Leipzig (KNA) Nicht wenige Fans von "In aller Freundschaft", der 1998 gestarteten ARD-Krankenhaus-Weekly, sind in diesen Tagen und Wochen traurig. In dieser Woche lief die letzte Folge mit Annett Renneberg. Die Darstellerin war rund neun Jahre lang als Ärztin Prof. Dr. Maria Weber zu sehen. In der in dieser Woche ausgestrahlten Episode hatte sie ihren letzten Auftritt - er war von Seiten der Produktion lang vorbereitet und ist von Fans heiß diskutiert. "Tatsächlich denken wir schon seit Jahren über diese Geschichte nach. Immer wieder haben wir uns gefragt, ob wir den Mut haben, eine so radikale Entscheidung zu erzählen", sagt Produzentin Inka Fromme von der herstellenden Firma Saxonia Media. Was also bewegt die fiktive Sachsenklinik in diesen Tagen? Die langjährige Serienfigur erkrankt an einem bösartigen Tumor, behält die niederschmetternde Diagnose zunächst aber für sich. "Solange sie kann, möchte sie ihrer Familie und vor allem ihrem Sohn ein unbelastetes Leben ermöglichen. Im Kern geht es um Verantwortungsübernahme: Maria hatte gedacht, sie hätte noch mehr Zeit auf Erden - doch das ist nicht so. Sie hat jedoch vorgesorgt und eine Patientenverfügung verfasst", sagt Fromme. Ein weiterer Kniff des Autorenteams: "Ihren Lebensgefährten wollte sie allerdings nicht mit dem Überbringen ihrer schweren Entscheidung belasten. Deshalb hat sie die Verfügung einem Kollegen anvertraut." Das birgt weiteres Konfliktpotenzial, denn obwohl die Klinikleitung die Medizinerin schon für tot erklärt hat, will ihr Mann, dem sie zwischenzeitlich das Ja-Wort gab, das Schicksal nicht annehmen - und führt ihren Zustand eher auf einen Unfall zurück, den die Ärztin kurz zuvor hatte. Mit dem Abschalten der Maschinen nach dem festgestellten Hirntod erzählt "In aller Freundschaft" ein immer aktuelles Thema. "Uns ist bewusst, dass fiktionales Erzählen eine große Kraft hat und viel bewirken kann", sagt Franka Bauer, die in der MDR-Redaktion für die Krankenhaus-Weekly verantwortlich ist. Dass Maria Webers Tod ein über eine Patientenverfügung selbstbestimmtes Sterben ist, sei ein "Entschluss, der aus ihrer Perspektive als Akt von Würde und Kontrolle dargestellt wird", so Bauer. Die Erzählweise rund um Webers Tod lasse "die Zuschauerinnen und Zuschauer nah an ihren inneren Konflikten, Ängsten und Hoffnungen teilhaben, ohne ihre Entscheidung zu bewerten", meint Bauer; "gerade diese subjektive Darstellung macht das Thema so berührend - und zugleich so brisant". In den sozialen Netzwerken werde bereits intensiv diskutiert: Ist das ein Ausdruck von Selbstbestimmung und persönlicher Freiheit - oder sendet es ein falsches Signal? "Eine klare Antwort gibt die Serie nicht. Stattdessen regt sie dazu an, über Autonomie, Verantwortung und Mitgefühl nachzudenken", sagt die Redakteurin. Und ein bisschen will sich "In aller Freundschaft" auch als Hinweisgeber verstanden wissen. Die Serie solle die Möglichkeit zeigen, sagt Produzentin Fromme, "dass es nicht immer zwingend die engsten Angehörigen sein müssen, denen man eine Patientenverfügung anvertraut - und damit auch die Verantwortung überträgt. Dr. Ilay Demir rutscht in unserer Geschichte eher zufällig in diese Rolle, weil er erkennt, dass Maria ihre Diagnose verschweigt." In ihrer fast 30-jährigen Laufzeit hat sich die ARD-Klinikserie schon mehrfach mit kontrovers diskutierten Themen auseinandergesetzt. Bauer verweist auf Erzählstränge rund um assistierte Sterbehilfe, Gewalt gegen Rettungskräfte oder Triage, also die Entscheidung im Katastrophenfall, wer bevorzugt behandelt wird und wer nicht. "Als Unterhaltungsserie bewegt sich 'In aller Freundschaft' dabei im Spannungsfeld zwischen leichtfüßiger Erzählweise und inhaltlicher Tiefe. Zwar steht in jeder Episode ein medizinischer Fall im Mittelpunkt, doch dramaturgisch müssen die Folgen keinem starren Muster folgen. Dieser Spielraum erlaubt es, innerhalb des Formats beweglich zu bleiben und Geschichten auch genreübergreifend zu erzählen", so Bauer. Für die Serienmacher ist die aktuelle Geschichte aber durchaus ungewöhnlich. Das sieht auch die Produzentin Inka Fromme so. "'In aller Freundschaft' ist ein Wohlfühlformat, das aus einer Mischung von Eskapismus und Realität besteht", sagt sie. Klar sei aber auch: "Zur Realitätsnähe einer Krankenhausserie gehört auch, dass nicht alle Patienten geheilt werden können. Krankheiten können außerdem auch Ärzte treffen. Unsere Figur Maria Weber hatte bereits zuvor in der Serie einen Gehirntumor - und natürlich steht damit auch die Frage nach einem möglichen Rezidiv im Raum. Letztlich war es eine erzählerische Entscheidung, unseren Zuschauern eine Geschichte zu zeigen, in der eine unserer Ärztinnen nicht überlebt." Wie bei allen Geschichten, die im ARD-Dienstagsformat erzählt werden, gab es auch diesmal sechs medizinische Prüfungsstufen. "Unsere Experten werden zu unterschiedlichen Zeitpunkten eingebunden - zunächst beim Aufsetzen der Geschichte, wenn es um das Krankheitsbild geht, später immer wieder, unter anderem bei der praktischen Umsetzung. Wichtig ist uns außerdem der Austausch mit den Schauspielenden. Wir möchten niemandem zumuten, etwas zu spielen, hinter dem er nicht stehen kann", sagt Fromme. Vertreter der Kirche seien in den Entwicklungsprozess nicht eingebunden gewesen, dafür habe man sich aber ausführlich mit dem Thema Organspende und den Aufgaben des Ethikrates auseinandergesetzt. Denn, und das ist jetzt schon in der ARD-Mediathek zu sehen: Figur Maria Weber wird ihre Organe spenden. "Ihr Sterben zu erzählen, bedeutet daher auch, Raum für Abschied zu schaffen: für Trauer, Erinnerung und Würdigung. Gerade weil eine Figur für viele "wie Familie" ist, erfordert ihr Abschied besondere Sorgfalt - erzählerisch wie emotional", sagt Bauer. Als vor einigen Monaten die letzten Szenen mit Annett Renneberg gedreht wurden, sei es außerordentlich emotional gewesen, erinnert sich Inka Fromme. "Nach der letzten Einstellung wurde geweint - und anschließend applaudiert. Im gesamten Team war ein großer Respekt vor der künstlerischen Leistung von Annett Renneberg zu spüren. Das hat uns alle sehr bewegt." Um die Zuschauer aber nicht zu sehr zu belasten, wird die tragische Geschichte rund um den Tod Webers neben anderen Storys erzählt. Inka Fromme spricht in diesem Zusammenhang von einem "Dreiergedeck", denn "parallel erzählen wir die Rückkehr der Tochter von Dr. Roland Heilmann und feiern das 25-jährige Jubiläum von Arzu Bazman. Uns war wichtig, die Gewichtung innerhalb der Folgen auszubalancieren und auch positive Themen in diesen Wochen zu zeigen." Prägend ist aber ohne Zweifel die Geschichte rund um den selbstbestimmten Tod. "Wir merken jedoch deutlich, wie sehr der Abschied von Maria die Zuschauer bewegt", sagt Fromme und ergänzt: "Auf Instagram haben wir innerhalb weniger Tage rund 4.000 neue Follower gewonnen, die ihre Gedanken und Erfahrungen teilen möchten. Viele berichten auch von eigenen Erlebnissen mit solchen Krankheiten. Es ist gut, dass dadurch Gespräche entstehen. Deshalb halten wir diese Geschichte auch für zumutbar."