New York (KNA) Es muss im Winter 2003 gewesen sein, als Jeffrey Epstein eines Morgens etwas verloren im Empfangsbereich des New Yorker Verlags Conde Nast stand, in dem die Zeitschrift "Vanity Fair" erscheint. Er hatte offenbar auf deren Chefredakteur Graydon Carter gewartet, um Wichtiges zu besprechen. Es ging um eine Recherche über ihn selbst, die eine für Epstein unangenehme Wendung genommen hatte. Es ist nun fast 25 Jahre her, dass die Sexualverbrechen, die Jeffrey Epstein an Minderjährigen beging, von "Vanity Fair" enthüllt und öffentlich angeprangert hätten werden können. Zwei junge Frauen und ihre Mutter hatten 2002 mit der Reporterin Vicky Ward darüber gesprochen. Veröffentlicht wurden die Vorwürfe nicht. Erst im August 2019 berichtete David Folkenflik, der Medienreporter des National Public Radio (NPR), im Sender davon, ebenso die "New York Times". Folkenflik hatte mehrfach mit Betroffenen, mit Opfern von Epstein, mit Journalisten und mit "Vanity Fair"-Chefredakteur Carter gesprochen, der Epstein in der Lobby vorfand. Epstein selbst konnte sich dazu nicht mehr äußern. Zwölf Tage vor dem NPR-Bericht war Jeffrey Epstein im Gefängnis gestorben; laut Behörden hatte er Suizid begangen. Warum haben US-Medien nicht früher über diese Verbrechen aufgeklärt, obwohl Opfer - teilweise vor mehr als 20 Jahren - offen und mit vollem Namen darüber sprachen und zudem vor FBI-Ermittlern aussagten? Das Schweigen von "Vanity Fair" und anderer einflussreicher US-Medien ist ein unangenehmer Teil der Geschichte der Epstein Files und ihrer globalen Wirkung - und bislang wenig bekannt. Gerüchte über Epsteins sexuelle Neigungen gab es schon lange. Das "New York Magazin" hatte 2002 in dem wohl ersten großen Porträt über Epstein den heutigen US-Präsidenten Donald Trump mit den Worten zitiert: "Ein toller Kerl. Es macht viel Spaß, mit ihm zusammen zu sein. Man sagt sogar, er mag schöne Frauen genauso gern wie ich, und viele von ihnen sind recht jung." Eine mittlerweile legendäre, oft zitierte Aussage. Heute beharrt Trump darauf, er habe den Kontakt zu Epstein frühzeitig abgebrochen. Die Reporterin von "Vanity Fair", Vicky Ward, befragte damals Maria Farmer, die sagte, Jeffrey Epstein und Ghislaine Maxwell hätten sie und ihre Schwester Annie 1996 gemeinsam sexuell missbraucht. Annie sei da erst 15 Jahre alt gewesen. Maria Farmer schilderte diese Vorwürfe später auch in einer eidesstattlichen Erklärung für eine 2019 eingereichte Klage. Epstein drängte Chefredakteur Carter beim Treffen in New York, sein offensichtliches Interesse an sehr jungen Frauen nicht zu erwähnen. John Connolly, damals bei "Vanity Fair" zuständig für Kriminal- und Skandalthemen, sagte NPR, Epstein habe Carter in zahlreichen Telefonaten beschimpft und jegliches Fehlverhalten abgestritten. Im März 2003 veröffentlichte "Vanity Fair" Wards Artikel "Der talentierte Mr. Epstein" und beschrieb darin seinen verschwenderischen Lebensstil. Die Missbrauchsvorwürfe wurden nicht erwähnt. In einer Stellungnahme gegenüber NPR habe Carter erklärt, die Recherche sei nicht durch drei Quellen abgesichert gewesen und habe daher die "rechtlichen Anforderungen" des Magazins nicht erfüllt. Vicky Ward bestreitet das. Carter und andere Redaktionsmitglieder sagten später, im Jahr 2022 dem "New Yorker", sie hätten Wards Recherchen nicht vertraut. David Folkenflik und NPR waren dabei nicht die ersten, die im August 2019 die Einflussnahme Epsteins öffentlich machten. Vicky Ward hatte 2015 auf Daily Beast, der von der ehemaligen "Vanity Fair"-Chefredakteurin Tina Brown gegründeten Nachrichten- und Debattenplattform, darüber geschrieben und es in mehreren Interviews mit anderen Medien angesprochen. Die "New York Times" hatte bereits am 9. Juli 2019 berichtet, ein ausführlicher Bericht über die Farmer-Schwestern und ihre Vorwürfe folgte am 26. August 2019. Ward sagt heute, sie sei 2003 fest entschlossen gewesen, Epstein als Sexualstraftäter zu entlarven und habe die nötigen Beweise gehabt. Doch Epstein und Carter hätten "sich hinter den Kulissen ausgetauscht" und Epstein habe den Chefredakteur überredet, die Aussagen von Maria und Annie Farmer nicht im geplanten Artikel zu berücksichtigen. Die beiden Schwestern bestätigten 2019 gegenüber NPR-Reporter Folkenflik, dass sie Ward Interviews gegeben hatten. Dabei sei öffentlich und namentlich über den Missbrauch gesprochen worden. Ihre Mutter, Janice Farmer, bestätigte dies laut NPR ebenfalls. Sie erklärten, sie seien sehr enttäuscht gewesen, dass "Vanity Fair" ihre Anschuldigungen nicht veröffentlicht habe und schrieben in einer Stellungnahme an NPR: "Es war furchtbar schmerzhaft. Wir hatten gehofft, die Geschichte würde die Leute aufrütteln und sie davon abhalten, weitere junge Mädchen und Frauen zu missbrauchen. Das ist nicht geschehen. Letztendlich hat der veröffentlichte Artikel unsere Stimmen zum Schweigen gebracht." Auch der Anwalt der Schwestern sagte, das Verschweigen habe es erschwert, Opfer und Zeugen zum Sprechen zu bewegen. Ab März 2005 ermittelten die Bundesbehörden in Florida gegen Epstein. "Vanity Fair"-Reporter Connolly war daraufhin in den Süden gereist, um zu recherchieren. Während er Interviews mit Frauen führte, die für Epstein gearbeitet hatten, rief ihn Carter erneut an und erzählte von einem Einbruch. Im Vorgarten seines Hauses habe der abgetrennte Kopf einer toten Katze gelegen. Connolly erzählte Jahre später NPR, er habe das als Drohung gewertet und beschlossen, nicht zu berichten. In einer Stellungnahme gegenüber NPR erklärte Chefredakteur Carter dagegen, das Magazin habe die Berichterstattung über Epstein nie aus Angst vor Bedrohungen zurückgehalten. Den Skandal um Epstein weltweit bekannt machte dafür Virginia Roberts Giuffre. Da ist das Foto mit dem früheren Prinzen Andrew, der seine Hand auf ihre Hüfte legte. Giuffre war damals beim Besuch in Maxwells Londoner Wohnung 17 Jahre alt. Sie beschrieb in ihren Erinnerungen, wie sie bei Epstein in Palm Beach wohnte, er sie drängte, mit einem Geschäftsmann Sex zu haben und sie zu anderen Bekannten für Sex vermittelte - darunter Andrew, der das allerdings bestreitet. Im Mai 2009 verklagte Giuffre Epstein und beschuldigte Maxwell, sie als Minderjährige zur sexuellen Ausbeutung rekrutiert zu haben. 2015 befragte der US-Fernsehsender ABC Giuffre. Sie wurde eigens nach New York eingeflogen, das Interview habe über eine Stunde gedauert. "Damals, im Jahr 2015, lief Epstein frei herum und verglich sein kriminelles Verhalten mit dem Diebstahl eines Bagels", schrieb Giuffre an NPR. "Ich wollte unbedingt, dass er und die anderen, die mit ihm zusammenarbeiteten und sein abscheuliches und schamloses Verhalten gegenüber jungen Mädchen und Frauen ermöglichten, ins Rampenlicht gerückt werden." Sie habe das ABC-Interview "als potenziellen Wendepunkt" betrachtet und darin die Justiz wegen ihrer Tatenlosigkeit kritisiert. Doch der Beitrag wurde nie ausgestrahlt. Giuffre sagte NPR, der Grund dafür sei ihr nie genannt worden. Auch NPR berichtete, ABC News habe es abgelehnt, seine redaktionelle Entscheidung von damals zu begründen. Später berief sich ABC auf journalistische Sorgfaltspflichten. Ein Mitarbeiter von ABC News, der mit den Ereignissen vertraut ist, sagte gegenüber NPR, der Sender habe einen Anruf von einem von Epsteins Anwälten erhalten: dem emeritierten Harvard-Rechtsprofessor Alan Dershowitz. Dershowitz hatte Epstein juristisch im Zusammenhang mit für ihn unangenehmen Recherchen des "Miami Herald" vertreten und einen geheimen Vergleich mit der Justiz in Florida ausgehandelt, der Epstein eine Anklage ersparte. Dershowitz bestätigte 2022 gegenüber NPR, dass er bei ABC intervenierte habe, weil er damals fürchtete, das Interview könne die Glaubwürdigkeit von Giuffre erhöhen. Die Recherchen und Veröffentlichungen des "Miami Herald" ab 2016 gelten heute als Wendepunkt, weil sie Epsteins Machenschaften und den geheimen Vergleich mit der Staatsanwaltschaft an die Öffentlichkeit brachten. Die Reporterin Julie K. Brown, die Giuffre für den "Miami Herald" interviewte, sagte: "Ich fand [Giuffre] sehr ehrlich und glaubwürdig. Es gab weitere Beweise, die ihre Geschichte stützten. Daher hatte ich keinerlei Bedenken." Brown sagte allerdings auch, die Angst vor einer Klage sei für die Reporter, die über den Epstein-Fall berichteten, allgegenwärtig gewesen. "Ich wurde wieder einmal von genau den Leuten besiegt, gegen die ich ausgesagt hatte, und wieder einmal wurde meine Stimme zum Schweigen gebracht. Ich konnte es nicht fassen, dass ein so mächtiger Sender wie ABC eingeknickt war und nachgegeben hat", schrieb Giuffre NPR. Noch bevor ihre Erinnerungen erschienenen, beging sie im April 2025 Suizid. Die #MeToo-Bewegung hat die journalistische Praxis im Umgang mit solchen Fällen geändert. Im Oktober 2017, mehr als zwei Jahre nach dem Giuffre-Interview, befragte ABC die Schauspielerin Ashley Judd zu ihren Anschuldigungen gegen den Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein. Zu dem Zeitpunkt hatte Judd noch keine Klage gegen Weinstein eingereicht, dieser war noch nicht strafrechtlich angeklagt. Dennoch strahlte ABC Judds Anschuldigungen aus. Die "New York Times" (NYT) hat entscheidende Enthüllungen über #MeToo-Fälle veröffentlicht und ist auch sehr um Aufklärung bei Epstein und dessen Verbindungen in beste Kreise in Politik und Wissenschaft bemüht. Doch lange hat auch dieses renommierte Blatt Berichte zurück gehalten. Der "NYT"-Wirtschaftskolumnist James B. Stewart berichtete, wie Epstein ihm gegenüber noch 2018 offen über seine Verurteilung sprach, den sexuellen Missbrauch von Minderjährigen als normal und die Kriminalisierung von Sex mit Teenagern als abnormal darstellte. Stewart schrieb, weil ein vertrauliches Gespräch vereinbart war, aber erst nach Epsteins Tod 2019 darüber. Eine andere problematische Rolle bei der "NYT" spielte der Reporter Landon Thomas Jr. Dieser kannte Epstein, er hatte 2002 vor seinem Wechsel zur "Times" das oben zitierte erste umfangreiche und unkritische Porträt im "New York Magazin" über ihn geschrieben. Für die "NYT" reiste Thomas 2008 zu Epsteins Privatinsel. Sein freundlicher Artikel erschien kurz bevor Epstein sich in Florida den Behörden stellte. Thomas schilderte, wie Epstein "auf das azurblaue Meer blickte" und "sich mit Gulliver, der unter den winzigen Bewohnern von Liliput Schiffbruch erlitten hatte" verglich. Thomas stellte Epstein als jemanden dar, der Prostituierte angeworben hatte, auch Minderjährige, der aber keine Ahnung von Sexualverbrechen an Minderjährigen habe, weil junge Frauen über ihr Alter gelogen hätten. Dass sie teilweise erst 14 Jahre alt waren, ist eher beiläufig erwähnt. Thomas betrachtete Epstein offenbar als wertvolle Quelle, wie er Kollegen sagte. Im Laufe der Jahre sei Epstein so etwas wie ein Freund geworden. In den Epstein-Files finden sich heute E-Mails an Thomas und Einladungen in Epsteins New Yorker Privathaus. Im Januar 2019, Monate vor dem NPR-Beitrag zum Thema Epstein und das Schweigen der Medien, verlies Thomas die "New York Times". Erst später wurde öffentlich, dass Epstein auf seine Bitte hin einer Organisation in New York 30.000 Dollar gespendet hatte. "Das Einwerben einer Spende für eine private Wohltätigkeitsorganisation verstößt klar gegen die Richtlinien, die die Beziehungen von 'Times'-Journalisten zu ihren Quellen regeln", erklärte damals Eileen Murphy, die Pressesprecherin der Times Co, auf NPR. Das ist eine Erklärung, die Margaret Sullivan nicht reicht und die sie nicht akzeptieren will. Die Medienkritikerin und Kolumnistin des britischen "Guardian" fungierte als Public Editor der "New York Times", bevor sie zur "Washington Post" wechselte. In ihrer wöchentlichen Substack-Kolumne "American Crisis" übte sie heftige Kritik am Schweigen der "New York Times" und schrieb: Es gehe nicht mehr nur um das Einwerben von Geldern, denn dank der Epstein-Dokumente wisse man heute, dass Landon Thomas über möglicherweise belastende Informationen über Trump und Epstein verfügte. Sullivan schrieb: "Wir wissen nicht, ob er sie zurückgehalten, an seine Redakteure weitergegeben hat oder was auch immer. Die Times sollte diesbezüglich deutlich transparenter sein." Epstein schrieb Thomas: "Möchten Sie Fotos von Donald und Mädchen in Bikinis in meiner Küche sehen?" Einer der angesehensten ehemaligen Reporter der "New York Times", der Pulitzer-Preisträger James Risen, habe Sullivan geschrieben: "Das wirft so viele Fragen auf. Hat dieser Mann seinen Redakteuren gesagt, dass er möglicherweise Material über Trump und Epstein hat? Was haben sie unternommen? Haben sie es ignoriert?" Sullivan klang enttäuscht: "Wir werden es vielleicht nie erfahren. Die Times hat sich trotz Nachfragen bisher kaum geäußert. [...] Aber was ist mit all dem, was er über Epstein und dessen Geschäfte mit Donald Trump wusste?"