Berlin (KNA) Dokumentarfilme im langen, früher "abendfüllend" genannten 90-Minuten-Format werden nicht mehr allzu oft produziert. Puristen bedauern das nicht zu Unrecht, weil die Zeit fehlt, in komplexe Themen einzuführen. Hintergründe zu analysieren und dafür eine eigene Bildsprache zu entwickeln. Von daher verdient der als "dokumentarischer Wirtschaftsthriller" angekündigte 90-Minüter "Holt - Der Windkraft-Schwindler" in jedem Fall volle Aufmerksamkeit. Zu sehen ist ein noch junger Mann, der sich gut gekleidet in einer Limousine chauffieren lässt. Der stilvoll speist, gerne redet und sich dabei ziemlich gewählt ausdrückt. Eine Bruchstelle springt aber sehr bald ins Auge: Eigentlich sitzt Hendrik Richard Holt noch im Gefängnis, in der JVA Heidering bei Berlin. "Alle Szenen mit Hendrik Richard Holt wurden im Verlauf des Jahres 2025 während seiner Ausgangszeiten aus dem Gefängnis gedreht", liest man dann in einem Textinsert. Wegen Betrugs verbüßt Holt derzeit noch eine, wie er selber sagt, "fast neun Jahre" lange Haftstrafe. Wie es dazu kam, ist logischerweise das zentrale Thema des Films. Holt selbst und sein Umfeld, eine Großmutter und eine junge Frau, die inzwischen seine Ehefrau ist, äußern sich, daneben Staatsanwälte und Journalisten aus dem nordwestdeutschen Raum. Als Spross einer Unternehmerfamilie aus Haselünne im katholisch geprägten Emsland hatte sich der sehr junge Mann in den 2010er Jahren als erfolgreicher Windenergie-Unternehmer inszeniert und tatsächlich viel Furore entfacht. 2020 firmierte Holt gar als Sponsor der Münchener Sicherheitskonferenz und konnte sich so neben wichtigen Politikern präsentieren. Doch waren da bereits Ermittler durch eine offenbar gefälschte Unterschrift aufmerksam geworden - und Holt und seinem betrügerischen System auf den Fersen. Obwohl er Andorra zum Wohnsitz gewählt und sich um Diplomatenpässe aus Zimbabwe bemüht hatte, wurde er am 17. April 2020 als Gast des Hotels Adlon in Berlin verhaftet. So weit, so interessant. Was der 90-minütige Film dann aber zusammenträgt, beginnt bald zu langweilen. Äußerst ausführlich redet vor allem Holt. Ob es viel Aussagekraft besitzt, dass sein Großvater ihn einst als Achtjährigen einen Fuchs erlegen ließ, kann und sollte man sich allerdings fragen. Vor allem aber stellt sich die Frage, ob es zur Erkenntnis oder Resozialisierung beiträgt, wenn Holt während seiner Haftzeit für einen Dokumentarfilm mit Jagdgewehr auf einem Hochsitz posiert und sein Auge wie im "Tatort"-Vorspann zu sehen ist. Wenig erfährt man über Holts konkrete Betrügereien, gar nichts über Geschäfte mit Energiewende-Projekten unter wechselnden politischen Vorgaben - und auch die Windkraft an sich bleibt blass. Dabei ruft sie doch fast überall, wo sie erzeugt werden soll, heftige, unterschiedliche Reaktionen hervor. Holt selbst kann Windräder eigentlich nicht leiden, sagt er im Film. Und schiebt mit dem ihm eigenen ungebremsten Hang zur Arroganz nach, dadurch, dass seine Projekte ja gar nicht realisiert wurden, habe er denen, die dagegen protestiert hatten, sogar einen Gefallen getan. Auch die übrigen Gesprächspartner, Rechercheure und Ermittler, tragen mit dem, was sie im Film erzählen, leider wenig zu größerem Erkenntnisgewinn bei. Dafür geht es viel um ihre damaligen Reaktionen: Sie seien einst so sehr überrascht gewesen, dass sie dachten, das könne doch nicht wahr sein. Da verschenkt "Holt - Der Windkraft-Schwindler" Chancen. Erfolgsmeldungen über seine Firmen, die damals in der Presse erschienen und jetzt im Film als Ausrisse zu sehen sind, liefen sichtbar unter dem Kürzel "pm" - es waren ungeprüft veröffentlichte Pressemitteilungen. Sie seien in vielen Zeitungen gelaufen, sagen Reporter von der lokalen "Neuen Osnabrücker Zeitung". Doch das viele Medien betreffende Problem, dass kostenlos bereitgestelltes PR-Material sich aus Gründen von Personaleinsparungen ungeprüft in der redaktionellen Berichterstattung ausbreitet, beschäftigt den Film nicht. Dagegen bekommt ein leidlich unterhaltsamer Selbstdarsteller eine große und breite Bühne, der beim Posieren mit Reichtum vor einem halben Jahrzehnt seiner Zeit vielleicht leicht voraus war und diese Fähigkeit auch als Häftling noch hochhält. Das liegt auch am eigentlich sympathischen Ansatz des Films, auf einen erklärenden, alles einordnenden Off-Kommentar zu verzichten: Als Folge gibt die Doku Holts Perspektive und Narrativ umso mehr Raum. Seine Erzählungen enden denn auch keineswegs mit dem Prozess und der Verurteilung 2022, sondern schildern dann auch noch den für Nicht-Verwandte mäßig spannenden Streitpunkt, ob er beim Heiratsantrag in der Zelle wirklich auf die Knie fiel oder nicht. Ob er insolvent ist oder aber doch noch über verstecktes Vermögen verfügt, wie er andeutet, lautet eine andere, deutlich wichtigere offene Frage. Die Ermittler wollen das im Blick behalten, wenn Holt demnächst freigelassen wird. Das macht Sinn. Genauso, dass die Doku nicht in dieser Form fortgesetzt wird, falls auch eine Weiterschreibung geplant sein sollte.