Zwischen Gerechtigkeit und Versöhnung - Sehenswerte ZDF-Doku sucht nach Wegen zu mehr Frieden

Von Christian Bartels (KNA)

DOKU - Eine Sonderausgabe des ZDF-"auslandsjournals" geht auf vier Erdteilen der Frage nach, wie Kriege sich beenden lassen. Ob in Irland, Uruguay oder Vietnam: Konflikte brechen schnell aus und haben oft jahrzehntelange Folgen.

| KNA Mediendienst

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"So geht Frieden!"

Foto: Timo Bruhns/ZDF/KNA

Mainz (KNA) Toben im Moment besonders viele Kriege oder werden sie gerade bloß wegen ihrer weitreichenden Auswirkungen in Deutschland besonders wahrgenommen? Eine zweiteilige, insgesamt anderthalbstündige Sonderausgabe des "auslandsjournals" unter dem hoffnungsvollen Titel "So geht Frieden!" sucht für die Frage nach Frieden einen konstruktiven Ansatz. In den Folgen "Wie Waffen niederlegen?" (Mittwoch, 1. April, 22.15 Uhr) und "Wie Vertrauen aufbauen?" (Donnerstag, 2. April, 22.15 Uhr) spielt das ZDF einen Vorteil des deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehens aus: den vergleichsweise großen Überblick. Weltweit gab es schließlich immer viele zwischenstaatliche wie auch Bürgerkriege, und die meisten endeten irgendwann. Lässt sich für die gegenwärtigen Kriege in Osteuropa oder im Nahen Osten daraus lernen? Dieser Frage gehen ZDF-Sonderkorrespondentin Katrin Eigendorf und Dokumentarfilmautor Carl Gierstorfer auf vier Kontinenten nach. So schnell Kriege ausgebrochen sind (oder begonnen werden), umso länger wirken ihre Folgen nach. Das zeigt sich etwa im westafrikanischen Liberia. Bereits mehr als zwei Jahrzehnte liegt das Ende des Bürgerkriegs zurück. Nicht zuletzt protestierende Frauen hatten einst die Warlords zum Frieden gezwungen. Doch wirtschaftlicher Aufschwung folgte nicht. Von Liberias Reichtum an Ressourcen wie Palmöl und Kakao hat die Bevölkerung wenig - wegen Korruption sowie der "Gier der Großkonzerne" aus den Industriestaaten (die Gierstorfer allerdings nicht namentlich benennt). Und alt gewordene, einstmals zwangsrekrutierte Kindersoldaten verdienen nun mit Flaschensammeln etwas Geld - oft für die gerade boomende synthetische Droge Kush. Auch auf der europäischen Insel Irland endete vor einigen Jahrzehnten ein Bürgerkrieg, der tausende Tote gefordert hatte. War Gewalt nötig, um Frieden zu erreichen? "Absolut", antwortet ein einstiges IRA-Mitglied, das zwölf Jahre im Gefängnis saß, auf Gierstorfers Frage. Gegenwärtig herrsche eher "eine andere Art von Konflikt" als echter Frieden, doch sei das ein Fortschritt. Ein Vertreter der Gegenseite, einst britischer Soldat und nun Taxifahrer, sieht es ähnlich. Und tatsächlich findet es ein Schüler "ein bisschen albern, wegen Religion und solchen Unterschieden gegeneinander zu kämpfen". Unwillkürlich fragt man sich, wie solche vernünftigen Aussagen wohl in den Ohren der alten Kämpfer klingen müssen. Aktuell laufende Kriege und - vielleicht - befriedete Konflikte kommen ebenfalls vor. In der seit Jahren täglich mörderisch attackierten Ukraine wäre es für viele Menschen schon viel wert, überhaupt nur zu erfahren, was vermissten Angehörigen geschehen ist, zeigt Katrin Eigendorf. Und Bilder von Ukrainern, die anders als ihre Nachbarn Angriffe auf ihre zerstörten Wohnungen knapp überlebten, bekommen im Kontext nochmal eine andere Bedeutung als in den Nachrichtensendungen, in denen sie häufig als Erstes zu sehen sind. Im syrischen Aleppo will eine aus Berlin zurückgekehrte Architektin ein einst berühmtes Hotel wiederaufbauen, obwohl sie die Spanne bis zu echtem Frieden auf "Jahrzehnte" bemisst. Im christlichen Dorf Maalula, in dessen Kloster weiterhin Aramäisch, die Sprache Jesu, gesprochen wird, zeigt Eigendorf einen islamisch-christlichen Dialog. Der Vorsatz, "aus der Vergangenheit zu lernen", mag vor der westlichen Kamera etwas bemüht wirken, zeigt aber eindrücklich, wie schwierig Abwägungen zwischen dem Bestrafen von Schuldigen und dem Ruhenlassen der Vergangenheit sein müssen. So kommen viele Aspekte zusammen, auch aus dem südamerikanischen Uruguay, wo noch immer Traumata aus der Zeit der brutalen Militärdiktatur der 1970er Jahre wirken, und aus Nordmazedonien, wo der letzte bewaffnete Balkan-Konflikt tobte. Das krasseste Beispiel für langwierige Nachwirkungen zeigt Gierstorfer aus Vietnam. Im einst am stärksten bombardierten Gebiet der Welt ist das Entschärfen der Blindgänger noch lange nicht abgeschlossen. Und weiterhin führt das Dioxin, das die US-Army in Form von "Agent Orange" versprühte, zu genetischen Veränderungen bei Neugeborenen. Doch trägt in Vietnam die Demografie zum Überwinden der Kriegsfolgen bei: Inzwischen gut drei Viertel der Einwohner wurden nach dem Kriegsende 1975 geboren. Außerdem lässt sich hier, anders als im international kaum beachteten Liberia, ein nachhaltiger wirtschaftlicher Aufschwung konstatieren - freilich bei stark eingeschränkter Meinungsfreiheit. So wichtig es ist, Gerechtigkeit zu fordern, so wahrscheinlich ist, dass nicht jeder sie erfahren wird, fasst Gierstorfer schließlich zusammen. Im aufschlussreichen wie kurzweiligen Mosaik zeigen sich auch unterschiedliche Handschriften der Reporter. Während der Dokumentarfilmer en passant aussagestarke Bilder einfängt, etwa von Müllbergen auf Liberias Straßen und bemalten "Peace Wall"-Mauern im nordirischen Belfast, setzt Starreporterin Eigendorf auf Interviews und bekommt hochkarätige Gesprächspartner vor die Kamera. Sowohl der ukrainische Präsident Selenskyj als auch Islands Präsidentin Halla Tómasdóttir äußern sich ihr gegenüber. Allein dieser Schlenker nach Island, den "So geht Frieden!" zum Ein- und knappen Ausstieg als dramaturgische Klammer nutzt, mutet etwas seltsam an. Zumindest seit den Wikingerfahrten kam die Insel kaum je mit Krieg in Berührung. Gewiss trägt es zu gesellschaftlichem Frieden bei, wenn "Mitgefühl und Respekt" schon im Kindergarten eingeübt werden. Doch zumindest in der Taktung der jeweils gut zehnminütigen Reportagen wirkt die Frage, was sich aus Island mit seiner ethnisch wie konfessionell-religiös weithin homogenen Gesellschaft in ganz anders gelagerte Staaten wie Syrien und die Ukraine übertragen lassen könnte, wunderlich - auch wenn die erfahrene Reporterin Katrin Eigendorf sie stellt. Und dass zum Abschluss noch eine auf Island lebende deutsche Pferdezüchterin auch dort Rechtsruck und Rassismus feststellt - trotz fortschrittlicher Kindergärten -, ohne dass der Film das zumindest exemplarisch vertieft, stärkt die Überzeugungskraft auch nicht. Obwohl der Move nach Island befremdet, bleibt dieses Stück Friedensjournalismus dennoch sehenswert.

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