Bonn (KNA) Der Kinofilm "Spotlight" aus dem Jahr 2015 ist unter Journalisten sehr beliebt. Er erzählt die wahre Geschichte eines Investigativteams der US-Zeitung "The Boston Globe", das Anfang der 2000er Jahre das Ausmaß sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirche in Boston aufdeckte. Der Film zeigt, wie Recherchearbeit im besten Fall aussehen sollte: empathisch, angstfrei, wehrhaft, gegen das System und nicht gegen Individuen. Wohl auch deswegen inspiriert der Film und die Arbeit des "Spotlight"-Teams Medienschaffende weltweit bis heute. Besonders eindrucksvoll ist "Spotlight" allerdings nicht im Triumph der Enthüllung, sondern da, wo es sich dem Scheitern der Protagonisten zuwendet. Denn die Journalisten decken den jahrzehntelangen Missbrauch zwar schlussendlich auf, haben Hinweise auf das Ausmaß im Laufe ihrer eigenen Arbeit aber wiederholt übersehen. Die Zeitung hatte stets über die einzelnen Fälle von Missbrauch berichtet, aber versäumt, das systemische Problem dahinter zu erkennen, Betroffenen zuzuhören und auch hier die nötige Recherchearbeit zu investieren. Die Handlung des Films zeigt systematisch, wie die Medienlandschaft am Thema sexualisierte Gewalt seit Jahrzehnten gescheitert ist und immer noch scheitert. Vermeintliche Einzelfälle werden als Blaulichtgeschichten vermeldet, Zusammenhänge, Statistiken und Forschung zum Thema gehen im Tagesgeschäft unter. Besonders spektakuläre Fälle, wie der Fall Pelicot in Frankreich oder aktuell der Fall der Moderatorin Collien Fernandes in Deutschland erhalten zwar Aufmerksamkeit. Der Nachrichtenwert entsteht oft aber genau deshalb, weil diese Fälle etwas besonders Abseitiges haben und die Taten als besonders krank, pervers, perfide gelten. Collien Fernandes versucht seit Jahren, Aufmerksamkeit auf das Thema Deepfakes und die Gewalt, die ihr angetan wird, zu lenken. Auf angemessenes Interesse stieß dieser Kampf erst, als auch über den mutmaßlichen Täter berichtet wurde. Das macht es Tätern, deren Taten weniger abseitig oder spektakulär erscheinen, leicht, sich von der Debatte abzugrenzen. Im Fall Jeffrey Epstein zeigt sich ein ähnliches Muster. Auch hier ist die mediale Aufmerksamkeit inzwischen hergestellt. Epsteins Taten sind aber so monströs, dass sie in der Debatte um alltägliche sexualisierte Gewalt, der so viele Menschen, vor allem Frauen und Kinder, ausgesetzt sind, kaum hilfreich sind, um Aufmerksamkeit zu schaffen. Und auch bei Epstein zeigen Recherchen inzwischen, dass Medien, die heute intensiv berichten, nur die Fehler auszubügeln versuchen, die unsere Branche über Jahre hinweg gemacht hat. Denn auch hier gab es Berichte über Ermittlungen gegen Epstein sowie Recherchen über seine Vergehen und deren Ausmaß, die zurückgehalten wurden, weil der mächtige Täter Druck ausgeübt hat. Auch hier gelang es den Medien nicht, die Puzzlestücke zusammenzusetzen und das grausame Gesamtbild zu enthüllen - obwohl Opfer jahrelang offen über ihre Vorwürfe gesprochen haben. Geglaubt wurde ihnen erst nach Epsteins Tod. Das Versagen der Medien steht hier stellvertretend für das Versagen einer Gesellschaft, die sich an das Ausmaß von Missbrauch und Gewalt gewöhnt zu haben scheint. Die grausamen Zahlen und Statistiken sind allgemein bekannt. Experten gehen davon aus, dass in jeder deutschen Schulklasse statistisch gesehen ein bis zwei Kinder sitzen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben. Alle zwei bis drei Tage tötet ein Mann in Deutschland seine Partnerin oder Ex-Partnerin. Jede fünfte Frau hat schon einmal körperliche Gewalt durch einen Partner oder Ex-Partner erlebt. Jede zweite Frau in Deutschland wurde schon einmal sexuell belästigt. Jede fünfte Frau war in den vergangenen fünf Jahren von digitaler Gewalt betroffen. Wer in seinem Umfeld die Frauen mal durchzählt, wird sehr schnell zu der Erkenntnis gelangen, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass man eine oder mehrere Betroffene persönlich kennt. Ein Aufschrei bleibt dennoch meistens aus. Dazu kommt ein Versagen der Justiz. Nur ein Bruchteil der Frauen, die vergewaltigt werden, stellt überhaupt Anzeige. Kommt es zum Verfahren, liegt auch die Verurteilungsquote im niedrigen zweistelligen Prozentbereich. Gibt es ein Urteil, verletzen die verhängten Strafen und die Urteilsbegründungen oftmals das Gerechtigkeitsempfinden vieler Betroffener. So verurteilte das Amtsgericht München Ende 2024 einen Vergewaltiger explizit nur zu einer elfmonatigen Bewährungsstrafe, weil eine höhere Strafe ihn seinen Beamtenstatus als Feuerwehrmann gekostet hätte. Auch deshalb bezweifeln viele Experten, dass ein schärferes Strafrecht das Problem lösen würde. Natürlich sollte das Herstellen und Verbreiten von Deepfake-Pornografie nicht legal sein, das gebietet der gesunde Menschenverstand. Doch wenn die Verurteilungsquoten denen bei anderen Formen der sexualisierten Gewalt ähneln, ist das für die betroffenen Frauen kaum ein realer Fortschritt. Es ist eine verzwickte Lage, die auf eine Gesellschaft trifft, die sich schwer tut, schwierige Themen offen zu diskutieren. Viele Männer leben sehr ruhig mit ihrem Privileg, sich den Problemen nicht widmen zu müssen, weil sie selbst nicht betroffen sind. So bleibt die emotionale und epistemische Arbeit bei der gesellschaftlichen Debatte um sexualisierte Gewalt oft ausgerechnet bei denen, die die wenigste Kraft dafür haben, weil sie sich eigentlich damit beschäftigen müssen, unvorstellbare Traumata zu verarbeiten. Dieser Zustand ist auch die Schuld der Medien, die es so oft versäumen, dem Thema die Priorität einzuräumen, die es angesichts der Opferzahlen haben müsste. Natürlich fehlen in den meisten Redaktionen die Ressourcen für Recherchen wie die des "Spiegel" zum Fall Collien Fernandes. Als Säule der Demokratie, als Gatekeeper öffentlicher Debatten, muss der Journalismus aber trotzdem den Anspruch haben, nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung zu sein. In jeder Redaktion gibt es Themen, für die immer Ressourcen freigeschaufelt werden, wenn die Nachrichtenlage es erfordert. Sexualisierte Gewalt sollte eines dieser Themen sein. Das ist kein Aktivismus, sondern demokratisches Verantwortungsbewusstsein - und angesichts der Betroffenenzahlen durchaus kompatibel mit einem nutzerorientierten Journalismus. Deshalb obliegt es allen in der Branche, vom Praktikanten bis zu den oftmals männlichen Führungskräften, ihre eigene Arbeit und sich selbst in dieser Hinsicht zu reflektieren. Im Spielfilm "Spotlight" wie auch in der realen Aufarbeitung des Bostoner Missbrauchs erkennt Walter Robinson, der Leiter des Rechercheteams, irgendwann: Er selbst hatte als Ressortleiter entscheidende Hinweise übersehen, die schon Jahre zuvor auf das Ausmaß des Skandals hätten hindeuten können. In der Zwischenzeit waren unzählige weitere Kinder Opfer sexualisierter Gewalt geworden. Robinson gelang es, sein eigenes Scheitern in eine unglaublich produktive Aufklärungsarbeit zu verwandeln, die ihm und seinem Team einen ganzen Sack voll Preise einbrachte. Eine zukunftsgewandte Kraft, die man sich von der gesamten Medienbranche wünschen würde.