Straßburg (KNA) Kaum ein prominenter Filmemacher ist so untypisch für das amerikanische Kino. Statt Action, Kommerz und Zerstreuung zu bieten, lädt er ein in eine Welt der Stille, der Poesie und der Kontemplation. Und ähnlich wie der US-Schriftsteller Thomas Pynchon, von dem es so gut wie keine Fotografien gibt, schuf auch die konsequente mediale Abwesenheit dieses Regisseurs eine Aura der Mystik und des Geheimnisvollen. Eine Arte-Dokumentation begibt sich auf Spurensuche im Leben und im Werk von Terrence Malick. Norbert Busè, bekannt durch sehenswerte Kulturdokumentationen wie "Jesus goes to Hollywood", verknüpft die Ergründung dieses ungewöhnlichen Werks mit einem Rückblick auf die Biografie Malicks, der erst nach einigen Umwegen zum Film fand. Der 1943 im ländlichen Oklahoma Geborene machte sich als brillanter Kopf einen Namen. 1966 kam er mit einem Rhodes-Stipendium - eine prestigeträchtige Auszeichnung - nach Oxford, wo er sich mit Martin Heidegger auseinandersetzte, dessen Schlüsselaufsatz "Vom Wesen des Grundes" er ins Englische übertrug. Nach dem Bruch mit seinem Doktorvater Gilbert Ryle, der als Anhänger der analytischen Philosophie mit Heidegger nichts anzufangen wusste, kehrte der Anfang-Zwanzigjährige in seine Heimat zurück, um seine philosophischen Ideen in die Sprache des Kinos zu übersetzen. Mit fulminantem Erfolg: Sein Debütfilm "Badlands" von 1973 wurde von Kritikern als bester Erstling eines amerikanischen Regisseurs seit Orson Welles' "Citizen Kane" gelobt. Nachdem er mit seinem ebenfalls gefeierten zweiten Film "Days of Heaven" (In der Glut des Südens, 1978) unter anderem durch den Verzicht auf künstliches Licht eine neue Filmsprache kreiert hatte, schüttete man das junge Talent für sein nächstes Projekt mit Geld zu. Doch diese völlige künstlerische Freiheit, so zeigt die Doku, stürzte Malick in eine nachhaltige Krise. Nach zwanzig Jahren erst kündigte er mit "The Thin Red Line" (Der schmale Grat) ein neues Projekt an - worauf sich reihenweise Megastars wie Kevin Costner, Brad Pitt, Johnny Depp und Ethan Hawke bewarben. In seiner Dokumentation taucht Norbert Busè tief ein in die Kinowelten von Terrence Malick. An zahlreichen Beispielen zeigt er auf, wie seine mit Licht gemalten Tableaus - von denen man laut Martin Scorsese jedes einzelne als Standbild in ein Museum hängen könne - eine tiefe emotionale Wirkung entfalten. Auf den Spuren der Drehorte seines letzten Films, der in norditalienischen Tälern entstand, versucht die Dokumentation, diese visuelle Poesie des Lichts diskret nachzuempfinden. "A Hidden Life" (Ein verborgenes Leben, 2019) erzählt die authentische Geschichte eines österreichischen Bauern, der 1943 von den Nazis hingerichtet wurde, weil er sich aus Gewissensgründen weigerte, als Soldat einen Eid auf Hitler zu schwören. An diesem Projekt wirkten unter anderem die Österreicherin Valerie Pachner und die deutsche Darstellerin Maria Simon mit. Deren Schilderungen ermöglichen einen Blick über die Schulter des Ausnahmeregisseurs während der Dreharbeiten. Malicks Filme folgen keiner linearen Dramaturgie - sie entfalten ihre Kraft aus Momenten des Staunens. Um diesen Effekt zu unterstreichen, lässt der Regisseur seinen Darstellern viel Freiheit. Es kommt ihm darauf an, dass Schauspieler ihre Rolle nicht nur spielen, sondern auch authentisch erleben. Und da er auf Scheinwerfer verzichtet, müssen Schauspieler bei Innenaufnahmen selbst darauf achten, sich buchstäblich ins rechte Licht zu rücken. Die Schilderungen von Pachner und Simon klingen in ihrer Ergriffenheit zuweilen aber auch etwas entrückt. Der Regisseur genießt kultische Verehrung. Dass es unter prominenten Darstellern, darunter Sean Penn, Christopher Plummer und Colin Farrell, auch kritische Stimmen gibt, die von Malicks L'art pour L'art genervt waren, kommt in der Dokumentation leider nicht zur Sprache. Abgerundet wird Busès Film durch ein seltenes Interview, das Malick während seines langen Aufenthaltes in Paris der Kritikerin Yvonne Baby gab, der ersten Frau überhaupt, die bei "Le Monde" ein Ressort leitete. Das Interview erschien am 17. Mai 1979 unter dem Titel "Un entretien avec Terrence Malick, réalisateur de "Days of Heaven"... Le paradis, entre les doigts" ("Ein Gespräch mit Terrence Malick, Regisseur von "Days of Heaven"... Das Paradies, das einem durch die Finger gleitet"). Entgegen seiner Philosophie der Verschwiegenheit gab Malick seinerzeit ausführliche Einblicke in sein Privatleben sowie seine Arbeitsweise. Passagen aus diesem Gespräch werden in der Dokumentation von der deutschen Schauspielerin Angela Winkler vorgetragen. "Terrence Malick - Suche nach dem Unsichtbaren" ist eine intensive und informative Dokumentation, die man auch dann mit Gewinn schauen kann, wenn man keine Antenne für elegische Monumentalfilme wie "Tree of Life" hat. Als Zaungast erlebt man die eine oder andere Überraschung bei diesem Blick in eine lichtdurchflutete Welt filmischer Transzendenz, in der die "Geworfenheit" des Menschen, das "Sein zum Tode" und die Fragen nach den letzten Dingen verhandelt werden.