenschaften einflussreicher Leute. Im Quintett bilden sie obendrein eine Superkraft, die Prestige, Geltungsdrang, Autorität, Macht und Wohlstand nochmals steigert und zu entsprechendem Selbstbewusstsein führt. "Wenn man mich kennenlernt", sagt eine Frau, die alles hat, "gibt's eigentlich kein Nein mehr". Weder von Konkurrenten noch Kunden oder ihren zwei Kindern. Und am wenigsten offenbar vom SWR. Gemeinsam mit dem NDR und Spiegel TV nämlich hat er Rossitza, so heißt die zitierte Immobilienmaklerin, eine Kanzel errichtet, von der sie sich und ihren Beruf sechs Folgen lang heiligspricht. Titel der Predigt: "Me, Myself, Mallorca". Und sie wird nicht nur von der 50-Jährigen gehalten, die nach eigener Einschätzung "alle meist wesentlich jünger" einschätzen - "und zwar eigentlich immer". Porträtiert werden fünf deutsche Frauen, die auf der spanischen Insel nicht viel suchen, aber das im Überfluss: Geld, Glanz, Glamour und 'ne geile Zeit. Ein Vierklang, der wie gemalt ist für eine Doku-Soap, das Genre voyeuristischer Nabelschau schlechthin. Der Duden definiert sie als "seriellen Sachbericht", der mit einem "teilweise inszenierten Ablauf bewusst unterhaltsam oder anrührend gestaltet" wird. Mal abgesehen davon, dass mittlerweile selbst Arte-Reportagen wie Action-Filme klingen, gibt es bei Dokusaops durchaus Licht und Schatten. "Me, Myself, Mallorca" jedoch, vom SWR werbewirksam "MMM" abgekürzt, bündelt in sechs Dreiviertelstunden alles, was dieses Metier so fürchterlich macht. Präsentiert werden nämlich fünf Prachtexemplare einer hedonistischen Konsumgesellschaft, die Planet und Gesellschaft zwar gerade mit Vollgas gegen die Wand fahren, aber halt mächtig Spaß dabei haben. Rossitza zum Beispiel verkauft Luxusvillen als Zweit- bis Zwölftwohnsitz an Superreiche. Wenn die danach rund 350 Tage im Jahr leer stehen, bewahrt sie Johannas Concierge-Service mit Putz- und Gärtnerkolonnen sorgfältig vorm Verwittern. In einer davon versucht sich die wohlhabend verwitwete Popart-Künstlerin Natalie als Partyveranstalterin. In anderen organisiert die Wedding-Planerin Annika rauschende Ballnächte. Drei Steuerklassen tiefer arbeitet nur das Schlagersternchen Malin noch am Aufstieg in lukrative Hit-Sphären, ist am Ende der Serie aber auf dem besten Weg dorthin. Alle fünf sind folglich Dienstleisterinnen am bedingungslosen Hedonismus anderer, der auch sie selbst idealerweise vermögender macht als ohnehin. Gut, ließe sich einwenden - so funktionieren Boulevard- und Lifestyle-Magazine aller Kanäle seit Jahren. Von einem öffentlich-rechtlichen Anbieter allerdings hätte man sich dennoch mehr Distanz gewünscht. Nicht nur, dass die Kameras der Produzentinnen Nina Kuhne-Velte (Spiegel TV) und Stephanie Bublitz (Authentic) geschlagene 22 Sekunden auf Natalies verheultes Gesicht zoomen und Geigensoße drüber kippen, als sie vom Tod ihres Mannes erzählt. Auch im Subtext fehlt jede Kritik am ausschweifenden Lebensstil dieser Vielfliegerinnen mit Shoppingfimmel. Um deren "Deutungshoheit über ihr Bild nach außen" zu wahren, sagt SWR-Sprecherin Claudia Lemcke, "verzichten wir bewusst auf Off-Text". Eigentlich kein Problem. Sofern die mangelnde Selbstreflexion aller Beteiligten durch Blicke über den Tellerrand einsortiert würden. Gewöhnliche Menschen ohne begehbare Kleiderschränke in Sichtbetonvillen kommen nur in Gestalt grundsatzbesoffener Ballermann-Touris oder in zwei Reinigungskräften aus Johannas Team vor, das die "Powerfrau" (SWR) garantiert nicht nur für die Kameras am Wischmobb unterstützt. Anders als in vielen der Blaulicht-Formate, die das Erste vornehmlich in seine Mediathek stellt, wolle MMM laut Lemcke "einen leichteren Ton anschlagen", der bewusst "weibliche Zielgruppen anspricht". Falls das im Umkehrschluss bedeutet, Frauen seien mit der rauen Wirklichkeit einer drastisch überlaufenen Ferieninsel vorm Wasserkollaps überfordert, sollte die ARD aber vielleicht doch noch mal an ihrem Geschlechterbild arbeiten. Seit der WDR am 13. Februar 1990 erstmals in die Kölner Etagenwohnung von Fred, Annemie und Frank Fußbroich filmte, hat sich das einst unschuldige Metier der Dokusoap radikal verändert. Besonders RTL2 und Sat.1 haben solche Milieustudien zur tendenziell niederträchtigen Form der Armutspornografie deformiert. Davon sind ARD und ZDF zum Glück noch mindestens zwei Staatsverträge entfernt. Nach einer Phase Living History genannter Geschichtssimulationen à la "Schwarzwaldhaus 1900" dominieren dort zudem unverdrossen eher tierische ("Elefant, Tiger & Co") als menschliche ("Metal Kreuzfahrt") Dokusoaps. Dennoch zeugt "Me, Myself, Mallorca" von einer bedenklichen Entwicklung hin zur Banalisierung soziokultureller Unterschiede. In Zeiten der Spaltung aller Sphären ist das vielleicht ein bisschen zu hedonistisch, um noch unterhaltsam zu sein. Wenn die standesbewusste Rossitza ihr Menschenbild mit den Worten "am Ende des Tages sind zwei Bosse einer zu viel, eine Leader-Position ist wichtig, überall" ausdrückt, würde man sich da doch einen wertenden Off-Sprecher wünschen. Komplett unkommentiert sind Geld, Glanz und Glamour allein halt doch eher ungeil.

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