Kenia oder Köln? Hauptsache Qualität! - Georg Restle moderiert zum letzten Mal "Monitor"

Von Jan Freitag (KNA)

PORTRÄT - Nach 30 Jahren "Monitor" wechselt Georg Restle ins ARD-Studio Nairobi. Eine Strafversetzung sei das nicht, sagt der 60-Jährige. Doch nun verlässt ausgerechnet die haltungsstärkste Stimme des WDR das Land. Ein Porträt.

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Georg Restle

Foto: Ben Knabe/WDR/KNA

Köln (KNA) Silvester 1999, diese Erinnerung muss sich Ostern 2026 erst mühsam durchs krisenwunde Gehirn winden, hatten die Deutschen trotz lauer Konjunktur noch keine kollektiven Ängste. Weder vor Krieg und Katastrophen noch Bankencrashs oder Geldentwertung, von Corona oder Donald Trump ganz zu schweigen. Das neue Jahrtausend, es leuchtete so verlockend am Horizont der digitalen Epoche, dass ihn nur ein "Millennium-Bug" genannter Rechenfehler verdunkelte. Als die Uhren um Mitternacht aber doch auf 2000 statt 1900 sprangen, bereitete sich der talentierte Fernsehjournalist Georg Restle auf normale Arbeitszeiten vor. Welch ein Trugschluss! Kaum nämlich, dass er bald darauf Redakteur des ebenso verehrten wie verachteten WDR-Magazins "Monitor" wurde, trat die Welt ringsum in einen Ausnahmezustand, der bis heute tobt - und gewiss nicht endet, wenn sein Leiter an diesem Donnerstag das Weite sucht. Das sehr, sehr Weite sogar. Mitte Juni übernimmt Georg Restle die Leitung des ARD-Studios in Nairobi. Von Köln nach Kenia also, von einer Institution des öffentlich-rechtlichen Magazinjournalismus' an dessen Peripherie - klingt durchaus ein wenig nach Abschiebung, Altenteil, Abstellgleis. Die Echoräume Sozialer Medien wittern sogar eine Strafversetzung, wegen Restles klarer Haltung auch im Programm. Nichts von alledem, betont Georg Restle in dieser samtweichen Fernsehstimme, treffe auch nur ansatzweise zu. Im Gegenteil: Es sei sein eigener Wunsch gewesen, mit dem Pensionsalter vor Augen einen "anderen, weniger eurozentrischen Blick" auf die Welt zu kriegen, sagt der heute 60-jährige Restle. Aus einer Weltgegend zumal, in der er mit weitaus jüngerem Körper und Geist schon mehrfach als Korrespondent tätig war. Und überhaupt, fragt Restle im Brustton seiner ehernen Werte: Folgt diese Kategorisierung eines afrikanischen Arbeitsplatzes nicht auch wieder genau jenem (neokolonialistischen) Rassismus, den er zeitlebens bekämpft hat? Wer seinen Umzug keinen Moment für einen Abstieg hielt, werfe den ersten Stein. Dabei ist das ostafrikanische ARD-Studio für 40 Länder zuständig, also mehr noch als andere Mehrländer-Stützpunkte in Brüssel, Rio, Singapur oder Kairo. Logistisch, kulturell und zeitlich wartet auf Restle knüppelharte, hochkomplexe Arbeit. Nichts für Anfänger also. Wer dem ideellen Urenkel tadelloser Ahnen wie Claus Hinrich Casdorff oder Gerd Ruge eher vertraut als tendenziösen Agenda-Accounts und Sachverstand mehr als dem Schaum vorm Mund seiner hasserfüllten Feinde - der dürfte daher keinen Zweifel an Restles Autonomie in Sachen Karriereplanung hegen. Seit der schwäbische Publizist sein juristisches Staatsexamen um ein WDR-Volontariat ergänzt und 1996 erstmals fürs zweitälteste ARD-Politmagazin nach dem in rechtskonservativen Kreisen ähnlich beliebten "Panorama" gearbeitet hat, ist er zum Fels in der Brandung zusehends radikaler Systemgegner geworden. Schon 1965 stand die "Monitor"-Redaktion unter Beschuss. Nur hießen die Anstoß nehmenden Objekte der Berichterstattung da noch Franz-Josef Strauß (CSU) oder Herbert Wehner (SPD) und pflegten so etwas wie Debattenkultur. Doch als Restle ab 1996 zunächst als freier Mitarbeiter für das Magazin unter der Leitung von Klaus Bednarz anheuerte, 2000 Redakteur wurde und nochmal 12 Jahre später Sonia Mikich als "Monitor"-Chefin ablöste, wuchs der gewohnte Gegenwind zum großen Sturm. Zu einem "digitalen Unwetter", wie Restle 2018 in seinem "Plädoyer für einen werteorientierten Journalismus" bilanzierte. Da war die politisch sorgsam ausgeweidete Kölner Silvesternacht, die den Mythos der Neutralität endgültig entzauberte, gerade drei Jahre her. Berichterstattende sollten wie er selbst zwar "keiner Partei und keiner sonstigen Interessenvertretung" angehören und dabei "unabhängig und unbestechlich" bleiben sowie "der Versuchung widerstehen, bedeutend sein oder geliebt werden zu wollen". Haltung sei aber nicht nur erlaubt, sondern gehöre dazu. Denn Hanns Joachim Friedrichs' Satz von der guten Sache, mit der sich ein Journalist nicht gemeinmachen dürfe, werde stets gern verkürzt zitiert und so als Zwang zur Haltungslosigkeit fehlinterpretiert. Und das übrigens, so Restle, nicht selten ganz bewusst. Auch Restle will sich daher keinesfalls treiben lassen, "schon gar nicht von Gesinnungen", wie er dem Medienportal DWDL versichert. Von rechts oft als Linksextremist gescholten, steht der selbsterklärte Humanist vielmehr für journalistische Rauflust und geht keinem Streit aus dem Weg. Wenn das nationalliberale Herrenmagazin "Cicero" bei Restle "geistige Diarrhoe" diagnostiziert oder behauptet, der WDR-Mann lege "zugunsten des eigenen Sendungsbewusstseins die Axt an die Wurzel der Pressefreiheit", sind das für "Monitor" und Restle nach eigenem Selbstverständnis demnach keine Wirkungstreffer, sondern Ritterschläge. Wenn Georg Restle wie nach einem AfD-kritischen Kommentar 2019 Morddrohungen erhält, wird sein Rückgrat wider den Neutralitätswahn jedoch heikel. Beruflich sei ihm Angst zwar ebenso fremd wie Panik, sagte er, kurz nachdem der WDR (nicht Restle) damals Anzeige gegen unbekannt erstattet hatte. "Wenn wir uns einschüchtern ließen, hätten die Angstmacher schon gewonnen." Trotzdem erhöhe die Brutalität digitaler Hassbotschaften seine Aufmerksamkeit. Ob das auch aus Rücksicht auf Angehörige geschieht, ist unbekannt. Sein Privatleben hütet Restle wie anonyme Hater ihre IDs. Was er in seinen Koffer nach Kenia packt, bleibt daher bis auf Fandevotionalien des SC Freiburg sein Geheimnis Was seine Kritiker vom Umzug halten, ist dagegen so deutlich wie weithin zu hören. "Auf Nimmerwiedersehen", titelte das Verschwörungsportal "Nius" von Julian Reichelt über den Ortswechsel seines Intimfeinds. Ungeachtet dessen wird Georg Restle auch in Afrika Haltung zeigen; "multiperspektivisch", das ist ihm wichtig. "Wer behauptet, das öffentlich-rechtliche Angebot sei inklusive aller Radiowellen und TV-Kanäle einseitig, kennt es nicht", bestreitet er Vorwürfe, der öffentlich-rechtliche Rundfunk neige nach links. Aber natürlich gibt es Repräsentationsdefizite, sagt Restle. Bei der "Abbildung migrantisch geprägter Lebenswelten unserer Gesellschaft, sowohl was die Berichterstattung, als auch unser Personal betrifft", bestehe erheblicher Nachholbedarf. Georg Restle wird ihn künftig 6200 Kilometer südöstlich decken. Köln oder Kenia? Hauptsache Qualität!

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