Ein moderner Leviathan - Sachbuch auf der Spur von Elon Musks digitaler Macht

Von Joel Schmidt (KNA)

SACHBUCH - Elon Musk würde den Staat am liebsten abschaffen. Dahinter stecken aber nicht nur libertäre Ideologie oder kurzfristige Gewinnerwartungen, sondern ein eigenes Weltbild. Zwei Autoren begeben sich für ihr Buch auf die Spur des "Muskismus".

| KNA Mediendienst

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"Muskismus"

Foto: Suhrkamp/KNA

Berlin (KNA) Glaubt man Elon Musk, dann erlebt die Menschheit derzeit ihre letzten Monate, in denen sie noch selber Herr im Hause ist. Noch für das laufende Jahr rechnet er mit der Entwicklung einer digitalen Superintelligenz (AGI), die angeblich intelligenter als jeder lebendige Mensch sein und unser aller Leben radikal verändern wird. Gleichzeitig soll ein nicht unwesentlicher Teil der Menschheit vom "wissenschafts-, leistungs- und insgesamt menschenfeindlichen Woke-Mind-Virus" befallen sein, den es mit aller Macht zu bekämpfen gelte. Gelinge dies nicht, "wird es die Zivilisation zerstören, und die Menschheit wird nie den Mars erreichen." In ihrem Buch "Muskismus. Aufstieg und Herrschaft eines Technoking" beschäftigen sich der Geschichtsprofessor Quinn Slobodian und der Autor Ben Tarnoff ausgiebig mit dem Phänomen Elon Musk. Dabei formulieren sie den Anspruch, nicht nur der Frage nachspüren zu wollen, wer die Person Elon Musk ist. Vielmehr noch treibt sie die Frage um: "Wofür ist Musk Symptom?" Angelehnt ist diese Überlegung an den Industriellen Henry Ford. Dessen Name ist heute untrennbar mit der vorherrschenden Produktionsweise des Kapitalismus des 20. Jahrhunderts verbunden, die im Wesentlichen auf der Verknüpfung von Massenproduktion und Massenkonsum zur Wohlstandsmehrung beruhte. Auch den Muskismus verstehen die Autoren als ein solches Modernisierungsprojekt. Doch während der Fordismus noch mit dem Versprechen verknüpft war, den Lebensstandard für alle zu heben, sei dies im Muskismus nicht mehr der Fall. Das Henry Ford Antisemit war und dem Faschismus gegenüber nicht abgeneigt, sei hier nur am Rande erwähnt. Anders als Ford verspreche Musk nun "Souveränität durch Technologie." Der Unternehmer Elon Musk verkaufe nicht einfach "Autos, Raketen und Satelliten". Er verkaufe den Traum, dass in einer zusehends instabilen Welt einzelne Menschen vom Staat autark werden können - indem sie stattdessen Musks Infrastrukturen nutzen. Einziges Manko: Sie begeben sich in die komplette Abhängigkeit vom Unternehmer. Der reichste Mensch der Welt gibt sich gerne libertär und antistaatlich. Bei seinem Start als Leiter der sogenannten Abteilung für Regierungseffizienz (DOGE) nach Trumps Amtsantritt im vergangenen Jahr präsentiert er sich im Stil des rechtslibertären argentinischen Präsidenten Javier Milei mit röhrender Kettensäge, um der US-Bürokratie den Kampf anzusagen. In ihrem Rückblick auf Musks Biografie zeichnen Slobodian und Tarnoff jedoch anschaulich nach, wie sehr Musks unternehmerischer Erfolg selbst immer auch auf staatlicher Förderung beruhte - und dem richtigen Timing. Sein Raumfahrtunternehmen SpaceX habe er etwa zu dem Zeitpunkt gegründet, als die USA ihren "Krieg gegen den Terror" ausriefen und im Zuge dessen eine "goldene Ära für den Rüstungssektor" begonnen habe. Als ab dem Jahr 2001 die Verteidigungsausgaben stiegen und das Militär verstärkt die Zusammenarbeit mit Privatunternehmern gesucht habe, brachte sich Musk in Stellung und nahm zunächst den Markt für kleine Satelliten ins Visier. Sein ehemaliger Geschäftspartner bei Paypal, Peter Thiel, schlug einen ähnlichen Weg ein und gründete zwei Jahre später das auf Datenanalyse spezialisiertes Unternehmen Palantir. Die Autoren beschreiben die damalige Konstellation wie aus dem Drehbuch eines Science-Fiction-Thrillers: "Thiel würde die weltweiten Netze nach Spuren von Feinden Amerikas durchforsten. Musk würde dem Pentagon helfen, sein Satellitennetz auszuweiten, um diese Feinde vom Weltraum aus zu jagen." Zwei Jahrzehnte später sollte sich diese Entscheidung von Musk als wegweisend herausstellen. Während im Silicon Valley der Jahrtausendwende die Ära der Plattformen begann, investierte er - gegen den Trend - in Raketenbau und Hardware. Das Ergebnis: 2025 wurden 95 Prozent aller orbitalen Raketenstarts in den Vereinigten Staaten und mehr als die Hälfte der weltweiten Starts von Musks SpaceX durchgeführt. Das US-Verteidigungsministerium, die Nasa und weitere amerikanische Regierungsbehörden seien seither in eine tiefe Abhängigkeit geraten, mittlerweile kontrolliere SpaceX "de facto den Zugang der Staaten zu erdnahen Umlaufbahnen", so die Autoren. Ihre Bezeichnung für diese Facette des Muskismus: "Souveränität als Dienstleistung". Auch wenn Slobodian und Tarnoff mehr über das Symptom Musk als den Menschen dahinter schreiben wollten, erfährt man bei der Lektüre auch jede Menge über die Person Elon Musk: Wie ihn Computerspiele und Sci-Fi-Serien prägten, wie sich sein Hang zu Memes-Kultur und Trollerei in den Sozialen Netzwerken entwickelte oder wie er im Laufe der Jahre sein rassistisches, antisemitisches und transfeindliches Weltbild der Öffentlichkeit immer unverhohlener präsentierte. Diesen Passagen haftet durchaus etwas Erschreckendes an. Zuweilen wirken sie jedoch auch kursorisch und anekdotenhaft. Weitaus stärker ist das Buch an Stellen, wo langfristige Entwicklungslinien deutlich werden. Etwa wenn die Autoren Verknüpfungen zwischen den Ideen des frühen Silicon Valley und der Gegenwart herstellen. Schon in den 1990er Jahren träumten Futuristen und Techno-Optimisten von sogenannten Cyberstaaten. Die Idee damals: Mithilfe neuer Technologien würden Unternehmen und Gesellschaften eines Tages in die Lage versetzt werden, den Staatsapparat aufzulösen und sich stattdessen selbst zu regieren. In der Anfangszeit des kommerziellen Internets, als viele Beteiligte noch voller Hoffnung auf die Zukunft und die Möglichkeiten der neuen Technologie blickten, mag dieses Konzept abwegig geklungen haben. Doch nur drei Jahrzehnte später scheint Slobodian und Tarnoff eine solche "Symbiose von politischer und digitaler Macht möglich". Im Rückblick auf Elon Musks jüngstes Engagement für die Trump-Regierung kommen die Autoren zu dem Fazit: "Unter dem Muskismus hat sich der Techsektor dran gemacht, den Nationalstaat nicht zu beseitigen, sondern seine Fähigkeiten zu verbessern." Bei Passagen wie diesen wünscht man sich, dass die Autoren ihren Blick schärfen und konkreter werden würden, statt abstrakt vom "Techsektor" zu sprechen. So ordnen sie etwa Firmen wie Anthropic, Alphabet, Amazon und OpenAI, um nur einige Beispiele zu nennen, nicht in das von ihnen entworfene Konzept des Muskismus ein. Aber das wäre vermutlich ein komplett eigenes Buch - eines, das sich nicht mit Elon Musk als modernem Leviathan, mit Krone auf dem Kopf und Schwert in der Hand, als Titelbild bewerben ließe.

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