"Ich gehe als Feministin durchs Leben" - Schauspielerin Désirée Nosbusch über Gewalt gegen Frauen

Von Joachim Huber (KNA)

FERNSEHEN - Im April zeigt das Erste zwei neue Irland-Krimis mit Désirée Nosbusch als Kriminalpsychologin Blake. Die Filme widmen sich dem Thema Gewalt gegen Frauen - und sind damit am Puls der Zeit.

| KNA Mediendienst

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Desiree Nosbusch

Foto: Bernard Walsh/ARD Degeto Film/good friends Filmproduktions GmbH/KNA

Bonn (KNA) Seit knapp zwei Wochen spricht das ganze Land über Gewalt gegen Frauen. Da kommen die beiden neuen Irland-Krimis des Ersten, die sich mit diesem Thema befassen, genau zur richtigen Zeit. Désirée Nosbusch spielt darin die Kriminalpsychologin Cathrin Blake, die an den Ermittlungen beteiligt ist. Einen Film über Femizid wollte sie schon seit Jahren machen, berichtet sie im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur. Es wurde geführt, bevor die Schlagzeilen rund um Collien Fernandes das Land in Aufruhr versetzten. Dass das Thema wichtig ist, wisse sie auch aus eigener leidvoller Erfahrung, sagt Nosbusch. KNA-Mediendienst: Frau Nosbusch, am 9. und am 16. April zeigt die ARD zwei neue Irland-Krimis mit Ihnen in der Rolle der Psychologin Cathrin Blake. In beiden Fällen geht es um Aggression, Stalking und Gewalt gegen Frauen. Warum rückt dieses Thema jetzt in den Mittelpunkt? Désirée Nosbusch: Wir haben schon seit ein paar Jahren gesagt: Wir müssen unbedingt einmal einen Film über Femizid machen. Es ist ein Thema, das immer wieder auftaucht und einfach nicht verschwindet. Und vor allem ist es kein Randthema - es ist omnipräsent. Deshalb haben wir versucht, es auch im Irland-Krimi aufzugreifen. MD: Haben Sie dieses Thema aktiv vorangetrieben? Nosbusch: Ich habe mich immer stark gemacht für Frauen, für ihre Rechte und für Fairness im Umgang miteinander. Insofern war für mich sofort klar, dass ich so ein Thema unterstütze. Ich gehe als Feministin durchs Leben. Und ich glaube schon, dass ich über die Jahre hinweg ein paar Türen öffnen konnte - für die Generationen, die nach uns kommen. MD: Wird Gewalt gegen Frauen in der deutschen Fernsehfiktion zu wenig behandelt? Nosbusch: Es dauert oft sehr lange, bis weibliche Opfer wirklich gehört werden. Und da Filme und Serien ja häufig das widerspiegeln, was in unserer Gesellschaft passiert, würde ich mich tatsächlich trauen zu sagen: Ja, vielleicht wird dieses Thema noch immer nicht ausreichend behandelt. Wenn ich mit meiner Mutter spreche - sie ist Italienerin und schaut hauptsächlich italienisches Fernsehen - erzählt sie mir fast jede Woche von neuen Fällen. Von Männern, die ihre Partnerinnen schlagen, töten oder verschwinden lassen. Ich sage dann: Mama, das kann doch nicht sein. Und sie antwortet: Doch. Genauso ist es. MD: Ist der Kriminalfilm als Genre besonders geeignet, um das Thema Gewalt gegen Frauen einem breiten Publikum näherzubringen? Nosbusch: Ich hatte kürzlich einen Film im ZDF, "In fremden Händen". Alle haben gejubelt, weil er eine Rekordquote hatte. Darin ging es um eine sogenannte schwarze Witwe, basierend auf einem realen Fall. Das war kein Krimi, sondern ein Thriller - und er hat in den Quoten sogar Serien wie "Bad Banks" übertroffen, in der ich auch mitgespielt habe. Das zeigt: Es muss nicht immer ein Krimi sein. Entscheidend ist, dass Themen die Menschen wirklich ansprechen - und dass sie gut umgesetzt sind. Im deutschen Fernsehen neigen wir allerdings dazu, vieles automatisch in ein Krimiformat zu packen, weil es heißt: Krimis funktionieren immer. Ich finde, Themen müssen ernsthaft und mutig erzählt werden. Dann finden sie auch ihren richtigen Rahmen. MD: In beiden Irland-Krimis geht die Gewalt von jüngeren Männern aus. Ist das Zufall - oder spiegelt die Fiktion hier die Realität wider? Nosbusch: Wir erleben ja gerade, wie viel Aggressionspotenzial und Gewalt unter Jugendlichen vorhanden ist. Die Entwicklung wirkt manchmal fast explosionsartig. Wenn Zwölfjährige aufeinander losgehen oder Vierzehnjährige Zwölfjährige vergewaltigen - dann zeigt das, wie brutal diese Dynamiken werden können. Mein Eindruck ist, dass wir alle im Moment eine sehr kurze Zündschnur haben. Eine echte Streitkultur scheint oft zu fehlen. Konflikte eskalieren schneller als früher. Ich merke das auch, wenn ich Veranstaltungen moderiere, etwa auf der Berlinale. Man bewegt sich manchmal auf sehr dünnem Eis. Es wird fast erwartet, dass man sich sofort auf eine Seite schlägt - selbst dann, wenn man eigentlich gar nicht in diesem Lagerdenken steht. Und noch etwas: Frauen sind heute in vielerlei Hinsicht näher an dem Punkt, den wir immer erreichen wollten - selbstständig, unabhängig, emanzipiert. Das bedeutet aber auch, dass sich viele Männer neu definieren müssen. Dieser Prozess kann Unsicherheit und manchmal auch Aggression auslösen. Das sollte man nicht unterschätzen. MD: Wird das Thema Femizid inzwischen ernst genug genommen - oder fliegt es immer noch unter dem Radar? Nosbusch: Nein, ich glaube nicht, dass es noch komplett unter dem Radar läuft. Es gibt inzwischen Organisationen und Anlaufstellen, an die sich Betroffene wenden können. Entscheidend ist aber, dass Menschen den Mut finden, aus Gewaltbeziehungen auszubrechen. Das erfordert enorme Stärke. MD: Befürworten Sie auch härtere Strafen? Nosbusch: Auf jeden Fall. Es gibt hier in Luxemburg einen konkreten Fall von Pädophilie. Der Prozess hat noch nicht einmal begonnen - und dieser Mann läuft frei durch die Stadt. Er sitzt sogar regelmäßig im Café gegenüber der Schule seiner Tochter, mit der er keinen Kontakt haben darf, und schaut durchs Fenster zu ihr herüber. Und dann fragt man sich: Was wird er am Ende bekommen? Vielleicht drei Jahre, davon zwei auf Bewährung? Da stimmt einfach etwas nicht. MD: Waren Sie selbst schon Opfer solcher Gewalt? Nosbusch: Ich mag das Wort "Opfer" in meinem Fall nicht mehr, weil ich das Gefühl habe, mich aus dieser Situation herausgearbeitet zu haben. Ich sehe mich eher als Überlebende. Aber ja - ich habe Missbrauch erlebt. Das ist kein Geheimnis. MD: Wie hat sich die Situation in Ihrer eigenen Branche verändert - einer Branche, in der das Schlagwort "MeToo" ja besonders präsent ist? Nosbusch: Da hat sich tatsächlich sehr viel zum Positiven verändert. Heute gibt es bei Produktionen anonyme Anlaufstellen, an die man sich wenden kann, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Außerdem gibt es bei sensiblen Szenen, etwa bei Intimität, oft Coaches am Set, die den Dreh begleiten und darauf achten, dass alles respektvoll und professionell abläuft. Diese Sprüche von früher - "Jetzt stell dich nicht so an" oder "Sei nicht so prüde" - hört man heute zum Glück kaum noch. MD: Noch einmal zu Ihrer Rolle als Psychologin Cathrin Blake im Irland-Krimi. Sie führt die Fälle am Ende zu einer Lösung. Wird damit nicht ein bisschen zu viel Wirkungsmacht suggeriert? Nosbusch: Man darf nicht vergessen: Diese Geschichten werden im Zeitraffer erzählt. Es ist Fiktion in 90 Minuten - nicht Realität in 90 Minuten.

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