Bonn (KNA) Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl jährt sich in diesem Jahr zum 40. Mal. Wer die Ereignisse damals medial verfolgt hat, erinnert sich an eine Mischung aus Hysterie und Apathie, hilflose Kommunikation der politisch Verantwortlichen und das Gefühl von Epochenwechsel. Das sind die Eindrücke, die Filmemacher Volker Heise mit seiner Doku "Tschernobyl 86" vermitteln will, die am Montag (23.05 Uhr im Ersten) gezeigt wird. Der Film besteht nur aus Archivmaterial, das dem Publikum ein unmittelbares Gefühl der damals herrschenden Stimmung übermittelt. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) berichtet Heise, wie die Katastrophe seine eigene Haltung zur Atomkraft verändert hat und wie er mit seiner Doku versucht, dem Publikum Anschauungsmaterial über Chancen und Risiken der Kernkraft an die Hand zu geben. KNA-Mediendienst: Herr Heise, haben Sie vor ein paar Jahren die HBO-Serie "Chernobyl" gesehen? Volker Heise: Selbstverständlich. Tolle Serie, gut recherchiert, beeindruckend dargestellt. Hut ab! MD: Was ist erschütternder: diese Fiktion oder Ihre Dokumentation? Heise: Das Gute an Fiktionen realer Ereignisse ist, dass man sie mit Emotionalität handelnder Charaktere anreichern kann. Das kam der HBO-Serie auch deshalb zugute, weil es von der Realität in den Tagen nach der Katastrophe, aber auch lange danach, kaum Bilder aus Tschernobyl gab und man sie inszenieren konnte. Dennoch ist die Wirklichkeit ungleich härter als jede Inszenierung. Mir geht Archivmaterial grundsätzlich näher und erschüttert mich leichter. MD: Was war an Tschernobyl bestürzender: die Katastrophe an sich, das Schicksal der Betroffenen oder die politische Verharmlosung? Heise: Das ist schwer zu trennen. Auf der menschlichen Ebene sind die unmittelbaren Schicksale besonders erschütternd. Zum einen die Strahlenopfer, die fürchterlichste Verbrennungen erlitten haben. Zum anderen die Liquidatoren, die bei den Aufräumarbeiten verstrahlt wurden. Insgesamt waren das Tausende von Männern und Frauen, über deren Langzeitfolgen auch im Zuge des Zusammenbruchs der Sowjetunion viel zu wenig bekannt ist. An der Informationspolitik erkennt man die Dysfunktionalität autoritärer Systeme. Mangels Fehlerkultur und Medientransparenz werden Missstände nicht behoben, sondern verschoben. Deshalb gab es erst zwei Wochen nach der Katastrophe staatsoffizielle Berichte aus Tschernobyl. MD: Die das Ausmaß obendrein heruntergespielt haben. Heise: Mehr noch: Die Propaganda hat daraus sofort eine Heldenerzählung selbstloser Sowjetbürger im erfolgreichen Kampf gegen eine neue Art von Naturgewalt gemacht. MD: Im Westen wurde nach zwei Tagen von der Havarie berichtet. Wie sehen Ihre Erinnerungen vom 28. April aus, als viele Zeitungen mit dem kryptischen Begriff "Super-GAU" getitelt haben? Heise: Ein sonniger Tag während meines Studiums in Berlin. Ich war mit Freunden am Wannsee und habe abends zum ersten Mal in den Nachrichten von Tschernobyl gehört. MD: Und Ihre Reaktion? Heise: Schock, Ernüchterung, Hilflosigkeit. Bis dahin haben Experten und Politiker immer gesagt, so ein Unfall könne nie, nie, niemals passieren. Auf diesen Epochenwechsel waren da weder die Menschen noch ihre Institutionen vorbereitet. Während ihn der Osten unter den Teppich kehrte, gab BRD-Innenminister Friedrich Zimmermann gebetsmühlenartig Entwarnung: Man habe die Lage im Griff und so was könne im Westen nicht passieren. Weil Fehler im System der atomaren Energieerzeugung an sich stecken, im Wesen der Technik, und nicht nur in ihrer Kommunikation, glaubte ihm allerdings kaum jemand. MD: Sie als Politikstudent im linken Berliner Uni-Betrieb vermutlich schon gar nicht. Heise: Natürlich nicht. Ich gehöre zur Generation, die sich mit Atomkraft kritisch auseinandergesetzt hatte. Heute bin ich zwar weniger kategorisch, aber zwei Dinge hat man bis heute eben nicht in der Hand: die Folgen einer Havarie, wie zuletzt Fukushima zeigte. Und die Endlagerfrage. Beides hat die Bundesregierung seinerzeit konsequent schöngeredet, und bis Tschernobyl haben ihr viele geglaubt. Danach deutlich weniger. Auch, weil sie es kommunikativ überhaupt nicht in den Griff bekommen hat. MD: Fasziniert Sie dieser Umstand besonders? Heise: Mich fasziniert vor allem die Nähe aller Beteiligten zum Ereignis. Viele solcher Katastrophen bleiben abstrakt, rücken uns nicht auf die Haut. Damals der saure Regen, jetzt der Klimawandel. Die Radioaktivität aus Tschernobyl dagegen schien uns direkt zu bedrohen. Ähnlich war es auch bei Corona. Wenn uns Katastrophen im Alltag spürbar betreffen, nehmen wir sie ernster. MD: Warum haben Sie zur Vermittlung dieser Kontinuität komplett auf Off-Kommentare und Zeitzeugen verzichtet? Heise: Verzicht klingt so enthaltsam. Die Frage ist, welchen Film man machen will. Wer Ereignisse rekonstruieren und erklären will, ist mit Experten, Zeitzeugen, Kommentaren gut beraten. Mir ging es darum, ein Gefühl für die damalige Zeit zu vermitteln, und mit Archivmaterial erzählt man mit der Vergangenheit und nicht über die Vergangenheit. Ich bin häufig auf der Suche danach, sie anders als durch den Blick von Fachleuten zu erklären. Das ist unmittelbarer. MD: Macht den Film aber automatisch zu einer Medienanalyse, weil das Material mehrheitlich der damaligen Berichterstattung entstammt. Heise: Meine Filme sind, wie "Gladbeck", oft Reflexionen über die Medien, ihren Voyeurismus, Krisenkommunikation generell. Aber eigentlich ist jeder Film bewusst oder unbewusst eine Reflexion über das eigene Medium. MD: Formate wie "Schwarzwaldhaus 1902" oder "24h Berlin" haben das Genre dabei revolutioniert. Wieso arbeiten Sie in "Tschernobyl 86" vergleichsweise konventionell? Heise: Finden Sie das konventionell? Daniel Lindseys "LA 92" über die Unruhen nach den Freisprüchen im Fall Rodney King oder Asif Kapadias Maradona-Porträt arbeiten zwar ausschließlich mit Archivmaterial, das sind aber absolute Ausnahmen. Ich wollte auch keine formale Innovation. Mir ging es darum, was Krisen mit Gesellschaften machen, welche Prozesse sie anstoßen, welche nur beschleunigen, wie Politik darauf Einfluss nimmt. Man sieht im Iran, wie ihr der eigene Einfluss entgleitet, wenn sich Krisen verselbstständigen. Das interessiert mich auch an Tschernobyl und war mit Archivmaterial am besten vermittelbar. Und noch was. MD: Ja? Heise: Weil unsere Medienlandschaft eine ganz andere ist und die Aufmerksamkeitsspanne kürzer, haben es Experimente wie "24h Berlin" schwerer. Angesichts all der Krisen fällt es uns ohnehin zusehends schwer, mal innezuhalten und sich auf eine davon zu konzentrieren. Sich obendrein stilistisch auf etwas Neues einzulassen, macht die Sache noch komplizierter. Aber wer sich auf 90 Minuten "Tschernobyl" einlässt, spürt womöglich, wie die Stimmung in Ost und West zwischen Hysterie und Apathie pendelte. Mich interessiert daran auch, was Angst mit Menschen macht. Ich sehe den Film eher als fernen Spiegel für unsere Gegenwart. MD: In diesem Fall: Angst vor der Atomkraft. Darf man Ihre Dokumentation demnach als Plädoyer dagegen lesen? Heise: Ich vermeide es generell, meinem Publikum Reaktionsmuster auf den Weg zu geben. Statt für irgendetwas zu plädieren, gebe ich den Zuschauern Anschauungsmaterial für eigene Entscheidungen. Das Prinzip lautet: wenn, dann. Wenn Kernkraft, dann Vorteile - Klimafreundlichkeit zum Beispiel. Aber eben auch Risiken: die Endlagerfrage, die Beschaffungsfrage, die Unfallfrage. Und wo Atomkraftwerke sind, ist auch die Atombombe nicht weit. Wie bei der KI geht es da schlicht um eine Kosten-Nutzen-Rechnung: Wie viel Risiko gehe ich für welchen Fortschritt? Mein Film ist fertig, jetzt seid ihr dran.