Bonn (KNA) "Ich bin eine unbesetzte Seele und gehöre niemandem". Das behauptet die Schauspielerin Marleen Baumann (Jeanette Hain). Das klingt sehr selbstbewusst und ist doch nur die halbe Wahrheit, denn "im Moment ist es für eine Frau in dieser Welt besser, wenn sie nicht allein ist". Marleen Baumann war die Geliebte von Meckerle (Devid Striesow), NS-Befehlshaber von Prag. War, weil sie sich in den Gestapo-Beamten Erwin Buback (Nicholas Ofczarek) verliebt hat. Ja, selbst im gesteigerten NS-Terror gibt es noch Restposten von Liebe. Auch Kriminalkommissar Jan Morova (Jonas Nay) und die Assistentin der Protektoratspolizei, Jitka Modrá (Diana Dulinková), sind ein Paar geworden, es kommt zur Verlobung, Jitka wird schwanger. Aber die Liebe ist in Zeiten des Hasses auf vakantem Posten. Morova wie Buback fahnden nach dem "Witwenmörder" (Gerhard Liebmann), der seinen Opfern das Herz herausschneidet. Der Tscheche und der Deutsche arbeiten nicht freiwillig zusammen, NS-Mann Meckerle hat Buback an die Seite Morovas gestellt, damit der nebenbei Widerstandszellen in der tschechischen Polizei aufspürt. Prag, März 1945: Die NS-Herrschaft steht in der tschechischen Hauptstadt vor dem Zusammenbruch, aber hier wie anderswo entwickelt sich die Situation zur "Sternstunde der Mörder". Meckerle lebt seinen Fanatismus weiter brutal aus: Als die Tschechen den Aufstand wagen, entlädt sich Hass in blutiger Rache. Überleben heißt die kreatürliche Devise. Dazwischen Kommissar Morava, der sich mehr und mehr dem Widerstand anschließt, und Gestapo-Mann Buback, der seine Geliebte um den Preis des verdeckten Seitenwechsels aus dem umkämpften Prag herausbringen will. Wie die zwei Enden eines Hufeisens bewegen sich Morava und Buback aufeinander zu, wird die Jagd nach dem Mörder zur Selbstversicherung von Gewissen und Moral. Die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Pavel Kohout (Drehbuch: Klaus Burck) hat in diesen Momenten bei aller Action, allem Hass ihre eindringlichsten Phasen. Wie im gegenseitigen Entwicklungsbogen aus Abstand eine Allianz entsteht, aus Gegensätzlichkeit eine Verbindung, aus Misstrauen Vertrauen erwächst. All das geschieht vor der sich zuspitzenden Situation von Unterdrückung und Aufstand, von Gewalt und Gegengewalt, die sich nach der Hälfte der vier Teile entladen. Was da an Mord und Totschlag passiert, wird je nach Lesart legitimiert. Das individuelle Morden des Witwenmörders geht im allgemeinen Morden schier unter. Und aus der Handlung heraus wächst die Botschaft: Krieg mag Sieger kennen, Verlierer kennt er allemal. Und Mitmenschlichkeit ist eine wandelbare Größe. Die Verfilmung der Kohout-Vorlage will diese eigentlich historische Welt unmittelbar, bedrohlich und aktuell wirken lassen. Was da 1945 geschah, ist nicht im Jahr 1945 geblieben. Regisseur Christopher Schier möchte das Geschehen nicht nur erzählen, er will es nahbar, erlebbar machen. Kameramann Philip Peschlow findet dafür die entsprechenden, anziehenden Bilder. Die "Sternstunde der Mörder" ist erstklassig besetzt, es wird erstklassig gespielt. Wobei Devid Striesow tut, was in so vielen Filmen der NS-Zeit getan wird: Sein Standartenführer Meckerle ist ein feuerspeiender Nazi, ein Brüllaffe in der Klischeeklasse. Schade, denn solcherart verspielt Striesow die Finesse und Raffinesse seiner Nazi-Figur. Jeanette Hain gibt die verlorene und doch wiedergewonnene Seele der Marleen Baumann mit Marlene-Dietrich-Attitüde. Elegant, verführerisch, verzweifelt und entschlossen, ein Licht am Ende des Horizonts zu entdecken. Jonas Nay spielt den tschechischen Kriminalkommissar Morova, Nicholas Ofczarek den Gestapo-Mann Buback. Groß ist der Altersunterschied, vergleichbar werden die Schicksalsschläge, Nay wie Ofczarek balancieren in ihren Figuren Nähe und Ferne aus. Diese beiden Schauspieler sowie Jeanette Hain und, ja auch Devid Striesow heben den Film auf eine qualitätsbestimmte Ebene. Die "Sternstunde der Mörder" ist kein Allerweltsfernsehen, sondern ein Fernsehen, das Klasse will, weil es mit Klasse gemacht ist.