Bonn (KNA) Vielen Fußballfans gilt er als der charismatischste Trainer überhaupt: Jürgen Klopp. Seine Ausstrahlung ist aber nicht nur ein Nebenprodukt seiner Erfolge, sondern zentraler Bestandteil seines Wirkens. Eine Sky-Dokureihe blickt zurück auf seine letzte Saison beim Traditionsverein FC Liverpool, wo er geradezu kultische Verehrung genießt. Die Dokumentarfilmer Tom Dumican und Daniel Ramirez-Suarez, letzterer bekannt für seine Dokumentationen über Stars wie Neymar und Sergio Ramos, schauen Jürgen Klopp in Momenten großer Triumphe - aber auch schmerzlicher Niederlagen - über die Schulter. Solche Hochglanzdokumentationen haben in der Streaming-Ära zur Steigerung der Strahlkraft des Fußballs beigetragen. Aljoscha Pauses stilbildender Mehrteiler "Being Mario Götze", Manuel Huergas Amazon-Produktion "All or Nothing: Manchester City" (beide 2018) oder Asif Kapadias faszinierende Nahaufnahme "Diego Maradona" (2019) sind zu einem festen Bestandteil der kommerziellen Verwertungsketten des sich medial immer weiter ausbreitenden Fußballgeschäfts geworden. Sportfilme dieser Art schließen aber auch Lücken. So erzielte die Doku "Die Rückkehr des Pokals - Der Film" über Eintracht Frankfurts DFB-Pokalsieg 2018 in den Kinos immerhin einen Achtungserfolg. Auf den ersten Blick scheint sich auch der britische Vierteiler über Jürgen Klopp in diese Verwertungslogik einzufügen. Im Fokus der Miniserie stehen seine zwei größten Triumphe, der Gewinn der Champions League 2019 und - wichtiger noch im Mutterland des Fußballs - die Meisterschaft in der Premiere League keine zwölf Monate später. Für die gramgebeugten Fans endete damit, wie es einmal hieß, eine düstere Ära von "dreißig Jahren Schmerz" - so lang ist es her, seit die "Reds" das letzte Mal englischer Meister waren. Wie in solchen Dokus üblich, folgt die Erzählung einer erwartbaren Spannungs-Dramaturgie, die auf besagte Highlights abzielt. Dabei reihen sich einschlägige Spielszenen aneinander, die für die Clubgeschichte prägend waren. Dass der Vierteiler diese Routine immer wieder aufbricht, liegt am ungekünstelten Auftreten des Protagonisten. Auch wenn viele der Gespräche erkennbar in der Absicht geführt wurden, Material für den Film zu produzieren, so gibt Jürgen Klopp dabei keine Sprechblasen von sich. "Er spielt einem nie was vor, man weiß immer, woran man ist", erklärt sein langjähriger Freund und Kollege David Wagner. Diese Authentizität ist bereits ganz zu Beginn seiner Karriere zu spüren, auf die der erste Teil der Dokureihe zurückblickt. Klopp, seinerzeit noch Mittelstürmer bei einem Zweitligisten, wurde in die TV-Sendung "Verlieren Sie Millionen" eingeladen. Als der Moderator Mike Krüger dabei Mainz 05 als "Kantinenmannschaft des ZDF" bezeichnete, konterte der damals 28-Jährige: "Wir wollen in die Erste Liga wie du ins Samstag-Abendprogramm." Daraus wurde aber nichts, denn die skurrile ZDF-Quizshow war so miserabel, dass sie nach vier Sendungen abgesetzt wurde. Diese Archivperle verdeutlicht, dass Klopp ein Naturtalent vor der Kamera war. Nachdem er 2001, damals noch Spieler, als Notlösung zum Cheftrainer befördert wurde, gelang ihm bald darauf mit Mainz 05 der Aufstieg in die Bundesliga. Bei seiner nächsten Station formte er ab 2008 Borussia Dortmund, seinerzeit nur Mittelmaß, zu einem Spitzenverein - dank einer taktisch völlig neuen Spielweise, bekannt als "Heavy Metal Fußball". Dass er dabei den Job mit Haut und Haaren lebte, registrierte man 2015 auch beim FC Liverpool, ein Kultverein, dessen Fans buchstäblich den Glauben an die "Reds" verloren hatten. Die Miniserie verdeutlicht, wie Klopp dieses zerrissene Band zwischen Fans und Verein intuitiv erspürte. In seiner unnachahmlichen Pressekonferenz bei Dienstantritt, einer Art Fußball-Bergpredigt, erklärte er, man möge "nicht zweifeln, sondern glauben". Unsterblich wurde sein Scherz, er sei (in Anspielung auf den Exzentriker José Mourinho, der sich eitel als "the special one" titulierte) "the normal one". Solche Sprüche erwiesen sich bei Klopp aber nie als leere Floskeln. Und so wurde er neun Jahre später emotional verabschiedet, indem Zuschauer auf den Rängen den überlebensgroßen Schriftzug formierten: "Doubters to Believers" - so auch der englische Originaltitel des Vierteilers. Zwischen Ausschnitten aus Schlüsselspielen und Kommentaren des Trainers richtet die Dokuserie immer wieder den Fokus auf junge Talente, die Klopp im Zuge einer anhaltenden Verletzungsmisere förderte. Wichtiger Bestandteil der Serie sind auch Streiflichter auf den Alltag in Liverpool, wo die Menschen Fußball gefühlt intensiver leben, lieben und erleiden als irgendwo sonst. Der Mythos der Working-Class-Identität, so zeigt ein Rückblick, wurde maßgeblich geprägt durch Bill Shankly (Liverpool-Trainer 1959-1974), der den Grundstein des Cluberfolges legte. Diese politische Haltung, so verdeutlicht der Vierteiler, prägt den Club bis heute: Das Vereinsmotto "You'll Never Walk Alone" wird nicht nur als Lied gesungen, sondern auch als religiös anmutendes Credo der Solidarität gelebt. Klopp hat sich hier perfekt eingefügt. "Ich stehe nicht morgens vor dem Spiegel und sage: 'Du verdammte Legende'". Vor allem in schweren Zeiten bitterer Niederlagen tritt er mit gleichbleibender Glaubwürdigkeit vor die Kamera, um - stellvertretend für alle enttäuschten Fans - seinen Schmerz wie ein blutendes Herz sichtbar zu machen. Natürlich ist "Jürgen Klopp: Die Ära Liverpool" unverkennbar eine Hochglanzproduktion, deren Oberfläche zuweilen schon etwas glattpoliert ist. Zu Wort kommt mehrfach der prominente Klopp-Freund Campino, Sänger der "Toten Hosen", der als Edelfan mal eben zu den Spielen jettet. Manchmal vergreift sich die Dokureihe, deren Episoden zwischen 45 und 55 Minuten lang sind, ein klein wenig im Ton. Insgesamt aber setzt sie dem sympathischen Trainer, dessen überlebensgroße Porträts von Graffiti-Künstlern auf Liverpooler Hauswände gesprüht wurden, ein Denkmal. Nur, dass Jürgen Klopp auch Ecken und Kanten hat - dass er beispielsweise bitterböse auf zuweilen nassforsche Sportjournalisten antwortet -, davon hätte man gerne etwas mehr gesehen.