Schutzraum für eine bedrohte Art - Series Mania präsentierte Serienstoffe mit Relevanz

Von Wilfried Urbe (KNA)

SERIE - Europa entwickelt sich immer mehr zum Motor für politisch relevante Serienstoffe. Die USA fallen aus nachvollziehbaren Gründen zurück. Eindrücke von der diesjährigen Series Mania in Lille.

| KNA Mediendienst

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Der Series-Mania-Bus

Foto: Series Mania/KNA

Lille (KNA) Europa wird mehr und mehr zum kreativen Biotop, wenn es um anspruchsvolle und relevante Geschichten für TV und Streaming geht. Das war wohl eines der wichtigsten Resümees der diesjährigen Series Mania in Lille, wo sich wie jedes Jahr die internationale Kreativ- und Medienbranche getroffen hat, um die kommenden Streaming- und TV-Highlights vorzustellen. Welch politische Dimension die vielfältige Erzählkunst auf unserem Kontinent grundsätzlich birgt, machte während des Festivals die Unterzeichnung eines neuen Übereinkommens des Europarats über die Serien-Koproduktion audiovisueller Werke deutlich. "Wenn Europa in militärische Sicherheit investiert, worin investieren wir dann, um die demokratische Sicherheit zu stärken?", fragte Europarat-Generalsekretär Alain Berset anlässlich der Inkraftsetzung eines ersten internationalen Rechtsrahmens, der speziell der unabhängigen Koproduktion von Serien für Fernsehen und Streaming-Plattformen gewidmet ist. "Es beginnt mit Institutionen, denen die Menschen vertrauen können. Das klingt offensichtlich - ist es aber nicht", so Berset in Lille: "Der audiovisuelle Sektor ist auf dieselben demokratischen Bedingungen angewiesen: unabhängige Produktionen, kreative Freiheit und fairer Zugang zum Publikum." Dieser Zugang dürfe nicht durch undurchsichtige Algorithmen und Marktkräfte verzerrt werden, die "die Macht in den Händen einiger weniger konzentrieren". Georgien, Griechenland, Italien, Luxemburg, Malta, Montenegro, Polen und Portugal unterzeichneten die Konvention, die allen 46 Mitgliedern des Europarats offensteht. Das Abkommen soll letztlich sowohl die kulturelle Zusammenarbeit als auch unabhängige Produzenten noch mehr unterstützen. "Die Zukunft wird zeigen, ob die Amerikaner weniger daran interessiert sein werden, ambitionierte und anspruchsvolle Shows zu produzieren - damit meine ich nicht die Produktionsqualität, sondern den Anspruch der Geschichten", kommentierte Festivaldirektorin Laurence Herszberg diesen Trend. Direkt zur Eröffnung der Veranstaltung hatte allerdings "The Testaments" Premiere gefeiert. Die neue Disney-Serie ist eine Fortsetzung von "The Handmaid's Tale: Der Report der Magd". Angelehnt an Margaret Atwoods Romanvorlage wird eine Coming-of-Age-Geschichte von zwei jungen Frauen erzählt, die "mit brutalem Gehorsam und göttlicher Rechtfertigung auf das Leben als zukünftige Ehefrauen vorbereitet werden", wie es im Pressetext heißt. Eine Geschichte also, die viele Parallelen zu Vorgängen in einer Gegenwart zulässt, in der überall auf der Welt totalitäre Regime auf dem Vormarsch sind, die auch Druck auf die Kulturschaffenden ausüben. Gefragt danach, ob die Situation in den Vereinigten Staaten den Zehnteiler noch aktueller macht, etwa durch die Förderung konservativer Rollenbilder durch die derzeitige US-Regierung, antwortete der Autor Bruce Miller auf der Pressekonferenz in Nordfrankreich eher ausweichend: "Nein, es geht um die Unterdrückung von Frauen, und das war schon immer ein aktuelles Thema." Der Trend jedenfalls, dass Kreativität aus Europa komme, habe sich nun noch deutlicher gezeigt, sagte Festivaldirektorin Herszberg. Als einen der herausragendsten Beiträge in Lille verwies sie dabei auf "Prisoner 951". Inspiriert von einer wahren Begebenheit, erzählt das britische Drama die Geschichte von Nazanin Zaghari-Ratcliffe, einer britisch-iranischen Staatsbürgerin (Narges Rashidi), die 2016 während einer Familienreise in den Iran ohne ersichtlichen Grund von den Revolutionsgarden verhaftet wurde, während sich ihr Ehemann (Joseph Fiennes) jahrelang um die Freilassung seiner Frau bemüht. "Dass die Demokratie manchmal am seidenen Faden hängt, zeigt auch der spanische Politthriller 'Anatomy of a Moment'", so Herszberg im Gespräch mit dem KNA-Mediendienst. Die "meisterhafte Adaption" von Javier Cercas" gleichnamigen Sachbuchroman beschreibe den gescheiterten Staatsstreich durch Militärs von 1981 in Spanien mit "chirurgischer Präzision" und sei ein bedeutender Beitrag angesichts der "Bedrohung demokratischer Systeme durch totalitaristische Strömungen weltweit". Zahlreiche weitere Serien, darunter etwa "Etty", in der eine Geschichte, die eigentlich während der Besatzung der Niederlande durch die Nazis handelt, in die heutige Zeit verlegt wird, zeugten in Lille ebenfalls vom Ideenreichtum und der Relevanz europäischer Serien. Unter den Preisträgern der Series Mania sticht "Proud" - ein Mehrteiler aus Polen - hervor. Hier geht es um einen homosexuellen Mann, der sich um seine kleine Nichte kümmert. Laut Jury sei "Proud" ein tief bewegendes Porträt eines jungen Mannes am Rande des Zusammenbruchs, der gezwungen sei, sein Leben in die Hand zu nehmen: "Eine zarte, ehrliche und mitreißende Reflexion über Liebe und Freundschaft", die sich ebenso "mit der beiläufigen Homophobie unserer modernen Welt" auseinandersetze. Ein Preis ging in diesem Jahr auch nach Deutschland: Arne Feldhusen ("Stromberg") wurde für seine Regiearbeit zur ZDF-Bürosatire "Schlechte Menschen" ausgezeichnet.

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