München (KNA) Die Wahrheit ist umkämpft wie nie. Corona, Ukraine-Krieg, Nahostkonflikt, Klimawandel - nichts scheint schwieriger, als sich einig zu werden bei den großen Themen unserer Zeit. Doch leben wir deshalb in einer Post-Truth-Society, in der nur Gefühle und persönliche Überzeugungen zählen? Hat die Wahrheit wirklich ausgedient? Das Gegenteil ist der Fall, sagt Rob Wijnberg. Nur die Funktion von Wahrheit habe sich verändert. Statt Gemeinschaft zu stiften, erzeuge sie heute Spaltung. Entscheidend sei deshalb, ihre Rolle wieder neu zu bestimmen. Und das ist möglich! Denn nie ging es bei der Wahrheit nur um reine Fakten oder die nachprüfbare Beschreibung der Wirklichkeit. Wahrheit hatte immer auch die Aufgabe, einen gemeinsamen Blick auf die Welt zu erzeugen, wie der niederländische Journalist in seinem fulminanten Rückblick auf zweitausend Jahre Menschheitsgeschichte zeigt. Angefangen in der vormodernen Zeit, als Wahrheit etwas war, das die Menschen schlicht als gegeben hinnahmen - vermittelt vom Christentum oder von Denkern wie Platon. Das unhinterfragte Versprechen: die Erlösung im Jenseits. In der Moderne dagegen galt die Wahrheit als (wissenschaftlich) objektivierbar und als Chance, mit ihrer Hilfe gesellschaftlichen Fortschritt zu erzielen. In dieser Zeit wurden auch Institutionen wie der Nationalstaat, der klassische Liberalismus oder die Sozialdemokratie geboren, die für soziale Errungenschaften einstand. In der Postmoderne dann wandelte sich Wahrheit "zur eigenen Entscheidung". Ihre gesellschaftliche Funktion hier: Sie einzusetzen für die individuelle Emanzipation. Was bei all dem immer gleich blieb: Der Wandel von Wahrheit führte im Westen stets zu mehr Wohlstand und zu mehr Freiheit für den Einzelnen. Doch was ist passiert, dass dieses Prinzip nicht mehr greift und Wahrheit inzwischen so destruktiv wirkt? Rob Wijnberg erklärt dies mit einer Entwicklung, die wie ein "roter Faden" von Anfang an sichtbar war. Wahrheit sei immer mehr zum Privatbesitz des Individuums geworden und drehe sich mittlerweile zunehmend um das "Ich". Ein gefundenes Fressen für die kapitalistische Verwertung! Anschaulich beschreibt der Journalist, wie Wahrheit zum Konsumgut geworden ist, das sich jeder maßschneidern kann - befeuert vom Markt der Selbstoptimierung, von neoliberalen Politikern und profitorientierten (sozialen) Medien, die auf Schlagzeilen setzen statt auf Zusammenhänge. Auf der Strecke geblieben sei die "gesellschaftliche Vision". Detailliert zeigt er, welche Verantwortung dabei den klassischen Medien zukommt. Etwa, wenn sie in ihrer Berichterstattung viel zu oft unreflektiert die Botschaften von Populisten aufgreifen, weil diese reißerische Nachrichten lieferten. Das Ergebnis: wachsendes Misstrauen gegenüber demokratischen Institutionen, der Wissenschaft und dem Journalismus selbst. Diese Art der Aufmerksamkeitsökonomie generiere ein (journalistisches) Produkt, das die Bürger zwar immer wütender, die Welt aber nicht verständlicher mache. Wie destruktiv und sinnentleert dies sein kann, demonstriert Rob Wijnberg, der als Chefredakteur der investigativen Nachrichtenplattform "de Correspondent" arbeitet, am Beispiel von "Nieuwsuur". Das Format gilt als eine der besten aktuellen Fernsehsendungen in den Niederlanden und steht für Reportagen, Analysen und substanzielle Interviews. Selbst hier sieht Wijnberg den "Misstrauensmechanismus in Aktion" - in einem Interview etwa, das während des Wahlkampfs 2021 mit dem Vorsitzenden der christdemokratischen Partei CDA, Wopke Hoekstra, geführt worden ist. Wijnbergs Analyse des Gesprächs zeigt: Nur dem Anschein nach ging es darin um kritisches Hinterfragen. In Wirklichkeit hatte der Moderator "Kritik und Zynismus" miteinander verwechselt. Etwa, indem er sich nicht auf Inhalte bezog, sondern gleich zu Beginn in mehreren Fragen die christliche Einstellung Hoekstras in Zweifel gezogen und damit den Ton für das gesamte Interview gesetzt hat. Problematisch sieht Rob Wijnberg auch die "institutionalisierte Amnesie des Journalismus", also das Verschweigen von Zusammenhängen. Sie erzeuge eine fragmentarische Wahrnehmung der Wirklichkeit, weil auf diese Weise der größere Kontext, in dem Ereignisse stünden, übersehen würde. Besonders gravierend wird dies, wenn es um Anschuldigungen an die Politik oder öffentliche Institutionen geht, wie er an einem Fall aus der Corona-Pandemie zeigt. Damals gab es Kritik am niederländischen Institut für Öffentliche Gesundheit, die von den Medien kommuniziert wurde, ohne dass diese eingeordnet worden sei. Wijnberg mahnt hier die "fehlende Grundlinie" an, die Redaktionen bräuchten, um Vorwürfe zu untermauern. Umso wichtiger ist es, dass die Medien - neben anderen demokratischen Einrichtungen - ihrer Verantwortung (wieder) gerecht werden und die Entstehung einer neuen gesellschaftlichen Perspektive unterstützen. Denn Rob Wijnberg nennt den Westen auch eine "Post-Progress-Society", die den Glauben an den kollektiven Fortschritt verloren hat. Und fordert eine neue Erzählung, die individuellen Wohlstand und Gemeinschaft zusammendenkt. Dass dies möglich ist, davon ist der Journalist überzeugt. Denn im Wesen sei der Mensch kooperativ und fürsorglich - Studien, die er dazu anführt, belegen dies auch. Doch auch wenn er Vorschläge für einen besseren Journalismus macht, lässt Wijnberg offen, wie dieses Umdenken angesichts von zunehmendem Populismus und der ungeheuren Medien-Macht der sozialen Plattformen strukturell umgesetzt werden kann. Sein mahnender Essay ist aber so schlüssig und überzeugend, dass er dazu einlädt, über genau dieses Wie verstärkt nachzudenken.