Mainz (KNA) Vorurteile, das sagte der Komiker George Carlin schon vor Jahrzehnten, sind nicht nur schwerer zu spalten als Atome. Man kriegt sie auch dann nicht geknackt, wenn das eigene Bauchgefühl daran sägt. In der Ratesendung "Neo Match Up" zum Beispiel beginnt es bereits bei Parshad Esmaeili. Wenn sie mit Korsage und Killerheels ihre Quizshow mit den Worten "Bauchgefühl trifft auf Vorurteile" eröffnet, könnten Unkundige die Moderatorin für eine Beauty-Influencerin statt für das loseste Mundwerk der deutschen Stand-up-Szene halten. Es ist Stereotyp eins einer planvoll-klischeehaften Sendung, dicht gefolgt vom zweiten bis sechsten. In "Neo Match Up" soll die hessisch-persische Comedienne mit dem Premieren-Gast Karoline Herfurth nämlich Berufe raten. Genauer: Berufe zuordnen. Noch genauer: von fünf Menschen, die äußerlich durchschaubar wirken. Ein 60-jähriger Fußballer mit Fantrikot kann ja wohl nur der Anlagenmechaniker sein, nach dem er aussieht, und eine stark geschminkte Mittdreißigerin jene Pornodarstellerin, die sie schon optisch ausstrahlt. Fast ebenso zielsicher dreht sich das Klischeekarussell im Zuschauerkopf beim hemdsärmeligen Sotiris Richtung Kartoffelgutachter, bei der zupackenden Marie zur Hebamme oder beim drahtig-jugendlichen Michael gen Stuntman. Ach, wenn es doch so einfach wäre! Denn als sich Esmaeili und Herfurth gute drei Minuten pro Person abwechselnd auf des Pudels Kern der fünf Berufstätigen durchgefragt haben, ist natürlich alles ein bisschen anders als vorgeurteilt. Nur so viel: In der halbstündigen Sendung, von der bislang vier Ausgaben geplant sind, werden gleich reihenweise Schablonen geschreddert. Und das ist auf erhellende Art heilsam. Aber ist es auch unterhaltsam? Wer sich bei Youtube schwarz-weiße Ausgaben der alten Referenzgröße "Was bin ich?" anschaut, könnte das bejahen. Amüsant ist daran schließlich allein die Tatsache, dass Moderator Robert Lemke während seiner reizreduzierten Quizshow raucht und niemals die Stimme erhebt. Ganz im Gegensatz zu seiner Nachfolgerin rund sechs Jahrzehnte drauf. Sie sei "verdammt lustig und stressig", schreit Parshad Esmaeili zur Begrüßung des Publikums durch die "geile Arena". Die ist zwar nur ein Studio in Klassenraumgröße, das Regisseur Erhan Dogan kurz vorm Start offenbar fix noch mit drei Dutzend Passanten füllen, aber sonst nicht mehr dekorieren konnte. Dafür brüllt die Moderatorin, als müsste sie die hintersten Winkel einer riesigen Mehrzweckhalle erreichen. Aber gut - so klingt der Überwältigungstonfall alltagshumoristischer Bühnenprogramme spätestens, seit Mario Barth das Kommando ergriffen hat. Es ist ein Geräuschpegel am Anschlag. Und dort hält ihn "Neo Match Up" auch noch, als Esmaeilis Comedy-Kollegium in den nächsten drei Episoden zwischen Bauchgefühl und Vorurteilen trennen darf. Özcan Cosar zum Beispiel soll den fünf Protagonisten "Beauty-Eingriffe" von Fettabsaugung bis Haartransplantation zuweisen, die unvermeidliche Intim-OP inklusive. Bei Kurt Krömer sind es Straftaten wie Beamtenbeleidigung, Betrug oder Betäubungsmittelverkauf. Naomi John sortiert sodann Fetische nach Stiefeln, Latex und Genitalientattoos. Das Spielprinzip bietet also gute Gelegenheit zur Katharsis. Habe ich den halstätowierten Freak gerade als Drogendealer abgestempelt und das glückspillenbunte Cosplay-Girl zur Latex-Lady gemacht? Die "Reveal" genannte Auflösung der Post-Robert-Lemke-Ära hält manche Überraschung bereit. Damit sie auch das berühmt-berüchtigte Mindset verändert, hätte "Neo Match Up" allerdings mehr Understatement gutgetan. Also das, was auch öffentlich-rechtliche Mediatheken mittlerweile meiden wie die kommerziellen Arthaus-Filme. Anstelle von Metaebenen oder Tiefgang sind hier aber nur quereingestiegene Hosts, die ihre Shows zu Egotrips sendungsbewusster Aufmerksamkeitsakkumulation machen. Wer den Schauspieler Edin Hasanović mehr als 30 Sekunden seiner "Neo Late Night" ertragen kann, hält jedes Urschreitherapiezentrum fortan für ein Schweigekloster. Und wer die Podcasterin Laura Larssen im "Neo Social Club" erlebt, wie sie Soziale Medien mit Gästen nach digitaler Sinnlosigkeit durchstöbert, hält definitiv jede davon noch für gehaltvoller. Unterhaltung muss sich in Tiktok-taugliche Snippets teilen und hochkant verbreiten lassen, lautet die neue öffentlich-rechtlichen Jugend-Doktrin - sonst wird es für die "Generation kurze Aufmerksamkeitsspanne" schnell überkomplex. Das ist insofern schade, als die experimentelle ZDF-Spielwiese schon mitunter Show-Maßstäbe setzt. In "Neo Paradise" wurde das MTV-Duo Joko & Klaas zu TV-Stars. Im "Neo Magazin Royal" wuchs der junge Entertainer Jan Böhmermann auf Kerkeling-Format. Teddy Teclebrhan, Sarah Kuttner, Idil Baydar, Osan Yaran, Manuel Möglich, Mai Thi Nguyen-Kim - sie alle schafften hier den Sprung aus dem Bällebad des Fernsehens ins Feuilleton. Und wer nicht all ihre Namen fehlerfrei aussprechen kann: Mehr noch als ProSieben bietet ZDFneo Menschen mit Migrationsvordergrund die Möglichkeit zur Selbstermächtigung vor der Kamera. Schade nur, dass sich Parshad Esmaeili durch Gestus, Lautstärke, ihren Style und die Angewohnheit, jeden Gegner als allerbesten Buddy vorzustellen, gewissermaßen größenwahnsinnig selbstverzwergt. Kleiner Reveal: Mit diesem Sendungskonzept wird es "Neo Match Up" nicht in die zweite Staffel schaffen. Schade eigentlich. Mit weniger selbstverliebtem Firlefanz wäre die Spielidee, Vorurteile zu zerdeppern, nämlich allemal eine Fortsetzung wert.